bedeckt München 30°

Finanzkrise bei 1860 München:Endlich mal ehrlich

Jahrelang hat sich 1860 München seine merkwürdigen Luftschlösser auf Pump finanziert. Jetzt müssen die Insovenzverwalter Schneider und Schäfer unbequeme Dinge tun - denn es ist kurz nach fünf vor zwölf.

In einem Land vor unserer Zeit lebte ein Mann, der den TSV 1860 in der Bayernliga übernahm. Er führte ihn wie einen Bayernligisten, brachte ihn aber zurück in die erste Liga und polierte die Infrastruktur auf internationales Fußballgeschäft. Das gehört zum 1860-Grundwissen und ist nicht mehr zu ändern.

TSV 1860 München - Arminia Bielefeld

Wie geht es weiter? Die Spieler von 1860 München wissen es am wenigsten.

(Foto: dpa)

Deutlich verblüffender war es, dass sich noch vor einem halben Jahr ein Geschäftsführer vorstellen durfte, der den Klub "in fünf Jahren plus europäisch" sehen wollte, "zumindest als Marke".

In der vergangenen Woche setzte sich sein Nachfolger hin, Robert Schäfer, und gab offen zu, dass 1860 nicht mal mehr eine deutschlandweite Marke sei. Daneben saß der neue Vizepräsident Dieter Schneider und nickte. Da hatte man zum ersten Mal seit Ewigkeiten das Gefühl, dass dieser traditionsreiche Stadtviertelklub endlich Menschen an der Spitze hat, die ihn sehen, wie er ist: nicht groß, nicht glamourös, aber tief verwurzelt in den Herzen vieler Leute.

Jahrelang hatte sich der TSV seine merkwürdigen Luftschlösser auf Pump finanziert. Die Geschäftsführer aßen im alten Löwenstüberl, dem einzigen Ort, an dem die Löwen immer sie selbst geblieben sind, ihre Wurstsemmel. Dann gingen sie in den dritten Stock der Geschäftsstelle und vergaßen offenbar schon im Aufzug, wo sie gerade herkamen.

Es ist jetzt kurz nach fünf vor zwölf. Offenbar musste 1860 genau in diese Situation geraten, um zu sich selbst zu finden. Schneider und Schäfer tun jetzt unbequeme Dinge. Sie wollen ein "ehrliches Budget" machen, mit dem der Verein in der zweiten Liga mit 20.000 Zuschauern im Schnitt leben kann.

Dabei müssen sie ihren Kurs zum Glück kaum mehr verteidigen, weil jeder weiß, dass er alternativlos ist. Natürlich gibt es Fans, die den Ist-Zustand als endloses Leid empfinden, die Insolvenz und den Neustart im Amateurfußball herbeisehnen. Es geht dann ja nicht Sechzig kaputt, sagen sie, sondern nur eine GmbH & Co. KGaA.

Dabei vergessen sie, dass es um den Erhalt eines funktionierenden Nachwuchszentrums geht - und um Arbeitsplätze, die ein verantwortungsbewusster Geschäftsmann nicht wegschenken darf, ohne zu kämpfen. Und dass der Weg, der sie in die Not geführt hat, einst auch in der Bayernliga begann.

© SZ vom 18.12.2010/ebc

Lesen Sie mehr zum Thema

Zur SZ-Startseite