WM-Pläne der Fifa:Frauen gegen Infantino

Fifa-Präsident Gianni Infantino

Fifa-Präsident Gianni Infantino will weiterhin eine Fußball-WM alle zwei Jahre.

(Foto: Lu Yang via www.imago-images.de; imago/imago images/Xinhua)

Der Fifa-Boss träumt von einer Fußball-WM alle zwei Jahre. Nun sagen auch mehrere Frauenfußball-Profiligen, dass die Idee "verheerend" sei. Und das sind nicht die einzigen Problemstellen.

Kommentar von Thomas Kistner

Wie eine Brandmauer formiert sich der Widerstand gegen die Pläne des Fifa-Bosses Gianni Infantino, die Fußball-WM künftig mit 48 Teams alle zwei Jahre abzuspulen. Erneut wendet sich die Profi-Gewerkschaft Fifpro gegen das Konstrukt, sie rügt einen eklatanten Mangel an "ganzheitlicher Vision und Führungskultur". Und massiver Flankenschutz kommt jetzt von denjenigen, die in den Allmachtsträumen von Infantino und dessen Sportdirektor Arsène Wenger erkennbar keine echte Rolle spielen: den Frauen im Fußball. Zehn ihrer Profiligen erklären die Fifa-Pläne in einem gemeinsamen Statement mit der Europa-Union Uefa und der Klubvereinigung ECA für sportlich, wirtschaftlich und gesellschaftlich verheerend. Die Männer-WM in der Dauerschleife: schädlich im Hinblick auf jede weitere Entwicklung des Frauenfußballs.

Das Frauenlager - darunter die deutsche Frauen-Bundesliga, Skandinavien und die zwei englischen Topligen - befürchtet irreparable Schäden. Ihr Sachvortrag steht im scharfen Kontrast zu den Taschenspielertricks der Fifa, etwa Infantinos Eröffnungsrochade, sogenannte "Fifa-Legenden" mit Plädoyers für eine künftige Dauer-WM auf die Rampe zu schieben. Echte Experten? Nun ja. Eher wohl Ex-Balltreter, die nach dem Karriereende unterbeschäftigt sind und in der Regel üppige Legenden-Saläre kassieren - und die schon deshalb nicht unglaubwürdiger sein könnten als Verfechter jedweder Fifa-Pläne.

Die Frauen fordern ein "echtes, gemeinsames und offenes Forum mit allen relevanten Fußballgremien und Interessengruppen" - und siehe da, so ein Forum nimmt bereits Gestalt an. Nur halt nicht unterm Fifa-Dach. Die wirklich relevanten Stakeholder versammeln sich nun auf einer parallelen Plattform, unter Uefa-Führung. Was gar nicht so falsch erscheint, betrachtet man den Ertrag der stundenlangen Online-Quasselrunde, die Infantino vergangene Woche mit Verbänden aus aller Welt veranstaltet hatte. Da wurde jedem nach dem Mund geredet; gerade die Kleinen und Kleinsten sollen ja, dank der Vielzahl ihrer Stimmen im Fifa-Parlament, all die Bedenkenträger aus dem echten Fußballbusiness niederstimmen. Am besten schon im Dezember, da will der Fifa-Patron einen Sonderkongress ausrufen.

Aber Infantino kann seine Hintersassen von Bhutan bis Belize, von Guam bis Guinea abstimmen lassen, wie er will. Es gibt keine WM, wenn die Europäer nicht mitmachen; und ihre engen Verbündeten in Südamerika wollen das sehr wahrscheinlich auch nicht. Deshalb wird es so laufen wie vor drei Jahren, als Infantino etwas anderes durchboxen wollte, irgendeine globale Nations League, ein anderes Imitat der Fußball-WM halt, um zusätzliche Milliarden abzugreifen: Auch damals stimmten die Europäer gar nicht erst ab.

Über welch dünnes Eis Infantino und sein Hofvisionär Wenger tänzeln, hat übrigens auch ihre Online-Debatte gezeigt. Da wollten etwa die Vereinigten Arabischen Emirate in Hinblick auf ihre 40-plus-Grad-Celsius-Sommer wissen, ob sich die neue Dauer-WM auch in kühleren Jahreszeiten spielen ließe. Antwort: Klar, ginge auch im Herbst. Als sei der Jahreskalender beliebig dehnbar. Und was machen eigentlich die rund 150 restlichen Verbände, wenn ständig 48 Teams eine WM austragen? Kein Problem, für die könne ja dann parallel ein nettes Beschäftigungsprogramm geschaffen werden, hieß es. Was aber ja den Ansatz völlig auf den Kopf stellen würde, den Spielkalender mit neuer Effizienz aufzuladen und um all die vielen bedeutungslosen Spiele zu entschlacken.

Keine Substanz, viel Theaterdonner. Das ist die Fußballwelt des Gianni Infantino, der nebenbei Wegzugspläne für die Fifa aus der Schweiz hegt. Was aber ganz sicher nichts damit zu tun hat, dass dort gleich zwei Strafermittlungen gegen ihn anhängig sind ...

Der gegen seine WM-Pläne rebellierende Frauenfußball kann sich nun sogar konkret an einem Widerpart aus den eigenen Reihen reiben. Als Fifa-Visionärin tritt neuerdings auch die frühere US-Nationaltrainerin Jill Ellis in die Bütt; sie träumt von WM- und Erdteil-Turnieren im alljährlichen Wechsel, um dem Frauenfußball eine "viel größere Plattform" zu schaffen. Wirklich? Das Profilager der Frauen legt recht schlüssig dar, wie just ihre Topturniere, im Vor- oder Nachgang zu den auch das Publikum erschöpfenden Großevents der Männer, in gesammelter Nichtbeachtung untergehen würden. Und übrigens auch der irgendwo dazwischengestreute internationale Nachwuchsbetrieb.

Weitere Problemstellen? Der Abbau von technischen, medizinischen und administrativen Ressourcen für den Frauenbetrieb, weil diese stärker auf die steten Spitzenwettbewerbe der Männer konzentriert würden. Damit einher gingen höhere Verletzungsrisiken und Gesamtbelastungen. Nicht zu reden von der dramatisch veränderten Sponsor- und TV-Landschaft, aufgrund übersättigter Märkte. Oder vom Stillstand der sich aktuell ja recht stark entwickelnden Fankultur im Frauenfußball. Und überhaupt: Was sagen alle anderen Sportarten zu so einem Fußball-Overkill?

Vielleicht muss man jede Nacht in Fifa-Bettwäsche schlafen, um all das für unerheblich zu halten.

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