Fifa und die WM 2022 in Katar:Taktische Spielchen zwischen Zürich und Katar

Fifa Fußball WM Katar 2022 Sepp Blatter

Umstrittene Kür: Fifa-Präsident Sepp Blatter überreichte nach der Wahl im Dezember 2010 Scheich Hamad Al-Thani den Weltpokal.

(Foto: Getty Images)

Die Entscheidung darüber, dass die Fußball-WM 2022 nicht im katarischen Sommer stattfinden wird, ist wohl gefallen. Die Verlegung in den Winter kennt aber mächtige Gegner. Das Gerangel um das umstrittene Turnier ist vor allem ein Machtkampf zwischen Fifa-Chef Sepp Blatter und dem Katar-Lager.

Von Thomas Hummel

Jérôme Valcke hat im französischen Radio gesagt, die Fußball-Weltmeisterschaft 2022 in Katar werde nicht in den Monaten Juni und Juli ausgetragen. Sondern "zwischen dem 15. November und spätestens dem 15. Januar". Ob dies in der Saison 2021/22 oder 2022/23 geschehen soll, ließ er offen, und das ist in diesem Zusammenhang auch nicht wichtig. Entscheidend ist: Valcke streut eine Nachricht, die gar keine ist.

Sein Chef Sepp Blatter hatte dies schon mehrfach angedeutet, außerdem trifft die Entscheidung darüber, ob die umstrittene WM im Wüstenstaat vom glühend heißen Sommer in den Winter verlegt wird, weiterhin das Exekutivkomitee der Fifa. Der Fußball-Weltverband mit Sitz in Zürich gab - offenbar auf Rücksprache mit einigen Komitee-Mitgliedern hin - sogleich eine entsprechende Mitteilung heraus: "Der Beratungsprozess wird nicht überstürzt und bekommt die notwendige Zeit, alle relevanten Elemente in Betracht zu ziehen." Erst nach der WM in Brasilien werde darüber letztgültig beraten.

Wie geteilt die Meinungen innerhalb des Weltverbands Fifa sind, verdeutlicht eine Aussage von Vizepräsident Jim Boyce. Der zeigte sich "schockiert" über Valckes Äußerungen und erklärte im TV-Sender Sky: "Stand jetzt bleibt das Turnier im Sommer." Auch Karl-Heinz Rummenigge, Vorstandsboss des FC Bayern und Präsident der Europäischen Club-Vereinigung (ECA) sagte, er sei "überrascht über die Aussagen des Generalsekretärs des Weltverbandes."

Valckes Wortmeldung hat dennoch Gewicht, ist er doch hinter Präsident Sepp Blatter der zweitwichtigste Mann der Fifa und dessen enger Vertrauensmann. Außerdem steht Valcke einer Task-Force vor, die bis Ende des Jahres die Möglichkeiten untersuchen soll, die WM 2022 in die Wintermonate zu verlegen.

Seine Äußerungen gehen nicht über das hinaus, was sein Chef Blatter schon im Sommer 2013 erklärt hatte. Insofern ist es allenfalls denkbar, dass sie Teil eines taktischen Spielchens sind zwischen dem Blatter-Lager auf der einen und dem Katar-Lager auf der anderen Seite. Blatter hat Katar nicht gewählt und auch sonst keine besonders guten Beziehungen zu dem sportpolitisch immer mehr erstarkenden Kleinstaat, seitdem der Schweizer vor der vergangenen Wahl zum Fifa-Chef seinen katarischen Gegenspieler Mohamed bin Hammam erfolgreich bekämpft hatte.

Seit einiger Zeit schickt Blatter den Juristen Michael J. Garcia um die Welt, um als sogenannter Chefermittler gewisse Korruptionsfälle innerhalb der Fifa und nun auch explizit im Fall der WM-Vergabe nach Katar (und Russland 2018) zu durchleuchten. Findet Garcia Anhaltspunkte dafür, dürfte sie sich Blatter zunutze machen. Vielleicht sogar, um den Kataris diese von der Welt ungeliebte WM doch noch zu entreißen. Sehr wahrscheinlich aber, um seine Wiederwahl abzusichern. Sein größter Gegenspieler bei der Wahl 2015 heißt Michel Platini und steht auf der Seite Katars.

Nun hat Blatter bereits öffentlich gemacht, dass es politische Einflüsse bei der WM-Wahl gegeben hatte. "Europäische Regierungschefs haben ihren stimmberechtigten Mitgliedern empfohlen, für Katar zu stimmen, weil sie große wirtschaftliche Interessen mit diesem Land verbinden", erklärte er. Das galt als Spitze gegen Platini, der wenige Tage vor der Abstimmung gemeinsam mit dem damaligen französischen Präsidenten Nicolas Sarkozy und dem Emir von Katar, Hamad Al-Thani, dinierte.

Dass eine WM in Katar nicht bei 50 Grad im Sommer stattfinden kann, zählt inzwischen zum Allgemeinwissen. Doch die Kataris können darauf verweisen, dass sie in der Bewerbung auf die Temperaturen um die 50 Grad Celsius hingewiesen haben. Sie könnten die Stadien auf angenehme 20 Grad abkühlen, gaben sie an. Dennoch wählten 14 der 22 Exekutivmitglieder Katar.

Für die Spieler würde wohl ausreichend gesorgt werden. Sollte allerdings ein Fußballfan in den kochenden Häuserschluchten kollabieren, wäre die Empörung nicht kleiner. Auch die Debatte um die miserablen Bedingungen für die Arbeiter auf den Baustellen verdeutlicht, dass sich die Fifa auf heiklem Terrain befindet.

Die notwendige Verlegung in den Winter kennt aber auch Gegner. Wegen der anhaltenden Korruptions-Vorwürfe fühlen sich Mitbewerber wie etwa die USA oder Australien betrogen, auch die Engländer sind ob ihrer krachenden Niederlage bei der WM 2018 (ging an Putins Russland) beleidigt. Frank Lowy, Vorsitzender des australischen Fußballverbands FFA, erwähnte einmal, dass sein Verband allein in die Bewerbung 43 Millionen Dollar gesteckt habe und eine Verlegung in den Winter Vertragsbruch darstelle, weil man sich um eine Veranstaltung im Juni/Juli beworben habe. Der US-Fernsehsender Fox kritisierte, er habe die Senderechte für die Weltmeisterschafts 2018 und 2022 für eine Milliarde Dollar in der Annahme erstanden, dass diese im Sommer ausgetragen würden.

Zudem müssten die Spielpläne der nationalen und internationalen Fußballligen verändert werden. Besonders der Wintersport hat bereits Protest gegen eine Winter-WM angemeldet, die alle Aufmerksamkeit und viele Sponsorengelder auf sich ziehen würde. Das alles ist noch ungeklärt. Trotz Valckes Vorstoß.

© SZ.de/jkn/leja
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