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Flügelflitzer: Urintest:Schneller können müssen

Wieselflinke Doping-Beauftragte, Harndrang-Rekordlisten in den Vereinen und am Ende kann nie jemand was dafür. Der Dopingtest im Fußball ist vor allem eine Geschichte des alkoholfreien Bieres.

Hans-Peter Briegel erzählte einmal, dass er nach dem WM-Finale 1986 zusammen mit Diego Maradona bei der Dopingkontrolle saß und sie ein Kaltgetränk nach dem anderen schlurften, um endlich das gewünschte Geschäft verrichten zu können. Es mussten viele Kaltgetränke sein, denn das Spiel hatte in Mexiko-Stadt bei brütender Hitze zur Mittagszeit stattgefunden, um den Europäern einen schönen WM-Final-Abend zu gönnen. Und Hans-Peter Briegel musste ja damals kurz vor Schluss noch über den halben Platz rennen, um diesem Pass von Maradona hinterherzuhetzen, den dann allerdings Burruchaga zum 3:2 für Argentinien unter Toni Schumachers Hinterteil ins Tor schoss.

Das ist noch neu für den Fußballbetrieb: "Zu spät gepisst, ist auch gedopt", meinen zumindest die Fans von Borussia Dortmund im Spiel gegen die TSG Hoffenheim.

(Foto: Foto: AP)

Verwunderlich ist im Nachhinein, dass Diego Maradona, als er dann konnte, einen Urin abgab, der gegen keine Regularien verstieß. Vielleicht lag es daran, dass der Fußballgöttliche nach Spielende noch die Tribüne hochsteigen, einen Pokal im Empfang nehmen musste, und zu allem Überfluss auch noch lange, lange über den Platz getragen wurde. Von pünktlichem Erscheinen zur Dopingprobe konnte also nach heutigem Maßstab keine Rede sein.

Das würde die Frage nach er Wirksamkeit von Dopingproben aufwerfen, was an dieser Stelle aber nicht beleuchtet werden soll. Sondern eher die Frage, ob sich seit damals im Fußball etwas verändert hat.

Hans E. Lorenz, Vorsitzender des DFB-Sportgerichts, hatte während der Verhandlung gegen die TSG Hoffenheim im Zusammenhang mit den verspäteten Urinabgaben der Spieler Ibertsberger und Janker noch ein paar flapsige Sätze parat. Zum Beispiel: "Bundesliga-Beobachter stellen fest, dass die Schnellsten auf dem Platz nach dem Spiel die Doping-Beauftragten sind."

Der strenge Herr beim Humba-Humba-Täterä

Hinzuzufügen wäre: Es sei denn, Jürgen Klopp oder Rudi Völler oder Felix Magath haben etwas mit dem Schiedsrichter zu besprechen. Wundern darf sich der Fan also von nun an nicht mehr, wenn im üblichen Jubel-Trubel nach dem Sieg vor der Fankurve zwischen Franck Ribéry und Luca Toni ein unbekannter Herr im Anzug und strengem Gesichtsausdruck die Hände hält, einerseits das Humba-Humba-Täterä pflichtbewusst mitmacht, andererseits die Herren nicht aus den Augen lässt, um eine etwaige Dopingverschleierung durch im Stutzen gelagerte Chemikalien zu verhindern. Alles schon vorgekommen!

Lorenz weiter: "Es gibt angeblich Rekordlisten bei den Vereinen, wer besonders schnell und wer besonders langsam kann." Oder andersrum: Wer am meisten (angeblich) alkoholfreies Bier gleich nach dem Abpfiff in sich reingießen will. Überliefert ist hier ein Zitat des früheren Stuttgarter und Kaiserslauterer Mittelfeldspielers Silvio Meißner: "Beim Doping dauert es immer ein bisschen länger bei mir." Vier (angeblich) alkoholfreie Bier musste er nach dem Spiel vertilgen, um endlich den Becher füllen zu können.

Bei Oliver Kahn ging es ja bekanntlich schneller. So schnell, dass der Kontrolleur gar nicht mitkam. Ein Herr Franz Krösslhuber von der Uefa holte nach dem Champions-League-Achtelfinale Bayern gegen Real Madrid 2007 wohl gerade (angeblich) alkoholfreie Biere aus dem Kühlschrank (es gab schließlich auch was zu feiern, Bayern kam weiter), als Kahn schon mit einem vollen Becker vor ihm stand.

Herr Krösslhuber monierte, dass er den Vorgang leider nicht beobachten konnte. Zudem ist anzunehmen, dass Kahn schon wieder die Hose hochgezogen hatte. Den Regeln zufolge muss der Kontrolleur aber immer Sichtkontakt haben zum Kontrollierten, dieser muss beim Vorgang von der Brust bis zu den Knien nackt sein.

Dopingfall 1986

Kahn aber wollte nicht noch einmal müssen, konnte vermutlich auch nicht mehr und vielleicht sind alkoholfreie Biere auch nicht sein Ding. Er warf jedenfalls damals den vollen Becher wie einen Abwurf Richtung Toilette und bespritzte mit seinem Harn auch die Unterlagen des Herrn Krösslhuber. Kahn ist damals für ein Spiel gesperrt worden.

Hat sich nun also was verändert seit damals, 1986? Dazu noch eine Notiz: Bei dieser Weltmeisterschaft gab es auch einen Dopingfall. Im Urin des Spaniers Ramon Calderé hatten die Kontrolleure in der Vorrunde das Aufputschmittel Ephedrin gefunden. Doch schon im nächsten Spiel durfte Calderé wieder mitspielen und Spanien mit zwei Toren gegen Algerien ins Achtelfinale schießen.

Angeblich hatte Calderé wegen einer Salmonellen-Erkrankung im Hospital ein Mittel bekommen, "von deren Zusammensetzung er nichts wissen konnte", so die Fifa. Zudem beschwerten sich die Spanier bitterlich: Der behandelnde Arzt im Krankenhaus, so sagten sie, habe der Doping-Kommission einen Wink gegeben. "Es wurde", beschwerte sich Spaniens Mannschaftsdoktor, "per Fingerzeichen und ohne legale Auslosung, unser Spieler gewählt, von dem er wusste, welchen Saft er ihm verschrieben hatte." Schweinerei!

Der Spieler wurde im Nachhinein freigesprochen, der spanische Verband musste 25.000 Franken überweisen und der spanische Arzt bekam einen Verweis. Wie sich doch die Zeiten gleichen.

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