Süddeutsche Zeitung

Flügelflitzer: Hexen im Fußball:Nadeln im Strafraum

Ein Hexenmeister droht Real-Stürmer Cristiano Ronaldo. Doch Flüche und Segen haben im Fußball eine lange Tradition. Und sogar der Herrgott spielt manchmal mit.

Thomas Hummel

Der Glaube an das Übernatürliche spielt eine große Rolle im Fußball. Da wird mitunter vom Fußballgott schwadroniert, es geistern Abstiegsgespenster umher und auch vom sogenannten Pokalfluch hat schon so manche Mannschaft Albträume bekommen. Fakt ist, die Welt des runden Leders ist eine abergläubische. Zwischen heimtückischem Hokuspokus und dem eigenen Wohlergehen liegen allzu oft nur einige Nuancen, die man gut und gerne auch als Ticks bezeichnen kann. Als jüngste Beispiele seien hier Peter Neururer und Stefan Kießling genannt - ihre Metaphysik-Marotten mögen uns eine Warnung sein: In der Bundesliga sitzt der (Aber-)Glaube an magische Manipulationen aller Art tief.

Neururer erklärte im Frühling, sich so lange nicht die Haare zu schneiden, bis sein MSV Duisburg wieder verliert. Er näherte sich dann zum Schrecken aller TV-Visagistinnen äußerlich bald bedrohlich dem Druiden-Dasein an, denn es dauerte lange, sehr lange, bis der Haare-Fluch über alle MSV-Gegner von den heidnischen Jecken aus Mainz gebrochen wurde.

Vokuhilas und Bärte

Stefan Kießling nahm die Idee auf und verkündete im August: So lange er Tore schießt, wuchert der blonde Bart im Gesicht! Wie von Zauberhand gesteuert flogen plötzlich fünf Spiele lang seine Schüsse geradewegs ins Tor, kullerten vom Pfosten ins Gehäuse oder flitzten knapp über des Torwarts Schulter mitten rein ins Schwarze. Die Haare im Stürmergesicht aus Leverkusen sprossen derart, dass das Magazin 11Freunde seine Erscheinung mit dem zotteligen Magier Catweazle aus dem elften Jahrhundert verglich - und Kießling traf und traf. Lag es am Gesichtshaar?

Der Weg zum Ziel ist im Fußball eben ein vielfältiger. Die einen versuchen es mit Konzept-, die anderen mit Systemfußball, nur wenige kommen mit der schlichten Formel "Geht's naus und spuits Fuaßboi" aus. In Madrid wünschen offenbar einige dem Vorzeigeklub Real alles Schlechte, denn es hat sich ein anonymer Hexenmeister gemeldet und bedauernd festgestellt: "Es ist nichts Persönliches, ich bin kein Anti-Madridista, aber ich bin Profi und sie haben mich bezahlt. Sie haben mich verpflichtet, dass Cristiano Ronaldo eine schwere Verletzung erleidet." Sie - das sind seine Auftrageber. Der fiese "Brujo" garantiert "ihnen", dass der 94 Millionen Euro teure Stürmer aufgrund von Blessuren mehr fehlen als spielen werde. Und was ist Real schon ohne Ronaldo wert?

Ein Hexer aus dem Bekanntenkreis

Der selbsternannte Magier gibt vor, in seiner dunklen Hexenküche Bilder von Ronaldo über seinen düsteren Hexenbildern aufgehängt zu haben. Es könne nichts schiefgehen. Der unbekannte Teufelsbruder untermauert seine Warnung mit dem Hinweis, er habe schon 2003 und 2006 Missstimmung bei Real erzeugt. Gegen Geld natürlich. Ein Auftraggeber sei eine berühmte Person, die den Fußballer (Ronaldo) persönlich kenne. Ein Feind in nächster Nähe!

Real Madrid reagierte auf die Warnung prompt: "Das ist ein Blödsinn, wie er uns fast täglich begegnet."

Madrid liegt schließlich nicht in Afrika, wo mancher Klub noch vor dem Physiotherapeuten einen sogenannten Witchdoctor - einen Hexendoktor - einstellt. Der soll mit allerlei Ritualen den Sieg sichern. Ein Witchdoctor der ruandischen Nationalmannschaft soll etwa seinem Torwart 2001 geraten haben, ein paar von ihm behandelte Ersatzhandschuhe in sein Tornetz zu hängen. Die gegnerischen Stürmer aus Uganda trafen mehrmals den Pfosten oder zielten knapp daneben, die Zuschauer protestierten, die Spieler prügelten sich. Am Ende gewann Ruanda 1:0.

Voodoozauber in Afrika

Der afrikanische Verband soll daraufhin die Anwesenheit von Hexenmeistern bei offiziellen Partien verboten haben, er hätte das indes schon viel früher veranlassen können. In der Qualifikation zur WM 1974 legte Sambia offiziell Protest bei der Fifa gegen das 0:2 gegen Zaire ein, weil deren Torwart Mwamba Kazadi zwei Nadeln in den Boden gerammt habe, die sein Tor verzaubert hätten. Kazadi und Zaire flogen jedenfalls nach Deutschland zur WM, doch wie viele Nadeln der Torwart aus Lubumbashi auch in den Strafräumen in Dortmund und Gelsenkirchen vergraben hatte, es half nichts: Zaire schied mit drei Niederlagen und 0:14 Toren aus.

Dem zweiten Exoten der WM 1974, Haiti, erging es nicht viel besser. Und das trotz der berühmt-berüchtigten haitianischen Voodoo-Künste und trotz der Bittgesänge des bayerischen Gstanzlsängers Roider-Jackl, der sogar die höchste hiesige Instanz zu Hilfe holte. Er dichtete: "Mei liaba Herrgott, i bitt' di, lass gwinna Haiti." Das Ergebnis war bedrückend irdisch: 0:6 Punkte, 2:14 Tore.

Und so lass dir sagen, lieber Cristiano Ronaldo: Es gibt Hoffnung. Man muss nur dran glauben.

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