Debatte um Fußball-WM:Infantino verschanzt sich hinter der Fußballgemeinde

Under-20 World Cup Final - Ukraine v Korea Republic

Gianni Infantino beklatscht die Fans - und er lässt sie befragen, ob sie denn auch gerne alle zwei Jahre eine WM hätten.

(Foto: KACPER PEMPEL/REUTERS)

Bei der Frage, ob es künftig alle zwei Jahre eine Weltmeisterschaft geben soll, wendet sich die Fifa dorthin, wo mit Beifall zu rechnen ist: An die Fans. Doch ein genauerer Blick auf die offizielle Umfrage des Verbandes ergibt ein ganz anderes Bild.

Von Thomas Kistner

Gianni Infantino und sein Weltverband Fifa liegen mal wieder im Clinch mit der Fußballwelt. Soeben bestellte ihn die Europa-Union Uefa zum Rapport, es geht um seine jüngste Erleuchtung: Eine Fußball-WM alle zwei Jahre mit 48 Nationalteams. Infantino soll überzeugende Daten und Studien zur Machbarkeit präsentieren, die es dummerweise nicht gibt. Weshalb die Uefa darauf wettet, dass sich Infantino nicht in ihre Löwenhöhle traut. Und sie das Projekt bald absagen kann.

Und was macht der listige Fifa-Patron?

Die Fifa gab Umfragen zum Thema WM in Auftrag - nein, nicht unter Profis

Er verschanzt sich hinter der Fußballgemeinde. Die Fifa gab Umfragen zum Thema in Auftrag - nein, nicht unter Profis, die ihre Belastungen höher schrauben sollen für so eine WM-Dauerberieselung, und auch nicht bei den Klubs, die die Gehälter der WM-Akteure bezahlen. Sie fragt dort, wo mit Beifall zu rechnen ist: Bei den Fans! Dort, wo mancher gern in Klub-Bettwäsche schläft. Und sieh an: Das Kalkül mit der Umfrage ging voll auf. Jedenfalls dreht es die Fifa so hin. Der Weltverband tut jetzt in großen Lettern kund: "Mehrheit der Fans favorisiert häufigere Fifa-WM - weltweite Umfrage!"

Nun lässt sich bekanntlich aus Umfragen, die man selber inszeniert, allerlei Nützliches für die eigenen Ziele filtern. Das beginnt bei der Fragestellung und endet bei der Zusammenstellung der Befragten. Dennoch erscheint die aktuelle "Marktforschungsumfrage" mit immerhin 23.000 Personen in 23 Ländern aus allen Erdteilen, erstellt von unabhängigen Branchenexperten, nun als besonders lustig.

Im Grunde besagt sie das Gegenteil von dem, was die Fifa herauslesen will. 45 Prozent der Befragten votierten für den bestehenden Vierjahres-Rhythmus, nur 30 Prozent aus aller Welt (von Indien über Indonesien bis Saudi-Arabien, wo der Zweijahres-Vorschlag herstammt) sind für den neu propagierten Turniermodus.

Indem aber noch zwei Jux-Fragen eingebaut wurden, kann die Fifa eine hübsche Milchmädchen-Rechnung aufmachen: 55 Prozent, also eine Mehrheit, seien für einen kürzeren Rhythmus. Denn zur Auswahl stellt sie auch eine WM alle drei Jahre (14 Prozent Zustimmung) - und sogar eine alljährliche WM (11 Prozent). Was sie dabei geflissentlich ignoriert: Demnach sind selbst in Fifa-Fankreisen 59 Prozent gegen eine WM im Zweijahres-Turnus.

Na und? Die Fifa will die Befragung nun auf 100.000 Teilnehmer ausdehnen. Daher wäre ihr, weil sich für das Angebot einer alljährlichen WM vor allem die jüngste Altersgruppe von 18 bis 24 Jahre begeistert, anzuraten, unbedingt auch bei kommenden Party-Generationen, den 6- bis 18jährigen, nachzuhaken: Mit der zusätzlichen Option, die Fußball-WM zweimal im Jahr stattfinden zu lassen.

Wie das Thema konkret in einem Kernland des Fußballs beurteilt wird, offenbart derweil eine aktuelle Umfrage unter englischen Fußballfans: 64 Prozent sind gegen die Zweijahres-WM, 14 Prozent unentschlossen, nur acht Prozent stark dafür.

Heikle Sache, auf Basis solcher Daten die WM zu revolutionieren. Infantino bohrt trotzdem weiter, da ist sein Vorgänger Sepp Blatter sicher. Der propagierte ja selbst einmal eine WM alle zwei Jahre. Er ließ die Idee "aber schnell wieder fallen", wie er der SZ mitteilt, sportlich gebe es keine stichhaltige Erklärung dafür. Für Infantinos Vorstoß sieht er da ein ganz anderes Motiv: Ablenkung. Infantino wolle "die Nationalverbände mit Geld ruhigstellen und von eigenen Problemen ablenken", sagt Blatter, "von seinen Problemen mit der Justiz." In der Schweiz bestehen ja weiter Strafermittlungen gegen den listigen Fifa-Boss.

© SZ/bek
Zur SZ-Startseite

Lesen Sie mehr zum Thema

Süddeutsche Zeitung
  • Twitter-Seite der SZ
  • Facebook-Seite der SZ
  • Instagram-Seite der SZ
  • Mediadaten
  • Newsletter
  • Eilmeldungen
  • RSS
  • Apps
  • Jobs
  • Datenschutz
  • Kontakt und Impressum
  • AGB