Süddeutsche Zeitung

Prozess um WM 2006:Nun offiziell eine Luftnummer

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Der Sommermärchen-Prozess ist seit heute versandet. Schlimm genug, doch dringender muss nun geklärt werden, wer in der Schweizer Justiz wie mit der Fifa am Tisch saß.

Kommentar von Thomas Kistner

Am Montag ist er offiziell versandet, der Prozess um die Millionenschieberei bei der WM 2006. Aber nach dem Sommermärchen ist vor dem Sommermärchen; endlich sind in der Schweiz einige Politiker erwacht. Im Schlaraffenland für Weltsportfunktionäre, das einst die Verbände gezielt mit einem steuerpolitischen Masterplan geködert hatte. Banken, Geld und blühende Almen sind ja nicht wirklich sexy, mit dem Sport hatte man sich ein bisserl Glamour und Erregung erhofft. Und, klar: noch mehr Geld.

Das mit der Erregung hat geklappt. Sogleich verbrüderten sich sport- und binnenpolitische Eliten, 2001 wollte der damalige IOC-Boss sogar den Schweizer Sportminister in den Ringe-Clan hieven. Und als im Fußball-Weltverband Fifa der seit dem Pleistozän regierende Schweizer Sepp Blatter unter dem Druck der US-Justiz den Rücktritt verkünden musste - Tage, nachdem er in Zürich erneut gekürt worden war - da wurde in den dunkelsten Tiefen der Fifa-Kulisse der nächste Schweizer Fußballboss entwickelt: Gianni Infantino. Gebürtig aus Blatters Nachbardorf, Luftlinie neun Kilometer.

Dass man sich Blatter zurücksehnen würde, war zu dessen Amtszeit unvorstellbar. Infantino hat es im Handumdrehen geschafft. Und nun dürfte auch dem Schweizer Bundesanwalt Michael Lauber dämmern, dass er diesen Landsmann besser niemals kennengelernt hätte.

Hat er aber, und daran so starken Gefallen gefunden, dass er ihn unter obskuren Umständen immer wieder traf. Oder treffen musste? Auch das steht im Raum, nun, da Laubers Amtszeit auch aus Sicht der Berner Gerichtskommission gezählt sein soll. Im Mai wird über einen Chefankläger befunden, der Treffen abhielt, die so geheim waren wie jenes Mitte 2017, dass Lauber, Infantino und andere Teilnehmer es sogar völlig vergessen haben!

Die Sommermärchen-Beklagten werden angreifen, mit Anzeigen und Regressforderungen, und allein der Steuerschaden durch diese Luftnummer wird in die Millionen gehen. In einer Beschwerde ans Bundesgericht bringt jetzt der Anwalt eines Betroffenen die Absurdität der Causa Lauber/Infantino auf den Punkt, für jeden leicht begreifbar: Während sich Lauber und Co. nicht mehr an jenes Meeting von 2017 erinnern, "erwartet die von Lauber geführte Behörde von meinem Klienten, sich an jeden noch so detaillierten Vorgang aus dem Jahr 2005 erinnern zu müssen". Auch das muss die Gerichtskommission abwägen.

Warum hat Laubers Behörde Infantino gestützt?

Und zum harmonischen Gedächtnisverlust der damaligen Tafelritterrunde hält der Anwalt fest: Für Laubers Behörde sei es "weniger schlimm", das Image der Schweiz "irreparabel zu zerstören", als den Namen des fünften Teilnehmers preiszugeben. Woraus ja nur der Schluss bliebe: Fliegt dieser Fünfte auf, fliegen die Fußballverfahren auseinander.

Die Frage ist jetzt: Warum hat Laubers Behörde Infantino allzeit gestützt, ihm Anzeigen und Verfahren vom Hals gehalten? Hat sie ihm gar, wie sogar die eigene Justizaufsicht argwöhnt, den Weg an die Fifa-Spitze geebnet? Dies Thema ist spannender und nun viel wichtiger als die Frage, mit welchen Millionen die WM 2006 gekauft wurde, und welche damals in Privatdeals der WM-Macher flossen.

Die Schlusspointe zum Sommermärchen liefert der DFB. Ja, auch der ist jetzt erwacht, via Website ist Präsident Fritz Keller frustriert über all die offenen Fragen. Es ist ihm aber "ein persönliches Anliegen", alles für die Aufklärung zu tun - also den DFB "selbstkritisch zu hinterfragen" und die Dinge so aufzuarbeiten, um für die Zukunft daraus zu lernen. Aha.

Amen, Tusch und dreifaches Helau!

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SZ vom 27.04.2020
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