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Fifa: WM-Vergabe:Juristisches Nachspiel?

Beobachter brachten die dramatische Niederlage mit jenen galligen Hinweisen in Verbindung, die Putin in den Stunden vor der Kür aus der Ferne beigesteuert hatte. Demonstrativ missvergnügt hatte der Ministerpräsident ausrichten lassen, dass gewisse Bemühungen von Rivalen den Kür-Zirkus zur Farce hätten werden lassen - gemeint war Team England, das mit diversen Medien-Coups den fragwürdigen Charakter des Prozederes beleuchtet hatte.

Scheinbar grollend war Putin der Zeremonie in Zürich ferngeblieben, was als Nachteil für die russische Bewerbung gewertet wurde - jetzt aber zeigt das absolute Votum für Russland schon in Runde zwei mit 13 Stimmen, dass es der russische Premier, anders als alle Kollegen, all die Prinzen und Scheichs und Ex-Präsidenten gar nicht nötig hatte, persönlich als Bittsteller vor die Fifa-Exekutive zu treten. Putin hat den Weltsport zunehmend im Griff, das demonstrierte er bereits 2007, als er das nächste Winter-Olympia in seine Sommerresidenz Sotschi holte.

Die WM 2022 indes wurde erst nach vier Wahlgängen entschieden; nach Australien schieden Japan, dann Südkorea aus. Im Finale schlug Katar die USA deutlich.Wie umstritten Katar auch im Weltverband ist, zeigt die Aussage des Belgiers Michel d'Hooge, der zu den besonnenen Fifa-Kräften gezählt wird. "Darüber wird zu einem gegebenen Zeitpunkt noch zu reden sein", sagte er in Zürich, als er in seiner Eigenschaft als Mediziner nach dem leistungssportfeindlich heißen Klima in Katar befragt wurde.

Blatters Sieg nach innen kann aber nicht darüber hinwegtäuschen, dass er von außen weiter unter Druck steht. Während die Hinterbänkler Temarii (Tahiti) und Adamu (Nigeria) suspendiert wurden, weil sie auf ein Scheinangebot britischer Medien zum Stimmkauf eingegangen waren, ermittelte die Fifa-Ethikkomission in der Causa der belasteten Topfunktionäre Ricardo Teixeira (Brasilien), Nicolas Leoz (Paraguay) und Issa Hayatou (Kamerun) keine Sekunde.

Ein juristisches Nachspiel scheint möglich: Nach der Suspendierung Temariis und Adamus standen beim Votum nur 22 Vorständler zur Verfügung; laut Satzung müssen 24 Exko-Mitglieder abstimmen. Schon deshalb könnten unterlegene Kandidaten die Wahl juristisch anfechten; diese Sichtweise vertritt der Frankfurter Sportrechtler Nicolas Rößler. Aber erstmal wird Blatter prominente Hände schütteln dürfen. Putin gab am Abend bekannt, er werde nun doch nach Zürich reisen, um der Fifa zu danken.

© SZ vom 03.12.2010/ebc
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