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FC Bayern:Der starke Herr Flick

FC Bayern Muenchen verlaengert den Vertrag mit Hans Dieter Flick (Hansi ,Trainer Bayern Muenchen). Archivfoto: Hans Diet; Flick

Mit Vertrag bis 2023 ausgestattet: Hansi Flick.

(Foto: Frank Hoermann/imago)
  • Der FC Bayern verlängert den Vertrag mit Hansi Flick bis 2023, weil es schlicht keinen Grund gibt, das nicht zu tun.
  • Alle möglichen Zweifel hat der Trainer seit seinem Start im November Schritt für Schritt beseitigt.
  • Die langfristige Klarheit auf der Trainerposition hilft dem Klub auch bei den Verhandlungen mit anderen Leistungsträgern.

Im November war die Welt genau wie die Fußball-Welt noch eine andere und in der schien es unter anderem möglich zu sein, dass Arsène Wenger Trainer beim FC Bayern wird. Damals, Niko Kovac war seit ein paar Tagen nicht mehr verantwortlich, gab es jedenfalls ein Telefonat zwischen dem Vorstandschef Karl-Heinz Rummenigge und dem ehemaligen Arsenal-Trainer, der mittlerweile 70 Jahre alt ist und als Fernsehexperte arbeitete. Wie dieses Telefonat ablief, davon gab es später zwei Versionen. Die des FC Bayern, verbreitet über die Bild-Zeitung, dass man Wenger abgesagt habe. Und die von Wenger, verbreitet über sich selbst, dass er dem FC Bayern abgesagt habe.

Wie auch immer, diese Wenger-Story war das Gesprächsthema in der Münchner Arena vor und nach dem Spiel gegen Olympiakos Piräus, dem ersten Spiel nach Niko Kovac. Wenger, sagten einige der sogenannten Analysten und Experten, habe Erfahrung und Autorität, er könne die Saison souverän zu Ende coachen und im Sommer komme dann Thomas Tuchel aus Paris oder Erik ten Hag aus Amsterdam. Andere meinten, man brauche direkt eine große Lösung, José Mourinho sei auf dem Markt. Wieder andere sagten, dass dieses Spiel gegen Piräus unter Hansi Flick doch gar nicht so schlecht gewesen sei. Kein Gegentor (nach zuvor acht Spielen mit mindestens je einem Gegentreffer), so was wie koordiniertes Pressing und das nach nur zwei gemeinsamen Trainingseinheiten - das könnte doch auch klappen.

Die Verantwortlichen des FC Bayern äußerten sich an diesem gesprächsreichen Abend klug: Sie sagten nämlich gar nichts. Ob aus Weitsicht oder weil sie zu dem Zeitpunkt selbst noch nicht wussten, wohin die Reise geht, ist in der Rückschau egal, das Ergebnis war das gleiche. Sie behielten alle Optionen, auch die Option Flick.

Dass die nun in einem Dreijahresvertrag resultiert, darauf hätten im November wenige Menschen gewettet. Damals war Flick zwar der Weltmeister-Co-Trainer, aber meist mit der Betonung auf Co-Trainer (Info für Fußballkneipenquizzer: Flick war nicht nur Löw-Co, sondern 2006 auch für kurze Zeit Assistent des legendären Giovanni Trapattoni) und wer in eine Datenbank guckte, der fand heraus, dass er zuletzt 2005 eine Mannschaft als Chefcoach betreut hatte. Die TSG Hoffenheim. In der Regionalliga Süd.

Keine Erfahrung allein im Fokus, noch nie Chef in der Bundesliga, schon gar nicht international und womöglich einfach zu nett - das waren die Zweifel zu Beginn. Man muss dazu sagen, dass sie nur bedingt etwas mit Flick zu tun hatten, sondern dass man Co-Trainern normalerweise so begegnet. In Europas Spitze ist die Beförderung des Assistenten zum Chef auch aus diesen Gründen nicht üblich, der FC Barcelona tat das mal mit Tito Vilanova, aber es ist die absolute Ausnahme.

Aber wer wissen will, warum der FC Bayern in diesen Zeiten, in denen die Bundesliga auf unbestimmte Zeit pausiert, in denen nicht klar ist, ob und wann die Saison zu Ende gspielt wird und unter welchen Bedingungen man eine Mannschaft für die neue Saison planen kann, sich trotzdem langfristig an einen Trainer bindet und ihm auch in Sachen Transfers Befugnisse zugesteht, der muss nur die Anforderungen an einen Bayern-Trainer Punkt für Punkt durchgehen.

Am wichtigsten ist dabei natürlich der Fußball, den Flick spielen lässt. Charakteristisch ist das extrem hohe Verteidigen, das der FC Bayern so auch unter Pep Guardiola gespielt hat. Flick lässt die Mannschaft weit in die gegnerische Hälfte aufrücken, bei Ballverlust wird der Gegner sofort attackiert, im besten Fall ist der Ball sofort wieder in den eigenen Reihen. Es ist der signifikanteste Unterschied zu Niko Kovac, der eine tiefe Abwehr bevorzugte. Wenn das offensive Pressing richtig greift, entwickelt sich in Kombination mit der Ballsicherheit der Akteure die gefürchtete Bayern-Dominanz, mit der Pep Guardiola die Liga quasi erwürgte. Bei einem der letzten unter halbwegs regulären Bedingungen stattfindenden Spiele - im DFB-Pokal auf Schalke - hatte der FC Bayern 81 Prozent Ballbesitz.

Die Spieler identifizieren sich mit dieser Taktik, sie finden es besser, nach vorne zu sprinten, als den langen Weg in die eigene Abwehr zu machen, den Kovac vor allem in seiner Endphase in Pressekonferenzen fast schon flehentlich einforderte. Dementsprechend ist die Stimmung eine andere - auch wichtige Meinungsführer in der Mannschaft, etwa Manuel Neuer und Thomas Müller, haben nie einen Hehl daraus gemacht, dass sie den Co-Trainer, mit dem sie Weltmeister wurden, sehr schätzen. Dass Flick im Gegensatz zu Kovac auf Müller setzt und der wiederum in Rekordzeit zum besten Vorlagengeber der Liga wurde, passt da ins Bild.

Auch, dass er offenbar ein Gespür für Nachwuchsspieler (Davies, Zirkzee) hat, wird in der Chefetage wohlwollend aufgenommen. Der FC Bayern hat eine beträchtliche Summe in seine Jugendakademie, die er Campus nennt, investiert und bisher noch wenig vorzeigbare Erfolge.

Das letzte Gegenargument war vielleicht noch sein Ruf als "der nette Herr Flick", weil einem diese Eigenschaft in der Ellbogengesellschaft Fußball aus irgendwelchen Gründen oft negativ ausgelegt wird. Den legte Flick ab, als er im Trainingslager in Katar öffentlich Verstärkung forderte und Sportdirektor Hasan Salihamidzic das ebenso öffentlich nicht gut fand. Es kam schließlich der Außenverteidiger Álvaro Odriozola, der aller Voraussicht nach keinen größeren Platz in der Geschichte des FC Bayern einnehmen wird, weswegen man fairerweise sagen muss, dass Salihamidzic mit seiner Einschätzung des Wintertransfermarkts ("schwierig") durchaus richtig gelegen haben könnte - aber Flick machte klar, dass er Erfolg haben will, und zwar jetzt. Und wenn es dafür seiner Meinung nach einen Außenverteidiger-Backup braucht, dann ist er bereit, auch den unbequemen Weg zu gehen. Der unbedingte Wille ist beim FC Bayern ja traditionell ein Thema. Vermutlich noch mehr, seitdem ein gewisser Oliver Kahn im Vorstand sitzt.

Spätestens nach dem 3:0-Sieg beim FC Chelsea ("Kann er es auch auf der internationalen Bühne?") gab es einfach keine Gegenargumente mehr. Der Fußball: attraktiv und erfolgreich. Die Mannschaft: glücklich. Sein öffentliches Auftreten: sachlich und bescheiden. Ex-Spieler ist er auch noch (Stichworte: Bayern-Familie, Stallgeruch) und am Ende hätte man schlicht kaum jemandem mehr verkaufen können, warum man nun doch einen anderen Trainer holt.

Nachdem Rummenigge Flick beim Champions-League-Bankett öffentlich einen Stift zum Unterschreiben geschenkt hatte, war Flick in einer so guten Verhandlungsposition, dass er sich auch ein Mitspracherecht bei Transfers erkämpfte. Dass er das bekommen hat, bestätigte Rummenigge der Bild-Zeitung. Auch Kahn, der ab Januar 2022 den Vorstandsvorsitz von Rummenigge komplett übernehmen soll, war laut Bayern-Mitteilung mit dieser Kompetenzerweiterung einverstanden. Er wolle "die Idee von Vereins- und Spielkultur" gemeinsam mit Flick entwickeln.

Langfristige Klarheit in der Trainerfrage hilft natürlich auch bei den Verhandlungen mit den Säulen der Mannschaft. Der FC Bayern befindet sich in Gesprächen mit Manuel Neuer, Thiago, David Alaba und Thomas Müller. Sie alle wissen nun, mit welchem Trainer sie es zu tun haben und da hilft es, wenn sie diesen Trainer ganz gerne mögen. Das gleiche gilt auch für potentielle Neuverpflichtungen. Neben dem Gehalt ist der direkte Vorgesetzte für viele Spieler ein entscheidender Faktor bei einem Transfer oder Nicht-Transfer geworden. Und auf der Suche nach einem neuen Co-Trainer für den alten Co-Trainer könnte der FC Bayern wohl auch den kurzen Weg gehen. Flick schwärmte kürzlich sehr von Miroslav Klose, der aktuell die U17 des FC Bayern trainiert.

Jetzt müsste nur wieder Fußball gespielt werden. Aber das liegt weder in der Macht des FC Bayern, noch in der von Hansi Flick.

© SZ.de/tbr
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