Formel-1-Weltmeister Lando NorrisNur nicht zum One-Hit-Wonder werden

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„Der Ruhm des letzten Jahres ist den Schmerz wert, den ich in dieser Saison spüre“, sagt Lando Norris – der gerade spürt, wie abhängig die Fahrer von ihren Autos sind.
„Der Ruhm des letzten Jahres ist den Schmerz wert, den ich in dieser Saison spüre“, sagt Lando Norris – der gerade spürt, wie abhängig die Fahrer von ihren Autos sind.
Clive Rose/Getty Images

Das Weltmeisterteam hängt der Entwicklung hinterher, Lando Norris scheint den Preis für den dramatischen Endspurt im Titelkampf aus dem Vorjahr zu zahlen. Kann er seinen McLaren wieder nach vorn bringen?

Von Elmar Brümmer, Spa-Francorchamps

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Nach dem Start gleich überholt worden, beim Boxenstopp zurückgefallen, und doch ist die Geschichte des Rennens auf der längsten Piste im Grand-Prix-Kalender in einem Satz zu erzählen: Nicht einmal beim Großen Preis von Belgien sah es so aus, als könnte Kimi Antonelli nicht gewinnen. Auf der Strecke, die der Legende nach Männer von Buben scheidet, hat der 19-Jährige das aktuelle Fahrerbild der Formel 1 entscheidend geprägt. Nach dem sechsten Saisonsieg baut der Italiener nach ein paar schwierigen Wochen seinen Vorsprung in der Gesamtwertung kurz vor der Saisonhalbzeit weiter aus. Von Rekordchampion Lewis Hamilton trennen ihn 45 Zähler, von seinem am Sonntag früh ausgefallenen Mercedes-Teamkollegen George Russell schon 50 Punkte.

Maßstab für den Aufsteiger des Jahres müsste eigentlich der Weltmeister sein. Doch Lando Norris ist nach dem zehnten WM-Lauf nur Fünfter der Tabelle, auf Antonelli fehlen ihm 101 Punkte. Das Schicksal des McLaren-Piloten zeigt einmal mehr, wie groß in diesem Sport die Abhängigkeit der Athleten von ihrem Arbeitsgerät ist. Deshalb ist die stolze Eins auf dem McLaren MCL40 trotz leichter Aufwärtstendenzen derzeit nur ein schmaler Strich.

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Die Lyrik der PR-Strategen jenes Rennstalls, der noch in der vergangenen Saison Mercedes in der Konstrukteurs-Weltmeisterschaft mit 833:469 Punkten gedemütigt hat, ist nach dem Rennen in den Ardennen so überschrieben: „Wenn“ und „Aber“ schreiben keine Geschichte. Dazu die nüchterne Feststellung: „In Spa wurden weniger Punkte geholt, als möglich gewesen wären.“ Ein fünfter Platz für Norris, dazu der siebte für Oscar Piastri – wären die Rennwagen aus dem Londoner Vorort Woking nicht papayafarben lackiert, würden sie noch unscheinbarer sein. Und das, obwohl im Heck der Autos das gleiche Triebwerk steckt wie in Antonellis Silberpfeil.

Seit Saisonbeginn hadert McLaren schon mit seinem Leasingmotor und der dazugehörigen Kommunikation mit dem deutsch-britischen Werksteam. Substanzielle Vorwürfe erwuchsen daraus bisher aber nicht, zumal McLaren ein eigenes Getriebe einsetzt. Die richtige Dosierung der Kräfte ist entscheidend in einer Saison, in der die Techniker aller Rennställe noch lange nicht alle Geheimnisse im komplexen Zusammenspiel von Verbrennermotor und Elektromaschine ergründet haben.

Norris hat sich 2025 im Titelkampf gegen den denkbar härtesten Gegner durchgesetzt: Max Verstappen

Der Sorge von Lando Norris, als One-Hit-Wonder abgestempelt zu werden, will McLaren beim letzten Rennen vor der Sommerpause am Wochenende in Ungarn mit einem technischen Upgrade am Auto entgegenwirken. Im Entwicklungsrennen der vergangenen Jahre war McLaren stets führend, setzte die Verbesserungen so punktgenau ein, dass sie auf Anhieb funktionierten. So konnte McLaren für eine Renaissance des zu Beginn des Jahrzehnts im Mittelfeld dümpelnden Traditionsteams sorgen. Der italienische Teamchef Andrea Stella hat kürzlich allerdings zugegeben, dass sein Rennstall bei den in diesem Jahr so entscheidenden Weiterentwicklungen derzeit rund zwei bis drei Monate hinter Branchenführer Mercedes liege. Aufholen allein reicht da nicht, weil die Gegner nicht stehen bleiben. McLaren müsse die anderen in den Bemühungen übertreffen: „Wir brauchen mehr Intensität im Unternehmen.“ Es fehlt noch an vielem: mehr Leistung, mehr Effizienz und vielleicht auch ein wenig mehr Rennglück.

Möglicherweise liegt eine der Ursachen für die Leistungsdelle im dramatischen Endspurt im Vorjahr, als McLaren laufend die Aufholjagd von Red Bull kontern musste und damit nicht alle Ressourcen in die Entwicklung des Autos für 2026 stecken konnte. „Der Ruhm des letzten Jahres ist den Schmerz wert, den ich in dieser Saison spüre“, sagt Lando Norris zu der These, dass er nun den Preis für seinen Titel zu entrichten habe: „Die Erinnerung an das letzte Jahr lässt mich jetzt trotz der schwierigen Zeiten mehr lächeln.“

Lando Norris fährt in seinem Boliden der Konkurrenz hinterher, dem Rennwagen fehlt der nötige Abtrieb. So erscheint die Titelverteidigung aussichtslos.
Lando Norris fährt in seinem Boliden der Konkurrenz hinterher, dem Rennwagen fehlt der nötige Abtrieb. So erscheint die Titelverteidigung aussichtslos.
Andrej Isakovic/AFP

Das ganze Augenmerk gilt nun der Aerodynamik, dem Dienstwagen von Champion Norris fehlt es am nötigen Abtrieb. Mangelnder Anpressdruck summiert sich beim Zeitverlust sowohl in den Kurven wie auf den Geraden. Die so sogenannte Fahrbarkeit der Leistung ist auch bei dem den Ansprüchen hinterher hinkenden Rennstall Red Bull Racing ein Problem, aber das tröstet wenig. Immerhin ließ Norris bei seinem zweiten Heimrennen – der 26-Jährige hat eine belgische Mutter – in der Qualifikation aufhorchen. Den dritten Startplatz aber verlor er durch eine Rückstufung von zehn Plätzen, da das Team an seinem Auto bereits zum vierten Mal in diesem Jahr eine neue Steuereinheit für den Motor einbauen musste.

Norris zählt eher zu den sensiblen Fahrern, hat sich im Vorjahr aber am Ende mit zwei Pünktchen Vorsprung im Titelkampf gegen den denkbar härtesten Gegner durchgesetzt: Max Verstappen. Ob die beiden noch Freunde sind, wie es immer hieß, oder bloß Gegner, ist nicht zu verifizieren. Der Niederländer steckt mit seinem Auto in einer ähnlich schwierigen Situation, aber er scheint besser darin zu sein, mögliche Sinnkrisen zu verdrängen. Vielleicht auch, weil er intern mehr Macht besitzt. Was Verstappen wünscht, ist bei Red Bull mehr oder weniger Befehl. Bei McLaren hingegen sind die Fahrer angestellte Chauffeure, die Techniker haben das Sagen. Ob sich Norris emanzipieren kann als derjenige, der mit seiner Expertise ein strauchelndes Auto wieder nach vorn bringen kann, erscheint fraglich.

Diese Sachlage wirft auch ein Licht auf die Spekulationen, nachdem der unzufriedene Max Verstappen per Ausstiegsklausel von seinem angestammten Rennstall im Ringtausch mit Oscar Piastri zu McLaren wechseln könnte. Obwohl Verstappens Renningenieur Gianpiero Lambiase Ende 2027 diesen Weg gehen wird, dürfte es reichlich Trubel verursachen, sollte der Niederländer tatsächlich Nebensitzer von Lando Norris werden. Dieser bezeichnet das Denkspiel tapfer als „coole Sache“, er findet: „Ich glaube, dass ich Max schlagen kann. Oder, vorsichtiger formuliert: Ich glaube, dass ich jeden Fahrer schlagen kann.“

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Von Elmar Brümmer

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