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Flick und Müller:Flick weiß genau, was er von Müller kriegen kann, auch heute noch

An diesem Mittwoch vor Ostern hat Hansi Flick viel zu tun, gleich ist Cyber-Training beim FC Bayern, aber so viel Zeit muss sein: An diesen Moment aus dem Algerien-Spiel muss er sich schon noch mal erinnern. WM-Achtelfinale 2014, 88. Minute, Flick muss schon lachen und sagt: "Ich weiß noch, wie ich zu Andy Köpke rüber schaue und sag: Die werden doch nicht diesen Trick machen ...". Aber natürlich machen sie ihn: Müller läuft an, schmeißt sich auf den Boden, rappelt sich auf und rennt hinter die verdutzte Abwehrmauer.

Ja okay, Kroos' Lupfer bleibt dann in der Mauer hängen, aber Müller besteht bis heute drauf, dass der Trick funktioniert habe, abgesehen von 30 Zentimetern halt.

Hansi Flick

Sechs Jahre nach obigem WM-Freistoßtrick: Hansi Flick hat den Oberbefehl über den FC Bayern und auch über Thomas Müller (Mitte) inne.

(Foto: Peter Kneffel/dpa)

Kann man legendär steigern? Falls ja, war es der mutmaßlich legendärste Freistoß der WM-Geschichte.

Natürlich ist es auch der Geist des Campo Bahia, der die beiden Männer bis heute zusammenhält, aber es ist noch viel mehr als das. Flick ist loyal, aber er ist kein naiver Über-Romantiker, er würde Müller in der Gegenwart nicht wegen irgendwelcher Verdienste aus der Vergangenheit aufstellen. Flick weiß genau, was er von Müller kriegen kann, auch heute noch. "Thomas kann auch ein sehr ernsthafter Typ sein", sagt Flick, "man kann mit ihm sehr ernsthaft über Fußball diskutieren, und er hat ein hohes Verantwortungsgefühl für die Gruppe." Müller habe "die Gabe, mit seiner lockeren Art eine Gruppe zusammenzuhalten, er hat etwas Verbindendes".

Der vermeintlich lässige Müller braucht für sein Spiel Vertrauen

Was Flick, möglicherweise aus Bescheidenheit, nicht sagt: Dass Thomas Müller all das nur geben kann, wenn er Thomas Müller ist. Wenn er mit sich und seinem Fußball im Reinen ist, wenn er seine schrillen Laufwege einschlagen darf, die die legendärsten wären, falls man legendär steigern könnte. Mehr als andere braucht der vermeintlich lässige Müller für sein Spiel einen ganz banalen Treibstoff: Er braucht Vertrauen - und nicht jene Art von fast schon rufschädigender Skepsis, die ihm Niko Kovac und übrigens auch Carlo Ancelotti entgegenbrachten. Wenn Müller nicht mit Müller im Reinen ist, verzettelt er sich, er verliert Energie, indem er Schiedsrichter, Gegenspieler und Mitspieler volllabert, nichts geht ihm dann leicht vom Fuß.

Flick ist der Überzeugung, dass man mit Wertschätzung und Respekt manchmal mehr aus Spielern herausholt, als in ihnen drinsteckt, und so hat der Trainer seinem Klub einstweilen ein großes Problem gelöst. Sich den Müller als reine Folklorefigur im Kader zu halten, hätte den FC Bayern auf Dauer überfordert, dafür ist Müller zu beliebt in der Kurve, dafür ist er auch zu anspruchsvoll, zu mächtig, zu teuer. Flick hat es einstweilen geschafft, dem Klub den Fußballer Müller zurückzugeben.

Flick und Müller stehen nun dafür, dass das ein wiedererkennbarer FC Bayern sein soll, der da in eine ungewisse Zukunft aufbricht. Flick schätzt Menschen, auf die er sich verlassen kann, so wie damals, beim Eckball zum 1:0 in Belo Horizonte. Für Flick ist dieses Tor bis heute folgerichtig: Müller und Klose seien die tatkräftigsten Mitdenker bei den Standard Challenges gewesen, sagt er, und so ist es mindestens ebenso folgerichtig, dass Miro Klose nun Flicks neuer Co-Trainer werden könnte.

© SZ vom 09.04.2020/chge
Thomas Muller of FC Bayern Munich during the German DFB Pokal quarter final match between FC Schalke 04 and Bayern Munic; Müller

Thomas Müller
:"Der Fußball ist nur ein kleiner Teil des Ganzen"

Thomas Müller ist glücklich über seine Vertragsverlängerung beim FC Bayern - doch ihm ist auch der Ernst der Lage bewusst. Er plädiert für Spiele "unter Gesichtspunkten, die das auch sinnvoll zulassen".

Von Martin Schneider

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