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Interimstrainer Hansi Flick:Der Mann, den alle mögen

FC Bayern: Co-Trainer Hansi Flick beim Training

Künftig Chef-Trainer, zumindest übergangsweise: Hansi Flick, vormals Bayerns Co-Trainer.

(Foto: imago)
  • Hansi Flick übernimmt übergangsweise den Trainerjob beim FC Bayern.
  • Wie lange er diese Rolle ausfüllen wird, ist offen.
  • Klar ist: Im Team wird seine offensive Denke gut ankommen.

Für den FC Bayern ist das eine gute Nachricht: Der neue Trainer ist auf höchstem Niveau noch unbesiegt. Man muss sogar sagen, dass der Trainer Hansi Flick auf der großen Bühne eine hundertprozentige Erfolgsquote hat, er gewann ein Spiel von einem. Unter Flicks Federführung gewann die DFB-Elf bei der EM 2008 ihr Viertelfinale gegen Portugal 3:2, in der Loge beobachtet von einem rauchenden Jogi Löw. Ob Löw zu Recht dort saß, war umstritten, ihm wurde ein Streit mit dem damaligen österreichischen Teamcoach Peppi Hickersberger zur Last gelegt, obwohl Hickersberger versicherte, er habe "mit dem Jogi kaan Wickel g'hobt" (Wickel = Streit, Rauferei/Übersetzung der Redaktion).

Flick hat das Spiel damals souverän geleitet, aber er hatte kein Problem damit, nach dem Spiel wieder aus dem Bild zu gehen. Er hat sechs weitere Jahre geräuschlos den Harry Klein gegeben, der Jogi Löw den Wagen holte, er hat sich nie inszeniert, nie öffentlich ein Upgrade gefordert. Flick ist kein Mann, der Wickel macht oder hat.

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Hansi Flick, 54, ist der Mann, den alle mögen. Für einen Menschen ist das kein schlechtes Konzept, für einen Trainer des FC Bayern wäre das womöglich ein bisschen wenig: nur supersympathisch zu sein. Dass Flick nun laut FC Bayern "bis auf Weiteres" die anspruchsvollen Klubprofis trainieren darf, hat aber - neben der Trennung von Niko Kovac - mindestens zwei Gründe. Erstens ist Sympatischsein eine Kernqualität, wenn es darum geht, einer irritierten Elf wieder ein Wohlfühlaroma zu vermitteln. Zweitens ahnt das Fußballland spätestens seit 2014, dass dieser Flick mehr ist als nur so 'n netter Typ.

Die Standards sind nur der bekanntere Teil der Geschichte

Flick ist Weltmeister geworden in Brasilien, und es hat sich längst herumgesprochen, dass er dabei viel mehr war als nur der Wagenholer. Flick saß mit am Steuer.

Er hat sein gutes Verhältnis zu Löw damals auf eine harte Probe gestellt, weil er ihn dauernd mit diesen Standardsituationen nervte, die Löw zumindest damals nur unter Protest als Teil eines Fußballspiels akzeptiert hat. Flick hat im Trainingslager in Südtirol jene inzwischen legendären Standard-Challenges veranstaltet, bei denen die Spieler sich selbst Eckball- und Freistoßvarianten ausdenken sollten.

Das Ende der Geschichte ist bekannt: Deutschland holte auch wegen seiner Eckbälle und Freistöße den Titel, und Löw sagte später, der Hansi habe das "hervorragend gemacht". Er sagte das allerdings mit der Miene eines Sternekochs, der seinen Assistenten dafür lobt, dass er ihm so kompetent die Gürkchen geschnippelt hat.

Aber die Standards sind nur der bekanntere Teil der Geschichte. Weniger bekannt ist, was sie damals nur im engeren Umkreis der Nationalelf wussten: dass Flick intern immer mehr an Profil gewonnen und sich durchaus auch mal von Löw emanzipiert hatte.

Flick war nicht nur der Mann, der die Trainingspläne schrieb und am 27. Mai 2014 in Südtirol schon wusste, welcher Trainingsinhalt am 17. Juni in Brasilien auf dem Plan stehen würde - Flick war auch so etwas wie Löws pragmatischere Hälfte. Und wenn es zuletzt um das deutsche Scheitern bei der WM 2018 ging, dann haben im DFB-Stab immer wieder mal ein paar geraunt: Ob das mit dem Hansi auch passiert wäre? Flick, so die natürlich nicht zu beweisende Theorie, hätte dem Jogi bestimmt eingeredet, den Sané mitzunehmen, und er hätte gewiss früher den Plan entwickelt, Joshua Kimmich ins Mittelfeld zu stellen. Flick ist ein Verfechter von Kimmich auf der Sechserposition - ob er Kimmich jetzt aber auch gegen Piräus da auflaufen lassen kann, ist angesichts der eng beschriebenen Verletzungsliste fraglich.

Vor allem Uli Hoeneß gilt als Flick-Sympathisant

Ein Blick in Flicks Biografie könnte nun helfen bei dem Versuch, ihn sich auf dem Bayern-Trainingsplatz vorzustellen. Flick wird versuchen, das Beste aus beiden Welten mitzunehmen. Nach seinem Rücktritt als Löws Assistent 2014 ist er ja erst mal Theoretiker geworden, er war Sportdirektor beim DFB und für eine kleine, unglückliche Weile etwas Geschäftsführerartiges in Hoffenheim. Und vor allem beim DFB hat er sich viel mit der Entwicklung des Spiels beschäftigt. Er hat Positionsprofile entwickeln und mit Spezialbrillen die Wahrnehmung schulen lassen, und so tritt er seinen Übergangsposten bei Bayern mit einem umfassenden Blick aufs Spiel an.

Flick war ein defensiver Spieler, ein dienstbarer Geist im Mittelfeld, aber als Trainer denkt er das Spiel viel offensiver und auch konkreter als etwa Niko Kovac. Das dürfte im Team gut ankommen, auch die Unterstützung der hohen Herren ist ihm erst mal gewiss. Vor allem Uli Hoeneß gilt als Flick-Sympathisant, schon 1985 hat er als junger Manager den jungen Mittelfeldspieler Flick aus Sandhausen zum FC Bayern geholt; und vor zweieinhalb Jahren, als die Bayern dringend einen neuen Sportchef suchten, hat Hoeneß ihn offenbar auch mal angerufen.

Es waren jene aufregenden Tage, als Hoeneß den Gladbacher Max Eberl favorisierte, Karl-Heinz Rummenigge aber den hauseigenen Philipp Lahm. In dieser Zeit, hört man, wollte Hoeneß von Flick mal wissen, was er denn gerade so plane. Das Thema Sportchef wurde dann nie konkret, auch weil es Flick zurück auf den Rasen zog - dafür hat sich Hoeneß im Frühsommer 2019 wieder an Flick erinnert, als er darum ging, einen starken Co-Trainer als Nachfolger für den emeritierten Peter Hermann zu verpflichten. Ein Job als Co stand eigentlich nicht mehr auf Flicks Trainingsplan; aber der Name "FC Bayern" war zu verlockend.

Keiner wird bestätigen, dass Flick als Korrektiv für Kovac kam oder gar schon mit dem geheimen Hintergedanken, den umstrittenen Coach vielleicht mal abzulösen - Fakt ist aber, dass der Mann, den alle mögen, dem FC Bayern nun etwas Zeit bei der Nachfolgersuche verschafft hat. Am Dienstag wird Flick sich vor der Presse erklären, und vielleicht wird er dabei auch verraten, was er mit Thomas Müller vorhat, der bei den Standard-Challenges damals sein kreativster Partner war.

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