Präsident des Ski-Weltverband Fis:Schlingerstart des neuen Lenkers

ALPINE SKIING - FIS WC Soelden SOELDEN,AUSTRIA,22.OCT.21 - ALPINE SKIING - FIS World Cup season opening, Rettenbachferne; 1007459905

Wird von vielen Seiten beäugt: der neue Fis-Präsident Johan Eliasch, 59.

(Foto: Angelika Warmuth/Gepa/Imago)

Lässt sich ein Weltverband so zupackend reformieren wie ein Großkonzern? Die ersten Auftritte des neuen Fis-Präsidenten Johan Eliasch wecken leise Zweifel.

Von Johannes Knuth, Sölden

Wenn etwas Neues anbricht, wie kürzlich die Saison der Skirennfahrer, merkt man ja oft erst, wie sehr das Alte doch fehlt. Der Auftakt der Alpinen in Sölden war der erste ohne Gian Franco Kasper, den im Juli verstorbenen Schweizer, der dem Ski-Weltverband Fis allein für 23 Jahre vorgestanden hatte - ein Leben im Dienst des Wintersports. Nun trat niemand mehr in roter Cordhose und Strickpulli vor die Reporter, lästerte über andere Verbände oder seine potenziellen Nachfolger - und räumte klaglos ein, dass in der eigenen Branche gerne mal das eine gesagt und das andere getan werde.

Dafür schritt der Schwede Johan Eliasch, Kaspers Nachfolger, in schwarzem Anzug und blau-goldener Krawatte auf die Bühne eines Veranstaltungssaals. Er sprach von einer "neuen Reise", die nun beginne, was keineswegs pathetisch klang, da Eliasch sein Eröffnungsstatement von einem Computerbildschirm ablas. Ansonsten schaute er mit stechendem Blick in die Kameras, sehr hingebungsvoll, in jede einzelne.

Einem wie Kasper nachzufolgen, räumte Eliasch gleich ein, sei ja keine leichte Aufgabe. Sein Vorgänger habe ein "phänomenales" Erbe hinterlassen - welche Organisation spanne schon 7000 Events über den Globus, verfüge über 200 Millionen Franken an Reserven im Geldspeicher? Kasper hatte diesen Schatz zuletzt allerdings eher verwaltet statt gestaltet, und so umfasst sein Erbe auch ein gewaltiges Spannungsfeld: Wie bleibt man als Weltverband relevant für ein Publikum, das dem traditionsreichen Wintersport nicht gerade in Scharen zuläuft?

Zumal das Wintersporthabitat vom Klimawandel massiv bedroht ist? Nicht wenige hatten gehofft, dass Eliasch diesen Stillstand aufbrechen könne, kraft seiner Expertise, mit der er viele Unternehmen profitabel machte, zuletzt den Sportartikelausrüster Head. Nur: Ein Großkonzern lässt sich dann doch anders lenken als ein Weltverband mit 200 Mitgliedsnationen und unzähligen Interessen. Und Eliaschs erste Regierungserklärung in Sölden war zumindest nicht geeignet, seine Skeptiker zu entkräften, vorsichtig formuliert.

Der 59-Jährige verwies zunächst auf erste Beschlüsse, die ein Sonderkongress zuletzt abgesegnet hatte, unter anderem eine zwölfjährige Amtszeitdeckelung für Präsidenten. Das ist schon beachtlich für die Fis, die sich in 97 Jahren bislang vier Vorsitzende leistete. Ansonsten, versprach Eliasch, werde man "ständig alle Formate und Renn-Kalender" durchleuchten, denn: "Wir müssen kreativer sein, was die Attraktivität unseres Sports angeht."

Eines seiner großen Anliegen sei es, TV- und Sponsorenrechte künftig zentral zu vermarkten und nicht den Weltcup-Veranstaltern zu überlassen. Ein spannendes Projekt, etwa mit Blick auf die Hahnenkammrennen in Kitzbühel. Die haben sich ja auch deshalb als ein Motorsport-Monaco des Winters etabliert, weil sie unabhängiger von den Verbänden agierten.

Für ihre Zukunftsgruppe hat die Fis zwei Altbekannte engagiert: Peter Schröcksnadel, 80, und Bernie Ecclestone, 91

Bei allem Expansionsdrang habe er die Klima-Thematik natürlich fest im Blick, versicherte Eliasch. Er zitierte Initiativen zur Regenwalderhaltung, die man unterstützen werde. Die Fis wolle zudem als einer der ersten Weltsportverbände CO2-neutral sein, so schnell es gehe. Erst als Eliasch gefragt wurde, wie das mit anderen Zukunftsprojekten einhergehe, geriet er leicht ins Schlingern.

Brauche man noch unbedingt Abfahrtsrennen am Matterhorn, die ab kommendem Winter die Saison der Schnellfahrer eröffnen sollen? Da man die Piste auch fürs Training nutzen werde, sagte Eliasch, werde man auch viele Reisen sparen. Nur: Der frühere Termin erhöht auch den Druck auf die Athleten, noch früher und härter im Sommer zu trainieren, und damit: wieder mehr Reisen und Stress für weitere Pisten.

Oder die Pläne für Weltcups in Skihallen in Dubai? Das könnte "Potenzial haben", sagte Eliasch, und natürlich würde man die Emissionen der korrespondierenden Flugreisen ausgleichen. Und die Winterspiele in Peking, für die gewaltige Anlagen in Regionen gefräst wurden, in denen es kaum schneit? Da sprach Eliasch lieber von einer "einmaligen Gelegenheit", von 300 Millionen Chinesen, die in den Schnee gebracht werden sollen und die den Winter-Tourismus an traditionellen Standorten ankurbeln könnten. Wie war das noch mal mit CO2-neutralen Winterreisen?

Einmal umwehte Eliaschs Miene dann doch ein Lächeln: Als er darauf angesprochen wurde, dass Peter Schröcksnadel, der langjährige Sonnenkönig im Österreichischen Skiverband (ÖSV), jetzt die "Alpine Future Vision Group" leite - und dass ihm künftig ein gewisser Bernie Ecclestone zuarbeiten soll, der langjährige Sonnenherrscher des Motorsports. Eine Zukunftsgruppe in den Händen zweier Männer, die es gemeinsam auf 171 Lebensjahre bringen?

"Peter Schröcksnadel ist jünger als die meisten in diesem Raum", konterte Eliasch; er meinte offenbar dessen tiefen Teich an Ideen. Wobei Schröcksnadel zuletzt auch mit der Idee glänzte, dass er den menschgemachten Klimawandel doch eher für fraglich halte. Schröcksnadel ließ zuletzt auch Berichte unwidersprochen stehen, wonach er lange die Fis-Kandidatur des Schweizer Urs Lehmann unterstützte, ehe er kurz vor der Fis-Wahl zu Eliasch umschwenkte. Kaum war der Schwede gewählt, stieg Schröcksnadel zum Fis-Vizepräsidenten auf.

Das klang schon weniger nach einer "neuen Reise", vielmehr: reichlich vertraut.

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