Motorsport Hat die Formel 1 ihr Charisma verloren?

Zwei außergewöhnliche Typen in einer zunehmend angepassten Szene: der vor kurzem verstorbene Niki Lauda und Weltmeister Lewis Hamilton.

(Foto: Mark Sutton/imago)
  • Nach dem Tod von Niki Lauda ist die Formel 1 auf der Suche nach neuen, echten Typen.
  • Fahrer wie Hamilton und Vettel können noch polarisieren, doch danach kommt nicht mehr viel.
  • Die Szene gibt sich politisch überkorrekt.
Von Elmar Brümmer, Montréal

Textnachrichten per Telefon, das war die ihm liebste, weil schnellste Art der Kommunikation, nicht erst, seit er sterbenskrank war. Niki Lauda kam dabei oft mit einem Ja oder einem Nein aus. Vielleicht schrieb er nie. Ein paar Zahlen, ein paar Fakten, gelegentlich ein Gruß. So hat der dreimalige Formel-1-Champion, der in der vergangenen Woche in Wien zu Grabe getragen wurde, mit allen aus der Branche kommuniziert - und alle mit ihm. Auch Mercedes-Teamchef Toto Wolff wusste in seiner Trauer von Mitteilungen aufs Mobiltelefon zu berichten. Ferrari-Pilot Sebastian Vettel jedoch schrieb Lauda einen Brief ins Krankenhaus. Er sagt: "Wenn es einem schlecht geht, kommuniziere ich nicht mit einer SMS."

Am Pfingstsonntag beschließt die Königsklasse des Motorsports das erste Saisondrittel, und auch beim Großen Preis von Kanada ist noch zu spüren, wie sehr Niki Lauda fehlt. Es fehlt ein dreimaliger Weltmeister, ein gegen sich und alle anderen bisweilen radikaler Sports- und Geschäftsmann, auch ein Grantler. Vor allem aber vermisst die Formel 1 nun einen ihrer letzten Charismatiker. Lauda war glaubwürdig. "Es gibt viele Leute, die nicht so sind, wie sie sich im Fernsehen geben, und deren Zahl steigt schnell", beklagte Vettel zuletzt in Monte Carlo, als die angeblich so herzlose Formel 1 eine kollektive Betroffenheit zeigte, einige unter Schock standen. Dann fügte Vettel an, wie sehr er den "echten Racer und Charakter Lauda" bereits vermisse: "Das wird der Formel 1 fehlen. Das kann man nicht ersetzen. Es kommt auch nicht viel nach in der Hinsicht." Der Abschied vom Aufsichtsratchef und Mitbesitzer des Mercedes-Teams stimmt nicht nur Vettel nachdenklich, der ein Faible für die Geschichte seines Sports hat.

Das alles führt zu der Frage: Hat die Formel 1 ihr Charisma verloren?

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Die Sehnsucht nach Typen ist groß

Warum feiern die Kanadier auch an diesem Wochenende immer noch Gilles Villeneuve, der 1982 in einem Ferrari ums Leben kam, noch bevor er Weltmeister werden konnte? Noch heute wird auf den Asphalt der Rennstrecke, die seinen Namen trägt, liebevoll der Gruß "Salut Gilles" gepinselt. Die Verehrung gilt einem, der furchtlos und leidenschaftlich war, im Cockpit und außerhalb. Sein Sohn Jacques probierte es in den Neunzigern als Freigeist, wurde im berüchtigten Duell mit Michael Schumacher 1997 Weltmeister. Aber er spielte nur den Exzentriker.

Die Sehnsucht nach Typen ist groß, die grassierende politische Überkorrektheit spült auch den Motorsport weicher. Ein Check der aktuellen Rennfahrer-Generation zeigt, dass da außer Lewis Hamilton und Vettel nicht mehr so viele besondere Typen zu sein scheinen. Charles Leclerc, Vettels junger Teamrivale, ist noch am ehesten einer, bei dem sich Erfolg und Charakter zu einer faszinierenden Persönlichkeit fügen könnten; der Rebell Max Verstappen ist schon auf dem besten Weg dorthin. In der Formel 1 gibt es eine Markenwertung, aber die eigentlichen Marken sind immer die Fahrer.

Die Freigeister, nach denen sich plötzlich alle sehnen, gab es zuhauf in den goldenen Zeiten, die vor allem auch lebensgefährliche waren. Das hohe Risiko hat wohl die Lebenslust beschleunigt. Lauda gegen James Hunt, der unter dem Titel "Rush" verfilmte Drama-Stoff der Saison 1976, das war der Gipfel der Heroisierung. Vergangene Woche haben die Verwalter von Hunts Erbe für eine neue Fankollektion geworben. Das T-Shirt mit dem berühmten Spruch "Sex ist das Frühstück der Champions" ist nicht darunter. Aber Lauda hatte mit dem Versprechen ähnlicher Freiheiten das Talent Hamilton 2012 von McLaren zu Mercedes gelockt. Seitdem nutzt der Brite diese Freiheit für seinen eigenwilligen Lebensstil - und dankte es mit bislang fünf WM-Titeln.

Charakterköpfe fehlen auch hinter der Boxenmauer

Ein Hamilton allein kann die Sehnsucht der Fans kaum stillen, aber man darf auch nicht zu unfair sein. Die Formel 1 steckt gerade inmitten eines Generationswechsels, die bekanntesten Fahrer sind um die Dreißig oder älter. In diesem Jahr sind vier Debütanten am Start, sie müssen sich Respekt verschaffen. Fernando Alonso hat sich im Vorjahr verabschiedet, weil ihm alles zu langweilig geworden war.

Die Charakterköpfe fehlen zunehmend auch hinter der Boxenmauer. Bernie Ecclestone, 88, und Max Mosley, 79, die egozentrischen Teamchefs Ron Dennis, 72, und Flavio Briatore, 69, sind bestenfalls Zaungäste - genau wie der brillante Inszenierer und ehemalige Ferrari-Chef Luca di Montezemolo, 71. Aus der neuen Teamchef-Generation ragt Laudas Partner und Landsmann Toto Wolff, 47, heraus, ungeheuer smart, ein Mann klarer Worte. Der Red-Bull-Chef Christian Horner, 45, ist da schon weniger farbig, aber immerhin mit Spice-Girl Geri Halliwell verheiratet. Ferrari-Teamchef Mattia Binotto, 49, sorgt zumindest für einen anderen, offeneren Stil in Maranello. Einen, der auch zu Vettel passt, der gerne sagt, was er denkt. Egal, was nachkommt.

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