Fis-Präsident Eliasch:Vom Hoffnungsträger zum Problemfall

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Fis-Präsident Eliasch: Johan Eliasch hat mit seinen Plänen nicht nur viele überrumpelt, sondern auch gegen sich aufgebracht.

Johan Eliasch hat mit seinen Plänen nicht nur viele überrumpelt, sondern auch gegen sich aufgebracht.

(Foto: Angelika Warmuth/imago images/GEPA pictures)

Der Konflikt um Johan Eliasch, den umstrittenen Präsidenten des Ski-Weltverbands, spitzt sich zu: Kurz vor dem Fis-Kongress sieht sich der Schwede mit einer Strafanzeige konfrontiert - und Gedankenspielen, seine Wiederwahl zu verhindern.

Von Johannes Knuth

Am Dienstag trafen die Delegierten des Ski-Weltverbands Fis in Mailand ein, im Hotel Prinicpe di Savoia: neoklassizistische Fassade, türkische Bäder und sonstiger Fünf-Sterne-Luxus, der schon Queen Elizabeth umschmeichelte. Vor den Würdenträgen des Wintersports lagen freilich auch zwei argschweißtreibende Kongresstage: An diesem Mittwochabend war die Kür des Gastgebers der alpinen Ski-WM 2027 anberaumt: Garmisch-Partenkirchen buhlte um die Veranstaltung, doch es wurde Crans-Montana in der Schweiz. Und am Donnerstag standen die Wahlen für wichtige Ämter an, darunter jenes des Präsidenten. Für Verbände sind das oft Festtage, man genießt nicht nur die türkischen Bäder und die sautierten Jakobsmuscheln im Restaurant, man versichert sich auch seiner Stärke. Im Fall der Fis ist das mit der Festtagslaune gerade nur so eine Sache.

Die Stimmung, sagte ein Insider, sei "extrem am Kippen".

Grund ist just der Präsident der Fis, der sich am Donnerstag in eine zweite Amtszeit schicken lassen will, ohne Gegenkandidat: Johan Eliasch, schwedischer Geschäftsmann, Eigentümer der Ski-Firma Head, scharfer Blick, charismatisches Lächeln. So überzeugte er offenbar auch einige, die ihn im Vorjahr auf den Thron des Weltverbandes hievten, nach dem Tod des langjährigen Patrons Gian Franco Kasper. Eliasch sollte einen Verband aus seiner jahrelangen Gefälligkeit reißen, mit Konzepten für Sicherheit, TV-Übertragungen, Marketing. So hofften viele.

Tatsächlich ist gerade viel Bewegung in der Fis, allerdings auf die harte Tour: Die Rede ist von Enteignungen, Abspaltungen, von Strafanzeigen und Prozessen, sogar vom Tod des Sports. Und die jüngste Volte in Mailand führt sogar der an illustren Episoden reiche Verbandssport eher selten im Repertoire: Viele Delegierte erwägen zumindest dem Vernehmen nach, den einzigen Präsidentschaftskandidaten auf dem Zettel ins Abseits zu drücken: indem man gegen ihn votiert.

Präsident Eliasch geht bei der Umsetzung seiner Wahlversprechen resolut vor

Quell des größten Ärgers ist noch immer eine Sitzung des Fis-Councils von Anfang April, einer Art Rat des Wintersports. Bis dahin hatte Eliasch schon einige Widersprüche aufgeworfen - über Rennen in Dubai sinnieren aber gleichzeitig einen "klimapositiven" Verband ausrufen? Nun, knapp zwei Tage vor dem Council-Treffen im April, ging den Delegierten ein Manifest zu, das vielen den Atem raubte: Viele nationale Verbände sollten damit im Grunde ihre Geschäftsgrundlage aufgeben, Knall auf Fall.

Die Fis, das muss man wissen, vergibt ihre Weltcups seit Jahren an Landesverbände, wie den Deutschen Skiverband. Der vermarktet die Rechte selbst oder tritt sie, wie im Fall der TV-Lizenzen, an Agenturen wie Infront ab, die Kontrakte mit TV-Stationen aushandeln und einen Teil der Erträge für sich behalten. Ihre Marketingrechte hatte die Fis bislang ebenfalls über ein Unternehmen vertrieben, die Fis Marketing AG (Fismag AG). Die gehört dem Verband zu 51 Prozent, die restlichen Anteile stehen zwei Zwischenhändlern zu: Infront und der Agentur Tridemsports.

Geht es nach Eliaschs Plan, sollen diese Makler künftig verdrängt werden, die Fis alle Rechte vermarkten - und diese Gelder auch verteilen, an die großen wie kleinen Nationalverbände. Dieses Ansinnen war auch der Grund, weshalb Eliasch bei seiner Wahl im vergangenen Juni viele Voten auf sich vereint hatte. Nur: Wie er dieses Versprechen zuletzt durchdrücken wollte, entsetzte viele. Viele Verbände sind ja weiter an Verträge mit Zwischenmaklern wie Infront gebunden, auch der DSV, zum Teil bis 2030. Dieses Geflecht abzuwickeln, ist kostspielig und zeitraubend. Eliasch erklärte diese Verträge nur, grob gesagt, mit einem Schlag quasi für ungültig: Sämtliche Rechte lägen alleine bei der Fis; die Makler handelten also mit Rechten, die ihnen nicht zustünden. Das ging aus einer Verfügung hervor, die die Fis bei einem Gericht in Zug hinterlegte.

"So etwas wie diesen Mann habe ich noch nicht erlebt"

Das verdatterte Council ließ Eliaschs Vorstoß zunächst durchfallen, die Debatten rollten aber erst los. Christian Pirzer, der Geschäftsführer der Fismag AG, sagte auf SZ-Anfrage, er habe dem Council der Fis schon im vergangenen September signalisiert, dass man dem Weltverband sehr gerne dessen Marketingrechte überlasse - "im Rahmen der vertraglichen Regelungen", klar. Eliasch aber sei auf Konfrontationskurs gegangen: Der Präsident habe sich "gegenüber Mitgesellschaftern in der Fis Marketing AG schriftlich in verleumderischer Art und Weise über mich geäußert", bestätigt Pirzer nun. Dagegen gehe er nun strafrechtlich vor, mehr könne er fürs Erste nicht sagen. Nur so viel: Er sei seit über dreißig Jahren im Skisport unterwegs, "so etwas wie diesen Mann habe ich noch nicht erlebt. Für mich war der Skisport immer eine Welt, in der Gesetz und Ordnung zuhause sind, in der man sich an Verträge hält, in der man respektvoll und fair miteinander umgeht. Seitdem Herr Eliasch da ist, ist das völlig anders."

Herr Eliasch wies auf SZ-Anfrage sämtliche "Vorwürfe" Pirzers zurück. Seine Anschuldigungen basierten auf "faktischen Belegen", die beweisen würden, dass Pirzer betrügerisch gehandelt habe. Was nach SZ-Informationen freilich erst noch zu klären ist, in einem weiteren juristischen Verfahren.

Der Wettkampfkalender steht immer noch nicht fest

Viele Kenner und Beteiligte stützen zumindest auch Pirzers grundlegenden Eindruck: dass Eliasch wenig und schroff kommuniziere. Dass es an konkreten Plänen mangele; wie viel Geld die Verbände, die immerhin ihre Geschäftsmodelle aufgeben sollen, etwa künftig von einer Zentralvermarktung zu erwarten hätten, geschweige denn für Prozesse, die verprellte Partner wie Infront vorantreiben. Dass der alpine Wettkampfkalender für den kommenden Winter bis zum Mittwoch in der Schwebe hing: Unter anderem ohne die Klassiker in Norwegen, dafür mit einem zweiten, wenig klimapositiven US-Stopp, weil dort ein regionaler (!) TV-Sender angeblich eine Stunde Live-Zeit zugesichert hat - obwohl die geplanten Standorte wie Aspen bei vielen Teams zuletzt extrem unbeliebt waren.

Eliasch schrieb auf SZ-Anfrage, dass man die Rennen wegen "einer Reihe an Gründen" in die USA vergeben habe: Fan-Potenzial, bessere TV-Quoten, unter anderem. Mangelnde Kommunikation, schlechte Stimmung, Vertrauensverlust? Davon könne keine Rede sein: Man arbeite "furchtlos" und "unermüdlich" mit allen Beteiligten daran, den Sport "Schritt für Schritt" zu verbessern.

Und die Beteiligten aus den Mitgliedsverbänden? Deren Verdruss ist so groß, dass sie für die Wahl am Donnerstag nach SZ-Informationen bis zuletzt ein pikantes Manöver erwogen: Man habe so rasch zwar keinen Gegenkandidaten aufbauen können, könnte sich aber, so ein Gedanke, nicht für, sondern gegen Eliasch votieren, in einer Ja-Nein-Abstimmung - sein Posten wäre dann wohl wieder vakant, bis zu einem Sonderkongress. Und die Chancen dafür standen offenbar gar nicht schlecht, für eine Weile zumindest: Sogar die einflussreichen Österreicher rückten zuletzt von Eliasch ab: Peter Schröcksnadel, der langjährige ÖSV-Boss im Fis-Council, war im Vorjahr zwar in letzter Minute zu Eliasch übergelaufen. Doch auch im ÖSV stößt ihnen die Pistenraupenmentalität des Neuen immer häufiger auf.

Die Voten der kleinen Verbände könnten entscheidend sein

Der Haken an dem Unterfangen: Es wäre wohl nur in geheimer Wahl denkbar; an einem offenen Dissens mit Eliasch ist niemandem etwas gelegen. Diese geheime Wahl müsste allerdings ein Delegierter am Donnerstag beantragen, mit offenem Visier. Und ob eine Ja-Nein-Abstimmung für Präsidentschaftswahlen von den Fis-Statuten überhaupt gedeckt ist, war zunächst ebenfalls unklar.

Gut möglich also, dass Eliasch doch bestätigt wird. Dann für vier Jahre, flankiert von einem neuen Council, das am Donnerstag ebenfalls gekürt wird, und das dem Präsidenten gewogener sein könnte als das alte. Und wenn Eliasch viele kleine Nationalverbände, die Berge zumeist nur von Postkartenmotiven kennen, hinter sich vereint, geködert vom Versprechen auf neue Geldflüsse - dann könnten diese sogar die großen Verbände überstimmen, wenn es etwa darum geht, bei umstrittenen Pläne nicht ganz so genau hinzuschauen.

Sicher waren bis Mittwoch jedenfalls nur die dunklen Wolken über der feinen Mailänder Hotelfassade.

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