WM-Reformpläne der Fifa:Mit dem Segen von Wenger, Ronaldo und Matthäus

MOSCOW RUSSIA JUNE 3 2018 German retired footballer Lothar Matthaus attends a ceremony to welco; Lothar Matthäus

Werbender Weltmeister: Lothar Matthäus bei einem Promotion-Event vor der WM 2018 in Russland.

(Foto: Sergei Bobylev/ITAR-TASS/imago)

Die Fifa forciert die Idee, die Fußball-WM alle zwei Jahre auszutragen - doch nicht nur bei Fans und Vereinen, auch bei der Uefa regt sich Widerstand. Werden nun prominente Ex-Weltmeister für den Plan instrumentalisiert?

Von Johannes Aumüller

Seit dem Jahr 1930 gibt es Fußball-Weltmeisterschaften, und wenn es seitdem zu maßgeblichen Änderungen am Format kam, betrafen diese in der Regel die Teilnehmerzahl. Von 13 über 16 und 24 bis auf aktuell 32 wuchs die WM an; und zum großen Verdruss vieler Fans und Beteiligter erhöht der Weltverband Fifa ab der Auflage im Jahr 2026 sogar auf 48 Teams. Der Grund für die Aufstockungen war fast immer derselbe: Es ging darum, sich die sportpolitische Unterstützung kleiner und mittlerer Nationen zu sichern, die auch gerne mal an einer WM teilnehmen würden. Also: um Macht.

Diese Motivlage spielt nun auch in eine Idee hinein, die von der Fifa gerade merklich forciert wird, und die noch weitreichendere Folgen für die Fußball-Welt hätte als die ewige Ausdehnung des Starterfeldes: ein neuer WM-Rhythmus. Nicht mehr alle vier Jahre, wie seit 1930 gehandhabt, sondern alle zwei Jahre soll es demnach eine Endrunde geben.

Das ist offenkundig der nächste Anlauf des skandalumtosten Fifa-Bosses Gianni Infantino, um seine Macht- und Geldvermehrungsphantasien zu erfüllen. Schon seit geraumer Zeit versucht er, den Fußball umzukrempeln, und liegt deswegen insbesondere mit der Spitze von Europas Fußball-Union Uefa um deren Präsidenten Aleksander Ceferin im Clinch. So wurde etwa schon Ende 2018 ein milliardenschweres Projekt forciert, das den Ausverkauf aller zentralen Fifa-Rechte nach sich gezogen hätte - jedoch vor seiner Vollendung aufflog. In dem Stil ging es weiter. Und nun erfolgt also in Form eines neuen WM-Rhythmus der nächste spektakuläre Angriff auf die etablierten Strukturen, wieder mal eingebettet in eine explosive Gemengelage.

Das jüngste Symptom der Überlastung: Der Abstellungsstreit eskaliert

Die Frage nach dem Machtzuschnitt im Fußball, der längst übervolle Kalender sowie die ewige Gier, aus dem System immer noch mehr rauszupressen, erzeugen ja ohnehin schon heftige Debatten und Verteilungskämpfe. Aktuell zu sehen ist das etwa bei dem Streit, ob die europäischen Klubs verpflichtet sind, ihre Spieler zu WM-Qualifikationsspielen ins Corona-geplagte Südamerika abzustellen. Nach Angaben der BBC eskalierte dies nun so weit, dass die Fifa mehrere brasilianische Akteure englischer Premier-League-Klubs, die nicht zu ihrer Nationalmannschaft durften, für fünf Tage (und damit für den ersten Champions-League-Spieltag der Uefa) sperrte, darunter Liverpools Trio Alisson, Fabinho und Roberto Firmino sowie Gabriel Jesus (ManCity) und Thiago Silva (FC Chelsea).

Alle Beteiligten machen dieser Tage wenig Hehl daraus, dass sie den Fußball-Kalender in ihrem Sinn umbauen wollen, allen voran die Fifa. Es gebe "keine Tabus", sagte Infantino, und im Übrigen zu viele "bedeutungslose Spiele". Da kann es womöglich sogar schon ausreichen, unter der Drohkulisse einer WM-Reform andere Wünsche durchzubringen.

Der Gegenwind ist jedenfalls groß und die Opposition breit aufgestellt. Der zentrale Gegenspieler ist einmal mehr Uefa-Boss Ceferin. "Mehr ist nicht immer besser. Das Fifa-Juwel der WM hat einen Wert wegen seiner Seltenheit. Alle zwei Jahre würde weniger Legitimität bedeuten und die WM selbst verwässern", sagte der Slowene kürzlich. Auf die Uefa und Europas Fußball hätte es besonders große Auswirkungen, wenn künftig in jedem zweiten Sommer ein WM-Turnier stattfände. Nicht nur, weil dies den Stellenwert der EM beeinflussen würde, sondern auch, weil die europäischen Klubs den Kern des Fußballbetriebs bilden und vor allem deren Spieler zusätzliche Belastungen zu verarbeiten hätten.

Entsprechend geben sich Vertreter führender Vereine eindeutig. Es gebe "keinen Platz im aktuellen Kalender", sagte der FC-Bayern-Justiziar Michael Gerlinger nach einer Zusammenkunft von Europas Klub-Vereinigung ECA am Dienstag, deshalb sei der Fifa-Plan derzeit "unmöglich zu bewerkstelligen". Der internationale Zusammenschluss der Profiligen (World Leagues) lehnt einen neuen Rhythmus ebenso vehement ab, und auch Top-Spieler wie Barcelonas Kapitän Sergio Busquets sprechen sich dagegen aus: "Sie interessieren sich nicht für die Spieler. Sie wollen nur mehr Turniere und Spiele. Spieler werden bei dieser Geschwindigkeit explodieren", klagte er. Zudem positionieren sich viele Fans klar. "Die überwältigende Mehrheit der Fans ist gegen eine alle zwei Jahre stattfindende WM", schrieb das Bündnis "Football Supporters Europe", zu dem europaweit rund 50 Fan-Organisationen zählen, darunter drei deutsche.

Dafür oder dagegen stimmen? Der DFB positioniert sich ausweichend

Aber dies scheint den Weltverband nicht daran zu stören, die Pläne voranzutreiben, bei denen viele Details und Folgen noch unklar sind. Im Mai brachte er eine Machbarkeitsstudie auf den Weg. Der Fifa-Direktor Arsène Wenger trommelt ausdauernd und lanciert auch schon verschiedene Ansätze für Kompromisslinien: Man könne ja dann die Qualifikation verkürzen oder, als Entgegenkommen an die Klubs, die Abstellungsfenster für die Nationalteams reduzieren.

Ständig melden sich in diesen Tagen Altstars, die der Idee das Wort reden, und just an diesem Mittwoch und Donnerstag kommen in Doha 40 ruhmreiche Ex-Profis auf Fifa-Einladung zu einer Beratung zusammen, von Ronaldo und Roberto Carlos bis zu Lothar Matthäus und Jürgen Klinsmann. Da sollte es doch mit dem Teufel zugehen, wenn die Fifa hinterher nicht ein Statement fabrizieren könnte, wonach die Zwei-Jahres-Idee in diesem berufenen Kreis von Ex-Weltmeistern für eine fabelhafte Sache gehalten wird.

Abseits der prominenten Namen ist aber die Frage, wie sich die Föderationen positionieren. Afrikas Kontinentalverband CAF stellte sich wenig überraschend hinter die Idee: Dort schielen viele Nationen auf eine erste WM-Teilnahme, zudem orchestrierte die Fifa im Frühjahr, dass die CAF-Spitze mit dem Infantino-treuen Milliardär Patrice Motsepe besetzt wurde. Auch aus Asien meldeten sich schon Unterstützer, und ganz offenkundig hoffen manche Strategen, dass Frankreich aus dem europäischen Widerstand ausschert, weil die Fifa in Paris ein neues Quartier errichtet.

Von daher wird genau zu beobachten sein, wie sich die einzelnen Verbände verhalten - auch der Deutsche Fußball-Bund. Unter dem früheren und im April 2019 zurückgetretenen Präsidenten Reinhard Grindel positionierte sich der DFB stets klar gegen Infantinos wildes Treiben. Seitdem der langjähriger Vize- und aktuelle Interimspräsident Rainer Koch die internationale Repräsentanz des DFB und den Vorstandsposten bei der Uefa übernahm, bewegte man sich erkennbar auf die Skandalfigur Infantino zu.

Nationalelf-Direktor Oliver Bierhoff sagte zu Wochenbeginn zwar der Bild, dass er die aktuelle WM-Anordnung für ideal halte. Doch die konkrete Nachfrage, ob das heiße, dass der DFB und seine internationalen Repräsentanten gegen einen Zwei-Jahres-Rhythmus stimmen werden, bejaht der DFB nicht. Stattdessen teilt er ausweichend und auffallend defensiver als Bierhoff mit: "Der DFB hält den aktuellen Vier-Jahres-Rhythmus für die Austragung von Weltmeisterschaften grundsätzlich für angemessen, wird das Thema aber in der nächsten Präsidiumssitzungen nochmals erörtern."

© SZ/cca/tblo
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