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Finale beim Confed Cup:Chiles Sehnsucht offenbart ein Problem

  • In Chile haben sie viele alte Fußballhelden - wer ihnen zuhört, erfährt große Geschichten aus der Vergangenheit.
  • Aktuell zählt die Nationalelf zu den besten der Welt - im Finale des Confed Cups geht es gegen Deutschland.
  • Doch es gibt auch Probleme: Die aktuelle Generation wird nicht zu ersetzen sein.

Vielleicht hätten die Chilenen das alles auch viel früher haben können. Die internationalen Erfolge, das Ansehen, den Respekt. Denn wenn sie das Bild eines deutschen Trainers zeichnen, der Anfang der Siebzigerjahre im langen Land landete, von Rudi Gutendorf nämlich, erinnern sie sich an einen Erneuerer.

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"Er war ein Revolutionär, aber ein unverstandener. Das ganze Land hat ihn mit Sarkasmus und Spott überzogen", sagt Leonardo Véliz, 71, einer der besten Stürmer jener Jahre. Auf nichts von dem, was Gutendorf mitbrachte, war Chile vorbereitet: Die Spieler nicht auf die Skifahrer, die das Konditionstraining übernahmen; die Öffentlichkeit nicht darauf, dass Gutendorf 60 Spieler zu Sichtungs-Lehrgängen einlud; erst recht nicht darauf, dass er die Aura eines Playboys verströmte, mit einer "wunderschönen Frau" daherkam, die wiederum "mit ihrem Rassehund aufs Trainingsgelände kam und neben dem Rasen sonnenbadete", Zeugen zufolge: oben ohne.

Knapp 50 Jahre später stehen die Chilenen da, wo Gutendorf, 90, sie wohl gern hingebracht hätte. Am Sonntag stehen sie in St. Petersburg gegen Deutschland im Finale des Confed Cup. "Wir begegnen Deutschland auf Augenhöhe", sagt Arturo Vidal, 30, der sich schon nach dem 1:1 aus dem Gruppenspiel gegen Deutschland mit seinem FC-Bayern-Kollegen Joshua Kimmich fürs Endspiel verabredet hatte.

Die Augenhöhe ist wichtig, weil sie den chilenischen Wandel der vergangenen Jahre markiert. Auch früher schon hatte Chile gute, gar Weltklasse-Fußballer, man muss sich nur auf YouTube den Zusammenschnitt der Aktionen von Elías Figueroa bei der WM 1974 im Spiel gegen Veranstalter Deutschland (0:1) anschauen. Aber erst seit den Copa-América-Siegen 2015 und 2016 ist alles anders, sagt Carlos Caszely, 66, der einer der besten Mittelstürmer war, die Südamerika je hervorbrachte.

"Früher ging Chile in Spiele gegen Deutschland, um sich zu verteidigen, und der arme Carlos, also ich, war der einzige Stürmer. Jetzt greift Chile mit drei, vier, fünf, sogar sechs Spielern an", sagt Caszely, der bei den Weltmeisterschaften 1974 und in Spanien 1982 gegen Deutschland verlor. Wo Chile früher Schrittchen gemacht habe, setze es nun zu Gigantensprüngen an, fügt er hinzu. Dass dies von Branchen-Experten wie Bundestrainer Joachim Löw seit Jahren gewürdigt wird, erfüllt die Chilenen mit Stolz. "Diese Generation wird weltweit respektiert. Das war bei uns anders", sagt Véliz, der ebenfalls die WM 1974 spielte.

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Das Heute hat viel mit Spielern wie Vidal, Torwart Claudio Bravo (Manchester City), Charles Aránguiz (Leverkusen) oder dem europaweit umschwärmten Alexis Sánchez vom FC Arsenal zu tun, der am Freitag in Russland erklärte, bereits zu wissen, wo er nächste Saison spielen werde: "Ich kann es aber noch nicht sagen." Diese Chilenen sind forsch in die Erwachsenenwelt getreten und haben sich in England, Spanien, Italien und Deutschland eine Selbstbestätigung geholt, die sie nun mit ungeahnter Siegermentalität auftreten lässt. "Wenn wir im Finale stehen, müssen wir gewinnen", sagt Vidal. "Wenn die Jungen nicht die Anden-Kordillere überquert hätten, würden wir noch immer den Fußball von einst spielen. Wir hatten keinen Kontakt mit der Professionalität der besten Ligen der Welt", schildert Véliz.