Spaniens Aitana BonmatíAnders als die anderen

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Aitana Bonmatí erzielte in der 113. Minute das Tor gegen Deutschland.
Aitana Bonmatí erzielte in der 113. Minute das Tor gegen Deutschland. Hendrik Hamelau/HMB-Media/Imago
  • Aitana Bonmatí, kürzlich zur weltbesten Fußballerin gekürt, zeichnet sich durch ihre unberechenbare Spielweise und ihre Unkonventionalität abseits des Platzes aus.
  • Trotz einer Meningitis-Erkrankung kurz vor der Europameisterschaft kehrte Bonmatí ins spanische Team zurück und erzielte im Halbfinale gegen Deutschland das entscheidende Tor.
  • Als Teil der "Las 15"-Bewegung kritisiert Bonmatí weiterhin den spanischen Fußballverband, bleibt aber eine respektierte Einzelgängerin im Team, das nach dem WM-Titel 2023 nun auch die EM-Trophäe anstrebt.
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Sie ist die beste Fußballerin der Welt, aber das ist nicht das einzige Ungewöhnliche an Aitana Bonmatí. Über eine Spielerin, die liest, wandert, eine besondere Beziehung zu Katalonien hat – und den spanischen Verband immer noch kritisch sieht.

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Die Laufwege der Aitana Bonmatí sind meist unergründlich. Irgendwo zwischen Mittelfeld und Angriff, auf der rechten Seite des spanischen Spiels, bewegt sie sich durch die Reihen, so viel ist bekannt. Man kann das an sogenannten Heatmaps ablesen, also Grafiken, die zeigen, wo auf dem Feld eine Spielerin sich wie oft aufhält. Meistens sind diese bei Aitana Bonmatí glühend rot, dann ist sie überall und hat das Spiel im Griff. Wohin genau sie aber dribbeln und passen wird, das wissen oft nicht einmal ihre Mitspielerinnen; ihre Unberechenbarkeit ist ein Trumpf der Spanierinnen. Und doch gab es auch gegen Deutschland wieder einen Laufweg, der für Bonmatí typisch ist. Der vielleicht noch mehr über sie erzählt als die kleinen Bewegungen, mit denen sie auch das Halbfinale dieser Europameisterschaft entschied.

Als der Schlusspfiff ertönte im Letzigrund-Stadion von Zürich und die Spanierinnen im Mittelkreis in einer Jubeltraube zusammenkam, ging Bonmatí zu Klara Bühl. Sie klopfte ihr auf die Schulter, nahm sie in den Arm, dann setzte sie ihren Weg durch die deutschen Reihen fort. Eine knappe Minute ging das so, später erklärte Bonmatí diese Geste. Am Ende eines Spiels „ist mein erster Gedanke immer bei den Gegnerinnen“, sagte sie. „Sie haben ein großartiges Turnier gespielt, ich wollte ihnen meinen Respekt ausdrücken.“ Erst danach kam auch Bonmatí in den Mittelkreis dazu, aber ohne im Mittelpunkt zu stehen.

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Außen im Kreis tanzte sie mit, mit großer Freude über diesen erneuten Triumph des spanischen Frauenfußballs, bei dem sie einmal mehr entscheidend mitgewirkt hatte. Auch wenn daran vor einigen Wochen kaum einer geglaubt hatte – nur sie selbst.

Ende Juni war sie noch Patientin in einem Madrider Krankenhaus gewesen. Während Spanien sein finales Testspiel bestritt, wurde die Spielerin mit der Nummer sechs wegen einer Meningitis behandelt, einer Hirnhautentzündung. Der spanische Verband wirkte damals ernsthaft besorgt, Nationaltrainerin Montserrat Tomé sagte, man werde „bis zum Ende“ auf sie warten, aber eine solche Erkrankung könne sich über Wochen hinziehen.

Bonmatí allerdings hörte sich im Krankenhaus an, was die Ärzte ihr zu sagen hatten. Dann las sie im Internet nach, was genau bei einer Meningitis im Kopf passiert. Und dann entschied sie sich dafür, die Sorgen sein zu lassen: „Zu keinem Zeitpunkt habe ich daran gedacht, dass ich nicht spielen könnte“, sagte sie in vor einer Woche im Interview mit The Athletic: „All die Sachen, die ich jeden Tag mache, um auf mich aufzupassen: gut essen, gesund leben, nicht rauchen, keinen Alkohol trinken (…), Sport treiben. Ich glaube, der Körper merkt, wie man ihn behandelt. Ich bin kein Arzt, aber ich denke, das hat mir geholfen.“

Nachfolgerin von Landsfrau Alexia Putellas: Aitana Bonmatí, Weltmeisterin und nun auch Gewinnerin des Ballon d’Or.
Nachfolgerin von Landsfrau Alexia Putellas: Aitana Bonmatí, Weltmeisterin und nun auch Gewinnerin des Ballon d’Or. Michel Euler/dpa

Und so kam Bonmatí zurück, nahm schnell wieder am Training teil, musste sogar eher gebremst werden von Tomé. Beim Turnier nahm sich Bonmatí in der Vorrunde etwas Zeit, sie kam von der Bank: Auf den Heatmaps sah man eher Gelbtöne, bisweilen sogar einen Fehlpass. Im Viertel- und Halbfinale allerdings war sie wieder die Spielerin, die in den vergangenen zwei Jahren einigermaßen unangefochten als weltbeste Fußballerin galt. Die es geschafft hat, dass ihr Vorbild zu einem ihrer Anhänger wurde: In Andrés Iniestas Instagram-Story konnte man nach dem Tor in der 113. Minute gegen Deutschland eine Huldigung an Bonmatí entdecken.

Viel kann man über die Fußballerin Bonmatí anhand dieses Tores erklären. Ihre Spielintelligenz, am Strafraum zu bleiben, wurde belohnt, weil es den Deutschen nicht gelang, den Ball zu klären. Dann forderte Bonmatí den Ball von ihrer Mitspielerin Athenea, postierte sich zwischen Innenverteidigerin Rebecca Knaak und Außenverteidigerin Franziska Kett, ließ beide mit einer Körpertäuschung hinter sich. Und war bereit, das Ungewöhnliche zu versuchen: Ihr Schuss aus spitzem Winkel überraschte dann viele, insbesondere die deutsche Torhüterin Ann-Katrin Berger.

Ihr Zuhause in Sant Pere de Ribes sei „eher eine Bibliothek als ein Haus“ gewesen, sagte Aitana einmal

Was Bonmatí als Fußballerin, vor allem aber als Persönlichkeit definiert? Wohl auch ihre Bereitschaft, anders zu sein als andere.

Der Grund dafür reist derzeit mit dem spanischen Team durch die Schweiz. An Bahnhöfen zwischen Zürich und Lausanne kann man Rosa Bonmatí Guidonet und Vicent Conca i Ferràs antreffen, Aitanas Eltern, die beide Lehrer für katalanische Sprache und Kultur sind. Ihr Zuhause in Sant Pere de Ribes, südlich von Barcelona, sei „eher eine Bibliothek als ein Haus“ gewesen, sagte Aitana einmal. Sie lernte von ihren Eltern, dass es normal ist, anders zu sein – und dass es wichtig ist aufzustehen: Vater Vicent war Aktivist für die katalanische Unabhängigkeit, wurde inhaftiert und nach eigenen Angaben gefoltert. Ihre Mutter kämpfte um ihren Namen: Als Aitana 1998 geboren wurde, gab das spanische Recht noch vor, den väterlichen Namen zuerst nennen zu müssen. Rosa Bonmatí war Teil einer Gruppe von Klägerinnen, die das Gesetz veränderten – und Aitana wurde so eine der ersten Spanierinnen, die ihren mütterlichen Namen tragen durfte.

Ihr Protest als Teil der „Las 15“-Bewegung ist vermutlich Teil dieses Erbes: Bonmatí und 14 andere Spielerinnen wiesen schon im Oktober 2022, weit vor dem Kuss-Skandal um den damaligen Präsidenten Luis Rubiales, auf die Missstände im spanischen Fußballverband hin. Auch nach Rubiales’ Absetzung blieb Bonmatí kritisch: Ihr Verhältnis zu Nationaltrainerin Tomé, die viele als Relikt alter Strukturen sehen, ist weiterhin Thema, aber auch jenes zum Rest der Mannschaft. Bonmatí ist eine Einzelgängerin, die von allen respektiert wird. Aber, so hört man aus dem spanischen Umfeld: Das enge Verhältnis, das zwischen vielen guten Freundinnen im Kader herrscht, die sich seit Langem kennen, überträgt sich nicht auf die intellektuelle, wortgewandte Aitana, die bei der EM viele Bücher liest und in den Schweizer Bergen wandern geht. Die anders ist, auch ein Gegensatz zu ihrer Mitspielerin Alexia Putellas, der anderen Ikone des spanischen Frauenfußballs.

Aitana (links) und Leah Williamson umarmen sich nach dem Champions-League-Finale, das der FC Arsenal überraschend gegen Barcelona gewann.
Aitana (links) und Leah Williamson umarmen sich nach dem Champions-League-Finale, das der FC Arsenal überraschend gegen Barcelona gewann. Leiting Gao/BSR/Imago

Bonmatí und Putellas finden inzwischen zumindest auf dem Feld besser zueinander und werden auch dieses EM-Finale bestimmen müssen, mit dem die Spanierinnen ihre Erfolgsserie weiterführen können. Spanien ist das Maß aller Dinge im Frauenfußball seit dem WM-Titel 2023: auf Klubebene, bei den Nationalteams und bei individuellen Auszeichnungen. Nur im Mai dieses Jahres musste Aitana Bonmatí das Verlieren lernen, im Champions-League-Finale gegen den FC Arsenal, als sie nach Abpfiff aufgelöst wirkte und Tränen vergoss.

Leah Williamson trat damals an Aitana heran, nahm sie in den Arm und tröstete sie – Englands Kapitänin, auf die Bonmatí am Sonntag in Basel erneut treffen wird.

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