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Football:Ramadama in der Schlossallee

Zwei Football-Teams sind in den vergangenen Jahren nach Los Angeles gezogen. Während die L.A. Rams sogar im Super Bowl um die Meisterschaft spielen, interessiert sich für die L.A. Chargers kaum jemand.

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Klare Präferenz: Beim Spiel der Rams gegen die Chargers im September 2018 hat ein Fan aufgeschrieben, was die meisten in Los Angeles denken.

(Foto: imago/Icon SMI)

Es sei an dieser Stelle an das musikalische Kleinod "Let's Ram It" erinnert, die Spieler der Los Angeles Rams haben es 1986 aufgenommen, als Hommage an ihre Stadt, ihren Klub und auch an sich selbst. Sportler-Ausflüge ins Tonstudio enden meist desaströs, man denke nur an Max Schmeling ("Das Herz eines Boxers kennt nur eine Liebe") oder jedes einzelne Lied der deutschen Fußball-Nationalelf. Der Song "Let's Ram It" ist ebenfalls unfassbar schlecht, darüber hinaus beinhaltet er derart viele sexuelle Anspielungen, dass aus Gründen des Jugendschutzes keine Zeile zitiert werden kann.

Die Rams, das waren in den 1980-ern die Los Angeles Rams. Als Cleveland Rams waren sie 1936 gegründet worden und haben dort 1945 den Titel gewonnen. Nach dem Zweiten Weltkrieg zog der Klub an die Pazifikküste und erreichte dort 1951 noch eine Meisterschaft in der Prä-Super-Bowl-Ära. Den Super Bowl gewannen die Rams erst 1999 - allerdings als St. Louis Rams, so hießen sie wegen eines erneuten Umzugs zwischen 1995 und 2015. Seit zwei Jahren sind sie zurück in Los Angeles, und bei jedem Heimspiel im Memorial Coliseum wird nun dieses Lied gespielt, meistens steht währenddessen ein Akteur der Mannschaft von 1986 auf dem Feld und schämt sich nur ein kleines bisschen.

Klingt unübersichtlich? Ist es auch! Es ist, als hätte Werder Bremen nur zwei seiner vier deutschen Meisterschaften als Werder Bremen gewonnen und die anderen als Werder Frankfurt und Werder Leipzig. Das traurige Symbol des Umzug-Wahnsinns im Franchise-System des US-Footballs sind die Cleveland Browns, die 52 Jahre nach ihrer Gründung im Jahr 1944 zu den Baltimore Ravens wurden - drei Jahre später wurden die Browns in Cleveland neu gegründet, eine Spielzeit später gewannen die Ravens den Super Bowl und 2012 noch einen. Die Browns dagegen warten seit 2002 auf eine Playoff-Teilnahme, so lange wie keine andere NFL-Franchise.

Sport ist nun mal - das kann man traurig finden oder halt den Lauf der Dinge - eine Sparte der Unterhaltungsbranche, und nirgends wird das deutlicher sichtbar als bei den beiden Football-Franchises, die nun in Los Angeles beheimatet sind.

Die Rams tragen ihre Heimspiele derzeit in jenem Stadion im Stadtzentrum aus, in dem während der Eröffnungsfeier der Olympischen Sommerspiele 1932 mehrere Tausend Tauben flogen, in dem zu Olympia 1984 ein Raketenmann über den Zuschauern schwebte, und das nur ein klein wenig baufälliger ist als das Original in Rom. Man kann von dort aus in weniger als einer Stunde dorthin joggen, wo gerade für fünf Milliarden Dollar ein Glaspalast gebaut wird, und genau so ein Lauf ist für das Jahr 2028 auch geplant: Im bis dahin für 270 Millionen Dollar renovierten Coliseum soll der kulturelle Teil der Olympia-Eröffnungsfeier stattfinden, dann soll die Fackel rübergetragen werden ins hochmoderne Stadium at Hollywood Park, und am Ende soll das Olympische Feuer in beiden Arenen gleichzeitig entzündet werden.

Liverpool v Arsenal - Premier League; Stan Kroenke

Dem Milliardär Stan Kroenke gehören nicht nur die Rams, sondern auch noch die Colorado Avalanche (NHL), die Denver Nuggets (NBA) und der Fußballklub FC Arsenal.

(Foto: Michael Regan/Getty Images)

Man muss sich den amerikanischen Sport vorstellen wie eine Variante des Gesellschaftsspiels Monopoly, bei dem sämtliche Mitspieler bereits vor dem Beginn der Partie stinkreich sind, durch Weiterziehen von Feld zu Feld (oder das bloße Androhen eines Umzuges) aber noch viel reicher werden. Und der Rams-Eigentümer Stan Kroenke, der seine ersten Millionen mit Immobilien verdient hat und die ersten Milliarden durch seine Hochzeit mit der Walmart-Erbin Ann Walton, ist mit seiner Franchise nun eben aus der biederen Turmstraße in die Schlossallee umgezogen, und wer die Details dieses Umzuges kennt, dem dürfte schwindlig werden, um wie viele Milliarden reicher Kroenke dadurch wird.

In St. Louis lag der Wert der Rams laut dem Fachmagazin Forbes bei 1,45 Milliarden Dollar, allein durch den Umzug in die Metropole Los Angeles hat er sich verdoppelt. Kroenke bekommt zusätzlich 515 Millionen Dollar durch Zuschüsse der NFL und den Verkauf der Namensrechte für das Stadion, dazu 400 Millionen Dollar für die VIP-Logen. Die Einnahmen durch Heimspiele über Tickets, Gastronomie und Merchandise sollen bei mehr als 350 Millionen Dollar pro Saison liegen, dazu kommen weitere Einkünfte wie etwa über Rockkonzerte und andere sportliche Großveranstaltungen (Super Bowl 2021, Fußball-WM 2026, Olympia 2028). Neben dem Stadion entstehen noch ein 300-Zimmer-Hotel, eine 6000-Zuschauer-Halle, 2500 Wohneinheiten, 800 000 Quadratmeter Bürofläche und ein Einkaufszentrum mit Kinos und Restaurants, die Einnahmen daraus gehen ebenfalls an Kroenke.

Freilich hatte Stan Kroenke das Glück, dass die Rams in L. A. noch immer im Gedächtnis und auch im Herzen vieler Einwohner verankert sind, und so vermarktete sich der Klub als verlorener Sohn, der nach ein paar Jahren des Herumirrens nun endlich nach Hause gekommen ist. Die Leute kramten ihre alten Trikots hervor, zum Beispiel das des legendären Laufspielers Eric Dickerson, der im Lied "Let's Ram It" ebenfalls ein paar höchst fragwürdige Textzeilen zum Besten gibt und der vor einem Jahr einen symbolischen Ein-Tages-Vertrag unterschrieb, damit er seine Karriere als Mitglied der Rams beenden konnte. Solch sentimentalen Gesten lieben sie im US-Sport, und natürlich half es der Begeisterung in der Stadt, dass die Rams mit dem Trainer-Jungspund Sean McVay, 33, und dem kalifornischen Spielmacher Jared Goff nicht nur erfolgreich, sondern auch noch hoch spektakulär spielten. Drei Jahre nach dem Umzug und einer schrecklichen Debütsaison (Bilanz: 4:12) spielen die Rams am Sonntag im Super Bowl gegen die New England Patriots.

Das führt direkt zu den Los Angeles Chargers, die ebenfalls eine erfolgreiche Saison hinter sich haben, in der sie erst im Viertelfinale an den Patriots gescheitert sind. Die Chargers sind vor zwei Jahren aus San Diego nach Los Angeles gezogen. Allerdings: In L. A. interessiert das kaum jemanden. Die Chargers tragen ihre Heimspiele im 27 000 Zuschauer fassenden Fußballstadion der L. A. Galaxy aus, das meist nur zu zwei Dritteln gefüllt ist, und das auch bloß deshalb, weil die ganz treuen Fans die Zwei-Stunden-Fahrt aus San Diego auf sich nehmen (was übrigens auch Spielmacher Philip Rivers jeden Tag tut, der weiterhin in San Diego wohnt). Die Chargers werden in zwei Jahren ebenfalls im neuen Stadion spielen, allerdings hat die Franchise ihre erwarteten Einnahmen wegen des geringen Interesses in Los Angeles von zunächst 400 auf mittlerweile 150 Millionen Dollar pro Saison korrigiert.

Wer tatsächlich daran verdient, dass die Chargers nach Los Angeles gezogen sind: Kroenke und die Rams, denn die bekommen sämtliche Einnahmen aus Chargers-Heimspielen außer Ticketverkäufen und Gastronomie im Stadion. Wenn also ein Chargers-Fan für einen Parkplatz bezahlt und vor dem Spiel ein paar Bier in Stadionnähe trinkt, finanziert er damit indirekt den Stadtrivalen. Die Chargers sind ebenfalls in die Schlossallee umgezogen, nur gehörte die bereits den Rams, und die verlangen nun kräftige Gebühren.

Der Umzug der Rams war definitiv finanziell motiviert - aber damit er funktionierte, brauchte es die Tradition, es brauchte eine sentimentale Rückkehrer-Geschichte, wie sie nicht nur die Filmleute im nahen Hollywood lieben. Vielleicht muss man am Ende doch noch diese eine Zeile aus dem Song "Let's Ram It" zitieren, das sie am Sonntag während der Verabschiedung der Mannschaft vor dem Abflug in den Super-Bowl-Spielort Atlanta gespielt haben, zu der mehr als 30 000 Leute gekommen sind: "Wir können weder singen, noch tanzen, doch wir geben alles für Stadt und Klub. Also steht auf und klatscht - und rammt mal ordentlich mit den L. A. Rams!"