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Formel 1:Auf der falschen Spur

2020 Russian GP SOCHI AUTODROM, RUSSIAN FEDERATION - SEPTEMBER 27: Lewis Hamilton, Mercedes-AMG Petronas F1 in the pres

Auch der Beste kann mal beleidigt sein: Lewis Hamilton, Führender in der Formel 1, findet die Regelauslegung des Weltverbands kleinlich.

(Foto: FIA/Pool/Imago)

Weltmeister Lewis Hamilton fühlt sich und sein Mercedes-Team nach zwei Strafen beim Grand Prix in Sotschi künstlich ausgebremst.

Von Philipp Schneider, Sotschi/München

Eine Biene! Niemand sollte die Biene unterschlagen, wenn er sich einst erinnert an den Großen Preis von Russland im Seuchenjahr 2020. Es war ja offenbar nicht irgendeine Biene: also mit vier Flügeln, einer schwarz gestreiften Taille und ganz hinten einem Stachel. Es war wohl keine Honigbiene, keine rostrote Mauerbiene oder profane Bindensandbiene, die mit ordentlich Tempo einschlug auf dem Visier von Valtteri Bottas im denkbar ungünstigsten Moment. Es war "eine massive Biene", klagte Bottas. Das klang fast schon nach der Art Megachile pluto, der größten Biene der Welt, deren beeindruckender Torso mit mehr als vier Zentimetern Länge erstmals im 19. Jahrhundert auf den Molukken gesichtet wurde.

Eine massive Biene jedenfalls soll verantwortlich dafür sein, dass Bottas in Sotschi nicht in der ersten Runde an seinem Teamkollegen Lewis Hamilton vorbeigezogen ist. Sondern erst, als Hamilton in der Boxengasse eine Strafe von zehn Sekunden absaß, über die er sich nach dem Rennen noch so sehr ärgerte, dass er eine Debatte lostrat über den angeblich unfairen Umgang der Schiedsrichter mit Mercedes.

Vor der ersten Kurve war der von Position drei gestartete Bottas dank Windschatten schon fast vorbei an Hamilton. Dann schlug die massive Biene ein. "Ich konnte nicht mehr sehen, wo ich bremsen muss. Darum bin ich etwas zu weit rausgekommen", erzählte Bottas. Diese Biene erhielt am Sonntag jedenfalls nicht den Raum, den sie an anderen Tagen verdient gehabt hätte. Die Pressekonferenz kreiste fast nur um die seltsame Regel-Übertretung, die sich Hamilton und Mercedes vor dem Rennstart geleistet hatten. Und die Frage, ob Hamilton am Tag, als er Michael Schumachers Rekord von 91 Rennsiegen hätte egalisieren können, von den Kommissaren härter angefasst worden war als nötig. "Für so etwas hat noch niemand eine Strafe bekommen. Es wirkt, als müssten wir gegen Widerstände ankämpfen", schimpfte Hamilton: "Ich glaube nicht, dass vor mir schon mal jemand zwei Strafen für ein- und dasselbe Vergehen bekommen hat".

Zunächst die Fakten: Hamilton hatte vor dem Rennen zwei Teststarts gemacht an einer Stelle, die dafür nicht vorgesehen war - er probte am Ende der Boxenausfahrt, nicht weiter zurück, wo andere Piloten testeten. Das Areal, das dafür infrage kommt, ist auf jeder Strecke woanders verortet. Wo genau, das erfährt ein Fahrer beispielsweise bei der Streckenbegehung vor dem Rennen. Oder er liest nach in den "Event-Notes" von Rennchef Michael Masi. Dort heißt es für die Strecke in Sotschi: "Übungsstarts dürfen nur auf der rechten Fahrbahnseite nach der Ampel am Boxenausgang durchgeführt werden." Das Wort "nach" lässt zwar tatsächlich Spielraum für Interpretationen. Mercedes-Teamchef Toto Wolff nahm Hamilton mit dem Argument in Schutz, dieser habe doch sehr wohl "nach der Ampel" geprobt. Das war Haarspalterei. Nach der Ampel befindet sich theoretisch jeder einzelne Teil der Strecke. Hamilton stand bei seinen Versuchen jedenfalls nicht unmittelbar an der Ampel. Und erst Recht nicht auf der rechten Seite. Sondern am Ende der Boxenausfahrt, in einem Bereich, wo die Autos Tempo aufnehmen. Was allerdings zur Orientierung hilfreich gewesen wäre: Ein Foto innerhalb der Event-Notes, auf der das Areal für die Teststarts exakt abgelichtet ist. Beim Rennen in Mugello gab es das.

In Sotschi nicht. Rennchef Masi erklärte: "Gewiss, wir malen nicht eine Startbox auf den Asphalt, aber dennoch ist sich jedes Team des Probestartplatzes bewusst. Mercedes hat einfach einen Fehler gemacht." So muss man das sehen. Witzigewerweise gab Hamilton zu, er sei weiter rausgefahren, weil an der Stelle hinter der Ampel "alles voller Gummi" gewesen sei. Und wann entsteht Gummiabrieb? Etwa, wenn viele Piloten an der erlaubten Stelle Teststarts durchführen!

Weil sich Hamilton explizit erkundigte bei seinem Renn-Ingenieur, ob er rausfahren dürfe, und dieser bejahte ("Ja, verstanden. Aber versuch, genug Platz für die anderen Autos zu lassen!"), revidierten die Kommissare ihr Urteil, Hamilton zusätzlich mit zwei Strafpunkten zu sanktionieren - stattdessen erhielt Mercedes eine Geldbuße.

Hamiltons Sündenregister war vorübergehend nur noch zwei Zähler von einer automatischen Sperre entfernt. "Das ist doch lächerlich", klagte er: "Strafpunkte sollte es nur für Crashs oder ähnliche Vergehen auf der Strecke geben." Dabei erhielt er Unterstützung von Sebastian Vettel, der Hamiltons Vergehen als "Kleinigkeit" bezeichnete. Und von Max Verstappen, der zu einem Monolog über Freude und Ärger mit den Rennkommissaren ansetzte. Er habe sich längst gesagt, "dass ich an der Strecke die Kommissare zu meiden versuche. Sie im Hotel oder an der Bar zu treffen, ist nicht schlecht, aber an Rennwochenenden sollte man ihr Büro meiden." Das war interessant. Tat aber nichts zur Sache.

Genau wie eine Verschwörungstheorie, die umging: Hamilton sei so hart bestraft worden, weil sich Mika Salo als einer der Kommissare dafür stark gemacht habe. Wo kommt Salo her? Huch, aus Finnland! Also genau wie Bottas - der ja Hilfe benötigte? Nicht wirklich. Weil er auf härteren Reifen startete als Hamilton, wäre er auch ohne dessen Strafe Rennsieger geworden. Und keine auch noch so massive Biene hätte dies verhindert

© SZ vom 29.09.2020

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