"Finals":Kleine Hoffnung in der Tristesse

Lesezeit: 2 min

Dessau, Deutschland 21. Mai 2021: 23. Internationales Leichtathletik Meeting Oleg Zernikel (GER -ASV Landau) Hochsprung; Stabhochsprung

Scheitelpunkt überwunden? Die olympischen Sportarten hat es noch mehr gebeutelt als den Fußball

(Foto: Ballasch /Fotostand/imago)

18 Sportarten, 140 deutsche Meister, 25 Stunden Live-Fernsehen: Für den olympischen Sport ist es eine gute Nachricht, dass Leuchtturmprojekte wie die "Finals" wieder stattfinden. Aber das ist bestenfalls die halbe Wahrheit.

Kommentar von Johannes Knuth

Der eine oder andere wird vielleicht zusammenzucken, wenn er ab Donnerstag durch die öffentlich-rechtlichen Kanäle zappt und bei Übertragungen vom Bogenschießen oder Triathlon hängenbleibt. Zuschauer? So richtig leibhaftige? Die vielleicht auch noch Sportler anfeuern, wenn auch gedämpft, hinter den Schutzmasken? Schon erschreckend, wie sehr man sich an zuschauerfreie Arenen gewöhnt hat, die vor einem Jahr noch Parallelen zu apokalyptischen Filmepen weckten. Manchmal hatte das ja sogar was, dem Athletenfunk ungefiltert lauschen zu können, schlimm war das nicht. Schlimm wäre es gewesen, wäre die Tristesse zum Dauerzustand geronnen.

So weit kommt es nun also nicht. Ab Donnerstag steht die erste große Kleiderprobe des olympischen Sports in diesem Jahr an: 18 Sportarten haben sich zusammenspannen lassen, sie küren ihre deutschen Meister an einem Wochenende, 140 insgesamt. Das mag an Reizüberflutung grenzen, schürt aber immer noch mehr Aufmerksamkeit, als würden Bogensportler und Triathleten ihre Titelkämpfe allein präsentieren. 2019, bei der ersten Auflage der "Finals", klappte das sehr gut, 2020 kam Corona dazwischen, diesmal versprechen ARD und ZDF gleich 25 Stunden Live-Sport: Karate, Taekwondo, Tischtennis, Turnen und Rhythmische Sportgymnastik in Dortmund; Kanu, Kanupolo und Stand-Up-Paddling in Duisburg; Klettern in Bochum; Reiten in Balve; Bogenschießen, Moderner Fünfkampf, Triathlon, 3x3-Basketball, Trial-Radsport sowie Schwimmen und Wasserspringen in Berlin; Leichtathletik in Braunschweig, sogar mit 4000 Zuschauern an zwei Tagen. Ein bisschen wie Olympia, nur ohne überkochende Kosten und Sonderfahrspuren für Funktionäre. Vielleicht kommt das Ganze ja auch deshalb an.

Es hat natürlich was, dass diese kleinen Sommerspiele gerade jetzt stattfinden, da das echte Leben wieder losrollt; als Zeichen, dass auch jenseits des Fußballs wieder was vorangeht. Tatsächlich lenken solche Leuchtturmprojekte auch den Blick darauf, was noch nicht vorankommt. Oder gar nicht mehr vorankommen wird.

Die Lebensschule Sport? Ist an vielen Orten noch immer geschlossen

Zu dieser Wahrheit gehört etwa, dass der olympische Sport, der sich jetzt in Szene setzt, in der Pandemie noch weiter hinter den Fußball zurück geschlittert ist. Viele Spielsportligen hangelten sich mit Millionenhilfen des Bundes durch die Krise, andere Sportarten kriegten vier- oder fünfstellige Beträge ab, weil sie nicht auf große Zuschauereinnahmen verweisen konnten, die ihnen wegbrachen. In vielen Sportarten fallen weiterhin Wettkämpfe oder ganze Serien aus, weil Sponsoren fehlen und Corona-Hilfen die Defizite nicht kompensieren. Viele Athleten tasten sich seit eineinhalb Jahren durch Täler der Unsicherheit. Die Kanuten bestritten vor zwei Wochen ihre ersten internationalen Rennen seit eineinhalb (!) Jahren. Der Para-Sport, der bei den Finals im Triathlon, Bogensport und Tischtennis vertreten ist, musste oft monatelang ganz auf Turniere verzichten. Oder die Kampfsportler, im Karate oder Taekwondo: Die haben vielleicht die meisten Mitglieder während der Pandemie verloren, weil sie im Nahkampf und nicht im Freien agieren und viele Angebote bis heute stilllegen mussten, vor allem jenseits des Kadersports.

Man provoziert keine Aufstände, wenn man vermutet, dass da einiges zerbrochen ist, das sich auch nicht mehr aufbereiten lassen wird. Der ohnehin nicht mehr tiefe Teich an Talenten etwa, aus dem man die künftigen Finalteilnehmer heben will. Oder der Kinder- und Schulsport, der viele motorische Schienen verlegt, aber dafür gibt es nun mal ein bestimmtes Lernalter. Manches lässt sich nachholen, die Kindheit nicht. Und in den Corona-Konzepten und Gesundheitsausschüssen der Politik? Da suchte man den Sport und seine Sachwalter oft vergebens.

Ja, es geht wieder los. Aber auch erst mit den gewaltigen Herausforderungen.

Zur SZ-Startseite

Lesen Sie mehr zum Thema

Süddeutsche Zeitung
  • Twitter-Seite der SZ
  • Facebook-Seite der SZ
  • Instagram-Seite der SZ
  • Mediadaten
  • Newsletter
  • Eilmeldungen
  • RSS
  • Apps
  • Jobs
  • Datenschutz
  • Kontakt und Impressum
  • AGB