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Fifa-Affäre:Prozess um WM 2006 gerät ins Wanken

Fußball WM 2018 - Public Viewing

Große Stimmung 2006, großer Schaden später

(Foto: dpa)
  • Dem Schweizer Chefankläger werden rund um die Fifa-Affäre und seine Geheimtreffen mit deren Boss Gianni Infantino Lügen und schwerwiegendes Fehlverhalten vorgeworfen, bestraft wird er mit Lohnkürzung.
  • Rund 20 Fußballverfahren der Schweizer Strafbehörde, zu denen das Sommermärchen zählt, stehen vor der Einstellung.
  • Der Schweizer Bundesgericht gibt einen plötzlichen Hilferuf nach Frankfurt ab.

Kurz vor Eröffnung am Montag gerät der Strafprozess zum WM-Sommermärchen am Schweizer Bundesgericht ins Wackeln; die helvetische Justiz verwandelt sich in ein Tollhaus. Am Mittwoch schloss die Aufsichtsbehörde der Berner Bundesanwaltschaft (AB-BA) ihr Disziplinarverfahren gegen Michael Lauber mit einem vernichtenden Urteil ab: Dem Schweizer Chefankläger werden rund um die Fifa-Affäre und seine Geheimtreffen mit deren Boss Gianni Infantino Lügen und schwerwiegendes Fehlverhalten vorgeworfen, bestraft wird er mit Lohnkürzung. Passend zu dem Desaster um Lauber vollzieht nun das Bundesgericht in Bellinzona eine überraschende Volte: Es erbittet beim Frankfurter Landgericht Auskünfte zum "Verfahrensstand" der Kollegen im 2006-Prozess.

Darin geht es um 6,7 Millionen Euro, die 2005 aus den Kassen der WM-Organisatoren und dirigiert über die Fifa beim früheren Adidas-Eigner Robert Louis-Dreyfus landeten. Dreyfus hatte diese Summe zuvor WM-Chef Franz Beckenbauer als Privatdarlehen gegeben. Angeklagt sind aber nicht die Kernfiguren, sondern nur vier ausführende Altfunktionäre: Theo Zwanziger, Horst Schmidt, Wolfgang Niersbach und Ex-Fifa-General Urs Linsi. Ende April verjährt der Fall - und jetzt bitten die Tessiner Richter wegen enormer "zeitlicher Dringlichkeit" um Auskunft, gern per Mail.

Schweizer Bundesgericht sendet einen Hilferuf nach Frankfurt

Der Schweizer Hilferuf nach Frankfurt, wo die Justiz in dieser Sache nicht Untreue-Fragen, sondern dem Verdacht auf Steuerhinterziehung nachgeht, wenige Tage vor Prozesseröffnung eines seit 2015 laufenden Verfahrens: Experten vermuten darin die Suche nach einer Exit-Strategie. Denn in Bellinzona liegt ja eine Anklage vor, die Laubers Leute erarbeitet haben, und der beispiellose Verriss von dessen Aufsichtsbehörde wächst sich gerade zur Staatsaffäre aus, Parlamentarier fordern Konsequenzen bis hin zum Rücktritt. Damit stehen rund 20 Fußballverfahren der Strafbehörde, zu denen das Sommermärchen zählt, vor der Einstellung. In einem Fall ist es bereits passiert: Eine Untreue-Ermittlung gegen Ex-Fifa-Generalsekretär Jérôme Valcke und dessen Stellvertreter Markus Kattner wurde beendet, das Duo berief sich mit Erfolg auf Laubers trübe Fifa-Treffen.

Aus Sicht der Aufseher tragen diese nun erschreckend klare Konturen: Sie beschreiben ein Komplott zwischen Bundesanwaltschaft (BA) und Fifa-Boss. Diese Intrige soll schon im Juli 2015 begonnen haben, als Infantino Generalsekretär der Europa-Union Uefa und die Fifa just durch Verhaftungen der US-Justiz erschüttert worden war. Damals habe Infantino über einen Schulfreund, den Walliser Oberstaatsanwalt Rinaldo Arnold, bei Lauber Informationen zur Karriereplanung eingesammelt, so rügt die Aufsicht. Infantino hätte da schon die Fifa-Kandidatur angepeilt und ein Motiv gehabt, "in Erfahrung zu bringen", ob sich die vom FBI ausgelösten Fifa-Verfahren auch gegen seine "direkten Konkurrenten (...) um das Fifa-Präsidium richten". Zudem hätte ihn interessiert, ob "sich die Verfahren nicht gegen ihn richten".

Ungeheuerlich? Ja. Wie auch dies: Lauber, so die Prüfer, habe aktiv den Zugang zu Akten und Zeugen verwehrt, speziell im Kontext eines Treffens mit Infantino und Arnold im Juni 2017. Dieses Meeting in einem Berner Hotel, an dem auch Laubers Sprecher André Marty teilnahm, sorgt seit langem für Aufruhr - weil alle vier Männer behaupten, sie könnten sich nicht daran erinnern. Nun hat die AB-BA sogar einen fünften Teilnehmer ermittelt. Das verrät die Hotelrechnung, auf der fünf Snacks aufgeführt seien - aber vor allem: ein Eintrag in Laubers eigener Outlook-Agenda. Diese, heißt es, nennt für das Date "mit Abkürzungen den Bundesanwalt, (Name geschwärzt), André Marty und Gianni Infantino". Da auch Arnold - unerlaubterweise als Privatperson - dabei war, ist der Verdacht jetzt, dass es sich bei der fünften Person mit geschwärztem Namen um einen direkt in die Ermittlungen involvierten Beamten gehandelt haben dürfte. Damit wären die Fußballverfahren der BA obsolet.

Ein scheiternder WM-2006-Prozess wäre da nur noch ein Kollateralschaden. In ihrem plötzlichen Hilferuf nach Frankfurt beziehen sich die Bundesrichter zwar auf das "Verbot der Doppelverfolgung": Wer in der Schweiz rechtskräftig verurteilt oder freigesprochen wird, darf wegen derselben Sache nicht anderswo erneut verfolgt werden. Gibt es in Bellinzona also Urteile oder Freisprüche, müssten die Hessen die Akte zuklappen. Aber warum sollte die Doppelverfolgung erst jetzt, auf letzten Drücker, ein Thema sein? Zwanziger pocht seit Monaten darauf. Das bringt Bellinzona in die Klemme. "Es erstaunt, dass das Gericht dieses Thema nicht längst von Amts wegen geklärt hat", sagt Compliance-Experte Mark Pieth. "Es sieht nicht nach überlegtem Handeln aus." Eher wie die Suche nach einem letzten Fluchtweg

© SZ vom 05.03.2020/ska

WM-2006-Affäre
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