Flügelflitzer Tim Wieses Albtraum

Der Bremer Torhüter Tim Wiese hat sich in die Startaufstellung der Nationalmannschaft gekämpft, fürchtet anders als seine großen Vorgänger aber das Publikum.

Von Andreas Thieme

Das Schöne an Kindern ist, dass sie noch Träume haben, und die schönsten Träume haben mit Sicherheit Fußball spielende Kinder. Wenn die Kinder anders sind als ihre Spielkameraden, dann träumen sie davon, wie sie als Toni Schumacher (ganz früher) oder Oliver Kahn (früher) oder Manuel Neuer (heute) einen Schuss von Michel Platini oder Zinedine Zidane oder Lionel Messi aus dem Winkel fischen. Dann stehen sie da auf dem ackergleichen Rasen mit den Torwarthandschuhen des großen Bruders, der die verschwitzten Dinger bestenfalls von Tomislav Piplica in der Cottbus-Kurve zugeworfen bekam. Und meist steht der Nachbarsjunge im Kasten, weil er größere Hände und Füße hat, und überhaupt größer ist und sich als harter Kerl zwischen Torlatte und Grasnarbe eines erkämpfte: Anerkennung.

Zum Heulen! Bremens Torhüter Tim Wiese.

(Foto: Foto: AP)

Vielleicht stand auch der Bremer Torhüter Tim Wiese früher mal auf einem solchen Acker, in Dürscheid östlich von Köln zum Beispiel. Den Acker in Dürscheid hat Wiese längst verlassen, er ist hineingewachsen in die Handschuhe - und inzwischen weit besser als Piplica. Über Jahre hinweg hat er in der Torwartausbildung von Gerry Ehrmann drei elementare Merkmale von Torhütern herausgebildet: einen gewaltigen Körper, die branchenübliche Extravaganz und vor allem eine große Klappe.

Das hat ihn weit gebracht: Tim Wiese, 27 Jahre alt, Vater einer kleinen Tochter, 173 Bundesligaspiele, eine Anzeige wegen Körperverletzung (Attacke gegen Ivica Olic) und Besitzer der blankesten Brust des Weltfußballs, könnte am 5. September gegen Südafrika zum ersten Mal von Beginn an für die Nationalelf zwischen den Pfosten stehen. Und plötzlich war der große Wiese, der doch als Wiedergänger des Torwart-Titans gilt, ganz kleinlaut. Seine Bedenken: Die Fans des Torwart-Konkurrenten René Adler könnten ihn im Leverkusener Stadion auspfeifen. Wörtlich sagte er: "Die nächsten Länderspiele sind in Leverkusen und Hannover. Wenn ich da spiele, werde ich 90 Minuten ausgepfiffen. Das will ich mir nicht antun, darüber werde ich mit Jogi Löw sprechen", und begründete seinen angedachten Verzicht damit, dass er Rücksicht auf das eigene Team nehmen wolle: "Weil es nicht gut ist, wenn man als Deutscher von deutschen Fans ausgepfiffen wird. Darunter leidet auch die Mannschaft."

Auch für andere Sportler war das Publikum ein Albtraum; manchmal flossen sogar Tränen. Da wäre etwa der Brasilianer Emerson, den seinerzeit die Missgunst der Anhänger von Real Madrid dazu trieb, nur noch in Auswärtsspielen aufzulaufen. Oder der Profi-Boxer Oliver McCall, der 1997 seinen WBC-Titelkampf gegen Lennox Lewis verlor, weil er in der fünften Runde einen Nervenzusammenbruch erlitt, anfing zu weinen und sich fortan einfach nicht mehr wehrte. Und da war natürlich auch Andy Möller, Spitzname "Heintje", der selbst in Momenten des Glücks ziemlich weinerlich wirkte. Warum weiß er wahrscheinlich selbst nicht mehr so genau. Aber im Gegensatz zum stählernen, coolen Wiese passte das irgendwie zum sensiblen Möller.

Mittlerweile stehen Kinder wegen Wiese auf ackergleichen Rasen. Sie schmeißen sich mit der gleichen Gelfrisur in den Winkel, ja, vielleicht quetschen sich manche sogar in viel zu enge rosafarbene Jerseys und rasieren sich die Brust, nachdem sie genüsslich an Ganzkörperspiegeln vorbei flaniert sind. Nur erinnert Vorbild Wiese manchmal nicht an Schumacher oder Kahn, die aus den Feindseligkeiten der gegnerischen Fans anscheinend ihre Kraft bezogen. Wiese erinnert an einen Jungen, der in den immer noch zu großen Handschuhen seiner Idole am Rande des Ackers händeringend eines sucht: Anerkennung.

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