Tontaubenschießen mit britischen Journalisten, ein Grillabend für das ganze Team von Red Bull Racing – die Charmeoffensive von Christian Edward Johnston Horner zur Saisonmitte der Formel 1 hat nichts mehr genutzt. Nach dem fünften Platz von Max Verstappen beim Großen Preis von Großbritannien und damit dem Verlust einer realistischen Titelchance hat der Brite auch die letzten Fürsprecher im Getränkekonzern verloren. Am Dienstag wurde der seit 2005 amtierende und damit dienstälteste Teamchef der Königsklasse ausgetauscht. Ersatz für den 51-Jährigen hat Red Bull in den eigenen Reihen gefunden: Der Franzose Laurent Mekies, 48, der seit anderthalb Jahren das Sagen beim Zweitrennstall Racing Bull hat, übernimmt mit sofortiger Wirkung das kriselnde Team.
Eine Überraschung ist das nur vom Zeitpunkt her. Bereits seit anderthalb Jahren wird die Personalie Horner diskutiert, Anschuldigungen einer ehemaligen Assistentin, die ihm „unangemessenes Verhalten“ vorwarf, hatten den schwelenden Konflikt beim erfolgreichsten Team dieses Jahrzehnts in die Öffentlichkeit gebracht.
Der Vater von Weltmeister Max Verstappen gilt als Horner-Gegner
Schon damals hatten sich zwei starke Fraktionen gebildet, die mit dem immer mächtiger gewordenen Horner offensichtlich Probleme hatten: Jos Verstappen etwa, der Vater des viermaligen Weltmeisters Max Verstappen, kritisierte die Rennstallführung von dem Moment an öffentlich, als Horner sich mit dem langjährigen Rennstallberater Helmut Marko angelegt hatte. Marko galt vielen in der Heimat des Konzerns als Verwalter des sportlichen Erbes von Konzerngründer Dietrich Mateschitz. Nach dessen Tod hatte Horner jedoch die Chance gesehen, die erfolgreiche britische Rennfiliale allein unter Kontrolle zu bringen. Schließlich sprachen die thailändischen Mehrheitseigner von Red Bull ein Machtwort pro Horner – und manifestierten damit auch ihren eigenen Willen.

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Befriedet war der Machtkampf damit nicht, denn auch Designer Adrian Newey (zu Aston Martin) und Sportdirektor Jonathan Wheatley (zu Audi) suchten das Weite. Für viele waren diese beiden die Erfolgsgaranten des Rennstalls. Max Verstappen konnte sich am Ende wider Erwarten doch noch den Titel sichern, aber gekittet hat das die Risse nicht. Horner blieb auch ungewöhnlich erfolglos in seiner Wahl des zweiten Fahrers, er probierte in kurzer Zeit drei Piloten aus. Auch das stärkte die Fraktion seiner internen Gegner. Im restlichen Fahrerlager ging Horner keinem Wortgefecht aus dem Weg, verbiss sich insbesondere in Fehden mit Mercedes-Teamchef Toto Wolff und McLaren-Statthalter Zak Brown.
So wirkte Horner mehr und mehr isoliert, nach innen wie nach außen. Viele Fragezeichen gibt es auch um die eigene Motorenproduktion fürs kommende Jahr, nachdem Honda das Team verlassen wird. Ausschlaggebend für die Personalrochade aber dürfte das jüngste technische und sportliche Formtief gewesen sein. Max Verstappen liegt nach zwölf Rennen 68 Punkte hinter WM-Spitzenreiter Oscar Piastri, Red Bull hat in der Konstrukteurswertung als Vierter nicht annähernd die Hälfte der Zähler von McLaren.

Diese Situation nutzt die Konkurrenz mehr oder weniger unverhohlen dazu, um Verstappens Dienste für 2026 zu buhlen. Der 27 Jahre alte niederländische Ausnahmefahrer hat zwar noch einen Vertrag bis Ende 2028, aber er könnte bis August eine Ausstiegsklausel ziehen. Dann wäre er frei für Mercedes oder Aston Martin. Offenbar sahen inzwischen auch die Thailänder die Gefahr, dass das Imperium zerbricht. Ein Alternativplan, dass Horner zwar Teamchef bleibt, die bisherige Generalverantwortung aber wie bei vielen Teams üblich auf mehrere Schultern verteilt wird, fand keine Zustimmung.
Horner bleibt nur der Abschiedssatz von Red-Bull-Geschäftsführer Oliver Mintzlaff, dass er für immer ein wichtiger Teil der Teamgeschichte bleiben werde. Und der Stolz auf sechs Konstrukteurs-Titel sowie acht Fahrer-Weltmeisterschaften mit Sebastian Vettel und Max Verstappen. Letzterer könnte jetzt eigentlich bleiben, falls er noch will.

