bedeckt München 13°

Formel 1:Viel Wirbel im Stillstand

Photo4 LaPresse 27 04 2019 Baku Azerbaijan Grand Prix Formula One Azerbaijan 2019 In the pic La

Im Vorjahr traf sich Lawrence Stroll, Investor beim Team Racing Point, mit Mercedes-Teamchef Toto Wolff und dem ehemaligen Formel-1-Vermarkter Bernie Ecclestone (v.l.) an der Strecke in Baku.

(Foto: imago)
  • In der Zwangspause versucht sich die Formel 1 zu sortieren und ruft den Notstand aus.
  • Im Zentrum einer kuriosen Kampagne steht Milliardär Stroll, der inmitten der Corona-Krise in ein neues Team investiert.
  • Es gibt Gerüchte, dass auch Mercedes-Motorchef Toto Wolff eine Rolle in Strolls neuem Team spielen soll.

Einstimmigkeit! Ach, wie schön. Da dürfte selbst Bernie Ecclestone, der ehemalige Zampano der Formel 1, gestaunt haben, als ihm in dieser Woche die Nachricht zu Ohren kam. Wobei das voraussetzt, dass er nicht noch abgelenkt war von einer anderen Nachricht, die ihn irgendwann im Herbst umgehauen haben dürfte: Ecclestone, 89, wird noch einmal Vater. Nach Deborah, 65, Tamara, 35, und Petra, 31, erwartet der fünffache Großvater und einfache Urgroßvater mit seiner 48 Jahre jüngeren (dritten) Frau Fabiana Flosi im Sommer einen Sohn. "Daran ist nichts merkwürdig. Es ist schon eine Weile her, seit ich gearbeitet habe und... ich hatte viel Zeit zum Üben", verriet er der Daily Mail.

Man wüsste ja gerne, wie Ecclestone die Corona-Krise gehändelt hätte. Ob er einfach hätte weiter fahren lassen? Oder auch diese Einstimmigkeit herbeigeführt hätte? Um noch zu retten, was zu retten ist von einer Saison, die mit 22 Rennen die längste der Geschichte werden sollte, haben sich der Automobilweltverband Fia und der Vermarkter Liberty Media, Ecclestones Nachfolger, auf Notstandsgesetze verständigt. In "dringlichen Angelegenheiten" bekommt die Regelbehörde mehr Handlungsspielraum. Anpassungen des Reglements, wie die flexible Handhabung des Rennkalenders, brauchen in der Corona-Krise nicht mehr die Zustimmung aller zehn Teams, sondern nur eine Mehrheit von 60 Prozent. Aus der Verzweiflung entsteht Vernunft, allerdings auch eine neue Machtfülle für Fia-Präsident Jean Todt, dem die Rennställe längst zu aufmüpfig sind.

Es ist überhaupt eine Vielzahl von Kräften, die in diesem Jahr an der Königsklasse reißen. Wenn es um die Existenz geht, kann das die Fähigkeit schulen, sich zu wandeln. Oder aber den Reflex hervorrufen, die Reißleine zu ziehen.

Ein gravierende Änderung des Wochenendprogramms könnte kommen

Die Manager an den Spitzen der Teams, die sich eventuell länger als bis Mitte April in den Werksferien befinden werden - auch das kann die Fia jetzt forcieren -, sind in der Krise, die eine der teuersten Sportarten der Welt besonders trifft, demütiger geworden. Rennwagen sind wie Flugzeuge - sie verdienen nur Geld, wenn sie unterwegs sind. Das könnte dauern. Nach der Absage oder Verschiebung der ersten acht Rennen wackelt der geplante Saisonauftakt in Kanada. Um jene 15 bis 18 Grand Prix zu retten, die in der Idealvorstellung von Liberty-Statthalter Chase Carey noch existieren, könnte die Exekutive eine gravierende Änderung des Wochenendprogramms durchsetzen: den für zwei Trainingseinheiten genutzten Freitag streichen. Das wäre eine Ersparnis bei Zeit und Aufwand, im Gegenzug wären bis zu vier Rennwochenenden hintereinander möglich. Vor 70 Jahren, in der ersten Saison der Formel 1, dauerte das Rennjahr ganze 113 Tage, gefahren wurden nur sieben Rennen. 2020 könnte sich, falls überhaupt noch gefahren wird, der Kalender bis kurz vor Weihnachten ausdehnen.

Um die für 2021 geplante Regel-Revolution zu verschieben, braucht es keinen Druck von den Funktionären. Die Rennställe selbst votierten dafür, den technischen und finanziellen Kraftakt in Krisenzeiten nicht auch noch stemmen zu müssen. Vielleicht kommt die neue Aerodynamik sogar erst 2023, je nachdem, wie gut und schnell sich der Motorsport konsolidiert. Für das kommende Jahr soll in jedem Fall aber die Budget-Obergrenze greifen, die bei 175 Millionen Dollar pro Team festgeschrieben ist, Spitzengehälter und Marketingausgaben exklusive. "Die Zeiten, die vor uns liegen, werden hart", prophezeit Frederic Vasseur, der den bei Zürich stationierten Alfa-Rennstall führt. Kleine Rennställe wie Haas oder Williams sind in der Existenz ebenso gefährdet wie die großen Konzernteams. Nach der Finanzkrise Ende der Zehnerjahre waren in BMW, Honda und Toyota gleich drei Werke ausgestiegen.

Lewis Hamilton über die Pandemie

"Es ist verrückt - die Welt kommt fast zum Stillstand und wir sehen, wie der Himmel klarer wird. Niemand weiß, warum dies alles passiert, aber es gibt jedem von uns sehr viel nachzudenken."

Noch hat keiner der derzeit an der Formel 1 beteiligten Rennställe das Concorde Agreement unterschrieben, in dem die Technik, vor allem aber die Mitbestimmung und - am allerwichtigsten - die Konditionen für die Gewinnbeteiligung auf mindestens fünf Jahre hinaus festgelegt werden. Verständlich, wenn sich Teams im Überlebensmodus befinden und Automobilkonzerne in tiefer Verunsicherung. Natürlich aber sind die alten Reflexe noch ausgebildet, möglichst viel für sich herauszuholen oder und möglichst wenig dem anderen zu gönnen. Die Werksteams von Mercedes, Ferrari, Red Bull/Honda und Renault wollen sich ihre Macht nicht beschneiden lassen. Möglich, dass es gar kein längerfristiges Abkommen gibt, sondern - wie bei der Technik - eine Übergangslösung.

Die Formel 1, die sich so lange auf Planungssicherheit verlassen hat und es in der Ignoranz äußerer Einflüsse immer wieder zu einer bemerkenswerten Meisterschaft bringt, muss ihr Navigationssystem umprogrammieren. Wenn es darum geht, wer die Formel 1 zukunftsfähig machen kann, sind Jean Todt, 74, und Chase Carey, 66, nicht die Hauptverdächtigen. Der Ingenieur Mattia Binotto, 50, hat genug mit Ferrari zu tun, der britische Strippenzieher Christian Horner, Teamchef bei Red Bull, 46, ist mehr auf Sport und Technik fixiert. Bleibt derjenige, der aus den Silberpfeilen von Mercedes innerhalb von sieben Jahren überlegene Flitzer gemacht hat und die Sportabteilung aus Stuttgart-Untertürkheim nach sechs Weltmeistertiteln in Serie zu einem sportlichen und wirtschaftlichen Vorbild: Toto Wolff, 48.

Lesen Sie mehr zum Thema

Zur SZ-Startseite