Süddeutsche Zeitung

Florian Wirtz:Wieder ganz der Junge

Nach dem Kreuzbandriss, der ihn die WM kostete, ist Leverkusens Florian Wirtz zurück auf dem Niveau, das er davor hatte - und beweist abermals, warum Experten ihm eine große Karriere prophezeien.

Von Philipp Selldorf

Bloß ein paar Zentimeter trennten Florian Wirtz von seinem zweiten Saisontreffer. Hart und schnell hatte er mit links geschossen, und wie es für ihn typisch ist, hatte er die richtige Idee im richtigen Moment gehabt, denn Timing gehört zu seinen besonderen Talenten. Aber der Ball ging an den Pfosten. Wenn ihm in dieser Szene das 2:1 geglückt wäre - ob ihn die Bayern dann gleich dabehalten hätten, notfalls mit Waffengewalt? Oben auf der Tribüne saß Uli Hoeneß, und dieser ist bekannt für seine spontane Begeisterungsfähigkeit, wenn Spieler gegen seinen FC Bayern einen guten Tag haben.

Wirtz, 20, wird eines Tages bei einem Verein der gehobenen Champions-League-Klasse spielen, das ist wohl unvermeidlich, aber den Zeitpunkt bestimmen weder Uli Hoeneß noch Bayer Leverkusen noch multinationale Berateragenturen oder der sogenannte Markt. Zumindest einstweilen hat Vater Hans-Joachim aus Brauweiler bei Köln das Sagen. Mit Bayer Leverkusen machte er im Sommer vorigen Jahres für seinen Sohn einen neuen Vertrag bis ins Jahr 2027 aus und legte dabei keinen Wert darauf, dem Schriftstück eine Ausstiegsklausel oder eine andere geldwerte Anmerkung zu eigenen Gunsten hinzuzufügen.

Professionelle Fußball-Agenten mögen es für die Tat eines Irrsinnigen halten. Aber Hans-Joachim Wirtz hat klare Vorstellungen vom Fußball und vom Leben. Nicht umsonst hat er jahrelang die eigenen Kinder im heimischen Fußballklub Grün-Weiß Brauweiler trainiert. Sämtliche Abwerbungsallüren beendete er damit, dass er erklärte, sein Sohn werde mindestens bis zur Deutschland-EM bei Bayer 04 bleiben, weil er sich so am besten entwickeln könne. Basta. Florian Wirtz trägt den Entscheid mit, er vertraut seinem Vater ohne Vorbehalte, das hat er des Öfteren erklärt.

"Er hat so großartige Fähigkeiten", sagt der weitgereiste Granit Xhaka über Wirtz

Am Freitagabend gehörte Wirtz zu den Hauptdarstellern einer glanzvollen Aufführung. In so einer offenen Partie, die auf beiden Seiten von Angriffslust gelenkt wird, kann er seine Möglichkeiten besonders gut verwirklichen. Er trug den Ball nach vorn, er bestimmte den Rhythmus, er sorgte für Torgefahr - und das war längst nicht alles. Mitspieler Granit Xhaka, aus sieben Jahren Premier League verwöhnt, nennt Wirtz "einen unglaublichen Kicker. Er hat so großartige Fähigkeiten. Ich wünsche ihm einfach, dass er gesund bleibt. Der Junge wird eine Riesenkarriere machen, da bin ich mir sicher."

Ähnliche Prophezeiungen hatte man ihm in jüngeren Jahren auch beim 1. FC Köln gemacht, als er dort noch die Jugendmannschaften anführte. Wirtz hat mehr als bloß die Begabung einer Mozart-artigen Dimension zu bieten. Er ist ein Spieler mit filigranem Zugang zum Ball, zum Beispiel vermag er seine Zuspiele so sanft oder so scharf zu programmieren, dass sie auf die Millisekunde pünktlich und auf den Millimeter treffend beim Mitspieler landen. Zugleich ist er aber auch ein energischer und temperamentvoller Spieler mit ausgeprägtem Team-Gefühl.

"Flo ist immer einer der laufstärksten Spieler, der viele Wege macht, um für die Mitspieler Räume zu schaffen", sagt Sportchef Simon Rolfes. Nach dem Kreuzbandriss, der ihn die WM kostete, ist Wirtz nun wieder in der Form, die er vor der Verletzung hatte. Man überfordert ihn nicht, wenn man in dieser Saison große Dinge von ihm erwartet.

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