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Flick als möglicher Bundestrainer:Die Stunde der Taktiker bricht an

DFB-Teammanager Oliver Bierhoff feiert mit Hansi Flick und Jogi Löw den WM-Titel in Berlin

Bewährte Lebensabschnittspartner: 2014 feierte DFB-Teammanager Oliver Bierhoff (rechts) mit Hansi Flick und Jogi Löw den WM-Titel. Bald könnte er den damaligen Co-Trainer als Nachfolger des Herrn mit der Brille zurückholen.

(Foto: Petr David Josek/AP)

Wann und wie kommen Oliver Bierhoff und Hansi Flick zusammen? Der Nationalmannschafts-Boss hält sich von den Kameras fern, denn er weiß: Er muss Verwerfungen mit dem FC Bayern vermeiden.

Von Philipp Selldorf

Zwölf Tonnen Ausrüstung hat die Nationalmannschaft mit sich geführt, als sie im Sommer vor drei Jahren ins geheimnisvolle Watutinki nach Russland aufbrach. Dazu gehörten nicht nur maßgefertigte Fußballschuhe und die unentbehrliche Nuss-Nougat-Creme, sondern auch Equipment zur Datenverarbeitung für die Helfer des Bundestrainers. Dem Expertenstab um Jogi Löw gehörten damals, im missglückten WM-Sommer 2018, so viele Spezialisten an, dass der Chef vor lauter Ratschlägen gar nicht mehr weiterwusste. Einfache Fragen riefen komplizierte Prozeduren hervor, und wenn sich am Tisch gerade nach längerer Debatte alle darauf verständigt hatten, Kaffee zu trinken, dann warf der zweite Assistenztrainer garantiert die Frage auf, ob es nicht vielleicht doch lieber Tee sein sollte.

Nach dem Reinfall in Russland hat Jogi Löw zwar nicht sofort gewusst, wie er seine Elf für die Zukunft umrüsten sollte, eines aber war ihm klar: Sein Umfeld würde er wieder auf einen harten Kern von alten Vertrauten reduzieren. Für Hansi Flick, seinen früheren Adjutanten und Co-Weltmeister aus dem Jahr 2014, würde Löw vielleicht eine Ausnahme machen, aber ganz so schnell lässt sich die Rückkehr des ehemaligen Mitarbeiters sicherlich nicht organisieren. Vermutlich wird Flick während der Europameisterschaft in einigen Wochen zwar in gewisser Weise wieder ständig gegenwärtig sein - vorerst aber wohl nur als Löws imaginärer Nachfolger.

Am Hofe des FC Bayern und in der gesamten deutschen Fußballbranche besteht die herrschende Meinung, dass Hansi Flick nach der EM seinen ehemaligen Chef Löw beim DFB beerben und damit ein traditionelles Modell beim deutschen Verband wiederbeleben wird, wenn auch in abgewandelter Form. Dass der Assistent zum Boss aufsteigt, das war quasi jahrzehntelang das Besetzungsprinzip: Helmut Schön, Jupp Derwall, Berti Vogts und Jogi Löw sind auf diesem Wege Bundestrainer geworden. Flick wäre, wenn er denn käme, ein spezieller Fall. Einerseits ist er der klassische Helfer, der anstelle des Impresarios Löw einst die Tagesarbeit gemacht und Sonderaufgaben wie Ecken- und Freistoßtraining versehen hat. Andererseits ist er ein Mann, der binnen kürzester Zeit in freier Wildbahn die größten Titel des Vereinsfußballs erbeutet und dadurch Weltruhm erlangt hat.

Einen Konkurrenten für das Amt muss Flick nicht fürchten - wohl auch nicht Ralf Rangnick

Flick ist durch seine Erfolge zum Trainer-Star aufgestiegen und hat sich von der Rolle der Hilfskraft emanzipiert. Dennoch hat er durch seine Äußerungen in diesen Tagen klar zu erkennen gegeben, dass er den leitenden Posten beim DFB nicht nur für reizvoll hält, sondern auch als ehrend betrachtet.

Es bricht jetzt also die Stunde der Taktiker an. Die Frage ist, wie Flick und der für die Bundestrainersuche zuständige DFB-Direktor Oliver Bierhoff zusammenkommen können. Eine weitere Frage ist, welche Verwerfungen so eine Zusammenkunft hervorrufen würde. Bierhoff hält sich in diesen Tagen von Mikrofonen fern, er weiß: Was immer er sagen würde - es würde gegen ihn verwendet werden. So darf beim FC Bayern niemand den Eindruck bekommen, dass Flick vor allem deshalb seinen Abschied eingereicht hat, weil er sich längst mit Bierhoff grundsätzlich verständigt hat. Dann könnte das Klima zwischen dem Verband und dem mächtigsten Profiklub im Land sehr ungemütlich werden.

Die Zeit drängt allerdings vorerst nicht. Bierhoff und Flick müssten kein langes Gespräch führen, um sich kennenzulernen. Für den Trainer wäre die Rückkehr zur Nationalelf eine Form von Nach-Hause-Kommen, und als Bundestrainer müsste er nicht mal auf all die verehrten und geliebten Spieler verzichten, die er nun in München verlassen wird. Er könnte sogar seinen Thomas Müller behalten, wenn er das wollte.

Viele Dinge beim DFB sind äußerst diffus, dies aber ist einigermaßen klar: Bis zur Entscheidung über Löws Nachfolge wird noch einige Zeit vergehen, alle Beteiligten wollen abwarten, bis sich die Lage beim FC Bayern beruhigt hat und auch die sonstigen Fronten geklärt sind. Einen Konkurrenten, der ihm den Job wegschnappt, muss Flick vorerst nicht fürchten. Bierhoff hat Ralf Rangnick ein Gespräch offeriert, sogar in schriftlicher Form, aber noch ist kein Wort gewechselt worden. Rangnick macht sich offenkundig auch keine großen Hoffnungen mehr darauf, Bundestrainer zu werden.

© SZ/mok
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