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Formel 1:"Willst du uns umbringen?"

Formel 1 in Imola: George Russell brüllt nach einem Unfall auf Valtteri Bottas ein

Showdown im Kiesbett: Williams-Pilot George Russell brüllt nach einem gemeinschaftlichen Unfall bei Tempo 300 auf Valtteri Bottas ein, der in seinem demolierten Mercedes hockt.

(Foto: nordphoto GmbH /imago)

Der spektakuläre Crash zwischen Valtteri Bottas und George Russell - seinem möglichen Nachfolger bei Mercedes - wirkt sich auch auf den Titelkampf zwischen Lewis Hamilton und Max Verstappen aus.

Von Philipp Schneider

Valtteri Bottas hockt im feuchten Laub. Vor sich die legendäre Tamburello-Kurve, hinter sich der Metallpfosten eines Gitterzauns, an den er Po und Rücken lehnt. Wohl auch, um nicht umzukippen. Man weiß nicht, warum genau er diese Auszeit nimmt. Verletzt ist er nicht, aber es gibt andere Gründe, weswegen ein Rennfahrer nach einem heftigen Crash bei einer Geschwindigkeit von 295 Kilometern in der Stunde ins Grübeln geraten kann. Ist es der Schock? Der Zorn? Denkt er über seine weitere Karriere nach? Die Saison fing ja diesmal nicht sonderlich gut an für den freundlichen 31-Jährigen aus Nastola, Finnland, der bereits seine fünfte Saison an der Seite von Lewis Hamilton erlebt und dabei nur neun Rennen gewann.

Der Halt suchende Bottas am Zaun hatte am Sonntag sein Visier geöffnet, frische Luft strömte an seine Nase; und auch an seine Finger, nachdem er seine Handschuhe abgestreift hatte. Kurz zuvor hatte er sie noch an, als er im fast völlig zerstörten Wrack seines Mercedes gesessen hatte, aus dessen Heck Rauchwölkchen hochstiegen wie von einem Lagerfeuer. Man weiß das, weil Bottas seinen behandschuhten und mit Wucht durchgestreckten Mittelfinger gut sichtbar für die Kameras George Russell vor die Nase gehalten hatte. Exakt in dem Moment, als sich Russell zu Bottas und dessen qualmendem Dienstwagen herunterbeugte, um ihm mit der Hand gegen den Helm zu schlagen.

Crashs gehören zur Formel 1 wie der tägliche Reifenwechsel. Manchmal kommt es zu körperlicher Gewalt im Kiesbett, wobei auch diese Szenen seltener geworden sind im Zeitalter einer auf Sicherheitskonzepte bedachten Rennserie. Aber hin und wieder rumsen zwei Piloten ineinander, bei denen sich der Eindruck verfestigt, nicht der Kampf um die Plätze allein sei Ursache für Crash und Handgemenge. Sondern tiefgründige Politik, Zank unter Teamkollegen - oder Streit um künftige Cockpits.

"Für ihn ging es ja eigentlich um nichts. Aber für uns ist ein neunter Platz alles."

Am Sonntag in Imola waren es Bottas, der Adjutant von Hamilton, und sein potenzieller Nachfolger bei Mercedes, die sich von der Strecke räumten: Williams-Pilot George Russell. Der 23-Jährige aus Kings's Lynn, ausgestattet mit einem Ausbildungsvertrag von Mercedes, gilt seit seiner sensationellen Fahrt im Bahrain im Vorjahr als ernsthafte Bedrohung für Bottas' Karriere. Spätestens. Damals setzte er sich unter Verzicht auf eine Generalprobe hinter das Steuer des an Covid19 erkrankten Hamilton. Und weil er zehn Zentimeter größer ist als der siebenmalige Weltmeister, saß er dort wie ein "Affe auf dem Schleifstein", wie Teamchef Toto Wolff diagnostizierte.

Sogar als geschliffener Affe katapultierte er sich sogleich vor Bottas. Noch vor der ersten Kurve. Er hätte dieses Rennen, sein erstes im besten Auto des Feldes, zweifelsfrei gewonnen, wäre er nicht zum Opfer einer unglaublichen Panne geworden: Die Mechaniker schraubten Russell bei einem in der Hektik einer Safety-Car-Phase ausgeführten Garagenbesuch die Reifen von Bottas an.

Formel 1 - GP Emilia-Romagna

Nach seinem Crash nahm sich Valtteri Bottas einen Moment, um in der Tamburello-Kurve in Imola über etwas nachzudenken.

(Foto: Hasan Bratic/dpa)

Vier Monate später, eine neue Saison. Imola, Runde 31: Auf der regennassen Start-Ziel-Geraden schert Russell im weit langsameren Auto aus nach rechts, um mit Geschwindigkeitsüberschuss Bottas zu überholen. Bottas, der auf der Innenbahn fährt, lässt sich nach außen treiben, als er merkt, was Russell vorhat. Der wiederum weicht seinerseits in Richtung Außenbahn aus, gerät auf eine feuchte Stelle im Asphalt, verliert die Kontrolle, räumt bei einem Dreher seinen Williams ab und Bottas' Mercedes gleich mit. Acht teils abgeknickte Reifen kommen zum Stillstand in der Tamburello, der Todeskurve von Ayrton Senna, die nach dem Horrorwochenende von 1994 in eine langsamere Links-Rechts-Links-Schikane verwandelt wurde.

Russell flucht, steigt aus, läuft zu Bottas, brüllt durchs geöffnete Visier, unterstellt ihm eine Art Kamikaze, zumindest eine Mischung aus Selbstmord und Mord: "Willst Du uns umbringen?". Schlägt gegen den Helm, sieht einen Mittelfinger. Und wirft dann, Minuten später, eine Theorie auf den Markt: Er denke nicht, dass Bottas einem anderen Fahrer auf diese Weise vors Auto gefahren wäre. Ein Satz, mit dem er indirekt eine in der Szene ohnehin beliebte These bestätigte: Ich, George Russell, bin die größte Bedrohung für Valtteri Bottas.

Bottas' Abflug ist so heftig, dass er "das Auto abschreiben" könne, klagt Teamchef Toto Wolff

Der reagierte mit Humor: "Für solche Theorien habe ich leider meinen Aluhut vergessen." Er habe die trockene Linie verteidigt, das hätte er bei jedem anderen Piloten auch. Russell wiederum konnte nicht verstehen, warum sich Bottas so hart wehrte - und sprach einen Satz, der bei näherer Betrachtung vor Gift triefte: "Für ihn ging es ja eigentlich um nichts. Aber für uns ist ein neunter Platz alles."

Übersetzung: Er, Russell, kämpfte im unterlegenen Williams sensationell um Platz neun, und Bottas enttäuschte spektakulär, tuckerte er im nominell überlegenen Mercedes im Mittelfeld herum. Keine völlig schiefe Interpretation.

Toto Wolff, seit den ruppigen Hamilton-Rosberg-Jahren mindestens im Nebenfach mit einem unfreiwilligen Diplom in Psychologie gesegnet, handelte unmittelbar. Er warf sich schützend vor den ohnehin wankenden Bottas, den er als Hamiltons Helfer im Titelkampf mit Max Verstappen und Red Bull benötigt. Bottas' mentale Verfassung sei "nicht auf dem allerhöchsten Niveau. Wir müssen ihn aufbauen, damit er sich erholt", sagte Wolff. Die mentale Verfassung folgt da der sportlichen: Zum zweiten Mal hat Bottas in der noch jungen Saison die Qualifikation und ein Rennen versaut. Nun der Crash. Ihm dürfte gedämmert haben, dass es einfacher ist, mit Pfeil und Bogen in den Wäldern Finnlands zu überwintern, als Weltmeister zu werden an der Seite Hamiltons.

Russells Vorwurf, Bottas habe sich übertrieben aggressiv gewehrt, sei "Bullshit", sagte Wolff. Und auch Russell entschuldigte sich mit ein bisschen zeitlicher Distanz am Montag in den sozialen Medien bei Bottas ("So bin ich nicht, und ich erwarte mehr von mir.") Für Toto Wolff war der Crash aber auch aus einem ganz praktischen Grund unerfreulich: Bottas' Abflug sei so heftig gewesen, dass er "das Auto abschreiben" könne, was "angesichts des Budgetdeckels sicher nicht das ist, was wir brauchen können". Rumms! Money first?

Nicht ganz. Denn im Duell mit Red Bull und Verstappen kommt es für Mercedes in diesem Jahr so sehr auf die Qualität des zweiten Fahrers an wie seit sieben Jahren nicht. Verstappen sitzt erstmals im schnellsten Auto. Er fährt mit Hirn, sauste durch Imolas Pfützen souverän zum Sieg. Und an seiner Seite ist nun der begabte Sergio Perez. Der musste vor der Saison für Sebastian Vettel bei Aston Martin weichen, was sich für ihn als Glücksfall erwies: Als erster Teamkollege Verstappens seit drei Jahren qualifizierte er sich in Imola für einen Platz vor dem Niederländer. Zwar enttäuschte auch Perez im späteren Verlauf des Rennens. Aber gleich nach dem Start wurde der auf sich gestellte Hamilton am Sonntag von zwei Red Bulls gejagt und auch erlegt. Bottas parkte ja viel weiter hinten. Auf Platz acht.

© SZ/moe/mp
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