Süddeutsche Zeitung

Marshawn Lynch in der NFL:Das Biest ist zurück

  • Der Footballer Marshawn Lynch kehrt zum zweiten Mal nach 2016 vom Karriereende zurück.
  • Für die Seattle Seahawks soll er in den Playoffs noch einmal für die besonderen Momente sorgen.
  • "Ich kann gar nicht erwarten, wie er spielen wird, wenn er noch eine Woche lang trainiert und Spielzüge lernt", sagt sein Trainer.

Nein, die Erde hat diesmal nicht gewackelt in Seattle. Es war trotzdem unfassbar laut in dieser Arena, in der die Leute bei einem Lauf von Marshawn Lynch während der Playoffs im Jahr 2011 derart ausgerastet sind, dass Seismographen in der Nähe ein kleines Erdbeben aufgezeichnet haben. "Beast Quake" heißt dieser Moment, und seit vergangenem Wochenende ist das Biest zurück bei den Seahawks, mit denen es 2013 den Titel gewonnen hat: Lynch kehrte zum zweiten Mal aus dem Ruhestand zurück aufs Footballfeld, beim letzten Spiel der regulären Saison gegen die San Francisco 49ers (21:26) sorgte er mit einem Touchdown für Lärm - und für Hoffnung.

"Fo sho", sagte Lynch auf die Frage, ob er sich fit genug fühle für die Ausscheidungsrunde, die für Seattle wegen der Niederlage bereits an diesem Wochenende bei den Philadelphia Eagles beginnt. "Fo sho" ist die Abkürzung für "For sure", man muss sich vorstellen, dass Lynch das ungefähr so sagt, wie Bud Spencer "Aber sicher doch" sagt. Hält er sich für fit? "Fo sho." Glaubt er, dass er den Seahawks wird helfen können? "Fo sho." Dass Seattle den Super Bowl gewinnen kann? "Fo sho." Wahrscheinlich hätte er auch auf die Frage nach seinem Abendessen "Fo sho" gesagt.

Lynch redet nicht gerne mit Journalisten. Wer ihn mal abseits eines Footballstadions erlebt hat, am Strand von Los Angeles zum Beispiel, der weiß, dass Lynch kein Mann weniger Worte ist, sondern einer mit köstlichen Anekdoten. Er hat nur keine Lust auf das Gedöns im Profisport, wo jedes Wort mit Bedeutung überfrachtet wird. Dann lieber gar nichts sagen und die fürs Schweigen vorgesehenen Strafen der Footballliga NFL in Kauf nehmen - Lynch kann sich das leisten, er hat eigenen Angaben zufolge keinen Cent seiner Gehälter (bislang: 56,7 Millionen Dollar) ausgegeben, sondern nur Einnahmen aus Werbeverträgen. Bei den Seahawks bekommt er nun 60 000 Dollar pro Partie sowie einen Anteil an den Erlösen aus dem Verkauf von Klamotten, auf denen "Back in Action" und "Unfinished Business" steht.

Wer kann hier von wem profitieren?

Das führt zur Frage, was sich die beiden Seiten von dieser Zusammenarbeit versprechen und wer von wem profitieren kann. Es steckt viel Folklore in diesem Comeback: Lynch hatte seine Karriere im Februar 2016 als Spieler der Seahawks beendet, ein Jahr später aber bei den Oakland Raiders fortgesetzt, um in seiner Heimatstadt spielen zu können. Ende 2018 war wieder Schluss, doch als nun bei den Seahawks nacheinander die Laufspieler Chris Carson, Rashaad Penny und C. J. Prosise verletzt ausfielen, da sagte Lynch auf das Angebot aus Seattle: "Fo Sho."

Lynch, 33, war bei seiner ersten Partie mehr mit dem Abschütteln von Rost beschäftigt als mit dem von Gegnern. Früher konnte er sich auf seine Athletik verlassen, der Beast-Quake-Lauf sieht so aus wie der von Bud Spencer aus "Sie nannten ihn Mücke". Gegen die 49ers aber war zu sehen, dass Lynch nun diesen einen Schritt zu spät kommt, um durch eine Lücke in der gegnerischen Defensive zu schlüpfen, dass er Gegenspieler nicht mehr einfach wegschieben kann, und dass ihm die Ausdauer fehlt, um die Seahawks-Offensive auf seine massigen Schultern zu nehmen.

Nur: Das muss er auch gar nicht mehr. Spielmacher Russell Wilson, Kandidat für die Auszeichnung zum wertvollsten Spieler der Saison, kann aufgrund seiner Beweglichkeit häufig selbst laufen, den Großteil der Laufspielzüge dürften er und Nachwuchsspieler Travis Homer übernehmen. Sie brauchen Lynch für die besonderen Momente einer Partie, wenn die Offensive dringend ein paar Yards Raumgewinn für ein First Down benötigt oder den Ball aus kurzer Distanz in die Endzone befördern muss.

"Wir haben ihn ins kalte Wasser geworfen"

Genau das hat Lynch am Wochenende getan: Er hüpfte über Mitspieler und Verteidiger hinweg für diesen einen Touchdown, und wären die Seahawks am Ende nicht so tölpelhaft gewesen (sie leisteten sich ein Yard von der Endzone entfernt eine Strafe wegen Spielverzögerung), dann hätte Lynch womöglich den siegbringenden Touchdown erzielt.

"Wir haben ihn ins kalte Wasser geworfen, und er hat sofort gezeigt, was er drauf hat", sagte Seahawks-Trainer Pete Carroll. "Ich kann gar nicht erwarten, wie er spielen wird, wenn er noch eine Woche lang trainiert und Spielzüge lernt." Lynch selbst war nicht zufrieden - nicht wegen seiner Statistiken (zwölf Läufe für insgesamt 34 Yards), sondern wegen der Niederlage; einer seiner wenigen gehaltvolleren Sätze lautete: "Ich merke, wie die Beine kräftiger werden, wie das Zusammenspiel funktioniert, gegen eine der besten Defensiven der Liga - aber am Ende des Tages haben wir verloren, das ist blöd."

Der Moment erinnerte ein bisschen an das Endspiel der Seahawks vor fünf Jahren gegen die New England Patriots, als Carroll am Ende der Partie den Ball nicht an Lynch übergab, sondern erst einen Passspielzug probieren wollte - eine Entscheidung, die noch heute kontrovers diskutiert wird, weil Wilson den Ball in die Arme eines Verteidigers warf und das Spiel damit zugunsten der Patriots beendet war. Der Schriftzug "Unfinished Business" bedeutet deshalb auch, dass Lynch glaubt, dass er noch was zu erledigen hat in Seattle, und dass ihm das gefälligst niemand mit einer törichten Strafe oder Entscheidung vermasseln soll. Statt Freilos und Heimrecht in der nächsten Runde muss Seattle (Bilanz: 11:5) am Sonntag in Philadelphia (9:7) antreten.

Die Seahawks brauchen Lynch für die bedeutsamen Playoff-Momente, und Lynch braucht die Seahawks, weil er glaubt, den Leuten und sich selbst (für die Aufnahme in die NFL-Ruhmeshalle) noch ein paar bedeutsame, ohrenbetäubende und vielleicht auch erdenwackelnde Läufe schenken zu müssen. Sollten die Seahawks am Wochenende vor der Endzone der Eagles stehen, wird Lynch also den Ball bekommen. Fo sho.

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Quelle:
SZ vom 03.01.2020/ebc
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