Football Kleber an den Händen

Entscheidung in der Verlängerung: Larry Fitzgerald (Nummer elf) gelingt der spielentscheidende Touchdown für die Arizona Cardinals gegen die Green Bay Packers.

(Foto: Rob Schumacher/AP)

Arizonas Larry Fitzgerald gilt als nett und unauffällig. In einer außergewöhnlichen Playoff-Runde wird er plötzlich zur Hauptfigur.

Von Jürgen Schmieder, Los Angeles

Larry Fitzgerald stand recht einsam in der eigenen Spielhälfte herum, im Umkreis von 15 Metern war kein Gegenspieler zu sehen. Das ist ungewöhnlich für einen der besten Passempfänger der nordamerikanischen Footballliga NFL. Fitzgerald konnte trotz der "Larry"-Rufe von knapp 70 000 Zuschauern zunächst nicht angespielt werden, weil sich der Spielmacher der Arizona Cardinals, Carson Palmer, erst einmal mit einer eleganten Drehung zweier heranstürmender Verteidigern erwehren musste. Auch das war ungewöhnlich, gehört Palmer doch eher zu den nicht so eleganten Vertretern seiner Zunft. Dann passte Palmer zu Fitzgerald, der flitze mit dem Spielgerät im Arm an sechs Gegnern vorbei, kurz vor der Endzone wurde er zu Fall gebracht. Ein paar Sekunden später fing Fitzgerald ein weiteres Zuspiel, diesmal im gelobten Land dieser Sportart. Touchdown, das Spiel war vorbei. Arizona siegte mit 26:20 nach Verlängerung.

Die Wahrscheinlichkeit, dass die Playoff-Partie zwischen den Cardinals und den Green Bay Packers so verlaufen würde, hatte ein klein wenig über null Prozent gelegen. "Ich habe in meiner Karriere schon ein paar krasse Spiele erlebt", sagte Fitzgerald danach und fasste schnell die letzten Minuten zusammen: "Wir gehen durch einen abgefälschten Pass in Führung. Die Packers schaffen in letzter Sekunde mit einem Wahnsinns-Wurf den Ausgleich. Dieser Münzwurf vor der Verlängerung. Die beiden Pässe. Das war verrückt."

Die Amerikaner haben in der vergangenen Woche aufgrund des Milliardenjackpots der Lotterie Powerball ohnehin über Wahrscheinlichkeiten debattiert: Man könne eher eine Münze werfen und darauf wetten, dass sie auf der Kante landet, als sechs Richtige auf seinem Tippschein zu haben, wurde zum Beispiel vorgerechnet. Einen kuriosen Münzwurf gab es in diesem Spiel dann tatsächlich auch noch: Der Schiedsrichter ließ den Wurf wiederholen, weil sich die Münze beim ersten Versuch nicht genug gedreht hatte - Arizona gewann das Angriffsrecht und nutzte den Vorteil eiskalt aus. Eine Pointe am Rande einer verrückten Playoff-Runde, in der gleich mehrere Partien die Gesetze der Wahrscheinlichkeitsrechnung außer Kraft setzten.

"Dieses freundliche Gefasel hat mich völlig aus dem Konzept gebracht", sagt sein Gegenspieler

Die Carolina Panthers führten zur Halbzeit bereits mit 31:0 gegen die Seattle Seahawks, mussten dann jedoch bis zum letzten Spielzug zittern. Die New England Patriots zerlegten die Kansas City Chiefs drei Viertel lang in ihre Einzelteile - und konnten dann gerade noch eine Niederlage abwehren. Beim Sieg der Denver Broncos über die Pittsburgh Steelers schaffte bis drei Minuten vor dem Ende keine Mannschaft einen Vorsprung von mehr als vier Punkten. Und dann gab es noch diese Partie der Cardinals, über die Fitzgerald sagte: "So was erlebt man nur ein Mal."

Natürlich sprechen sie in den USA nun über das 17. Aufeinandertreffen von Tom Brady (New England, 38 Jahre) und Peyton Manning (Denver, 39). Zwei der besten Quarterbacks in der Geschichte treiben sich seit mittlerweile 15 Jahren gegenseitig an ihre Grenzen - bald könnten sie sich auch in dieser Playoff-Saison wieder begegnen. Sie sprechen auch über Cam Newton (Carolina), den spektakulärsten Spielmacher dieser Saison und eine der polarisierendsten Figuren in dieser Liga. Und sie sprechen über Carson Palmer (Arizona), der im Alter von 36 Jahren endlich seine erste Playoff-Partie gewonnen hat.

Sportlich interessanter sind jedoch jene Spieler, die sich durch geschicktes Freilaufen um Zuspiele dieser Quarterbacks bemühen. Und der Interessanteste von allen ist Fitzgerald: einer der besten Receiver dieser Liga, der Jüngste in der NFL-Geschichte mit 1000 gefangenen Zuspielen. Dennoch wird er weniger beachtet als mancher Kollege, weil er seit dem Beginn seiner Profikarriere vor zwölf Jahren bei den Cardinals spielt. Nach drei schwächeren Spielzeiten sind Fitzgeralds Statistiken in dieser Saison wieder herausragend. "Vielleicht merke ich, dass es langsam aufs Ende zugeht und ich noch mal was reißen sollte."

Fitzgerald gilt als der nette Junge von Gegenüber. Er gratuliert zum Geburtstag, erkundigt sich nach Familienmitgliedern und fragt bisweilen, ob die Geschenke an die Kinder des Gegners angekommen seien. "Der kennt meine Familie und weiß, mit wem ich abends ausgehe", sagte kürzlich Desmond Trufant von den Atlanta Falcons: "Ich will ihn mit ein paar Sprüchen verunsichern, doch der Typ ist einfach nur nett zu mir. Dieses freundliche Gefasel hat mich völlig aus dem Konzept gebracht."

" Noch einmal die Super Bowl erreichen, das wäre für einen alten Typen wie mich eine tolle Sache", sagt Larry Fitzgerald. Die Wahrscheinlichkeit darauf ist seit diesem Wochenende gar nicht mehr so gering.