Fifa-Skandal Die Fifa und der Tote im Kaktusfeld

Das Gerichtsgebäude in Brooklyn: Hier findet der Fifa-Prozess statt.

(Foto: AFP)
  • Ein mexikanisches TV-Unternehmen soll Schmiergelder an Fußball-Funktionäre gezahlt haben.
  • Während der Fall im Fifa-Prozess in New York verhandelt wird, stirbt der Vize-Präsident des Unternehmens.
  • Sein eigener Leibwächter schießt ihm bei einem Fahrraddiebstahl in den Bauch.
Von Thomas Kistner

Am Sonntag radelt Adolfo Lagos Espinosa, 69, mit einem Freund durch die Außenbezirke von Mexiko-Stadt. Als der Vizepräsident des TV-Giganten Televisa ein Kaktusfeld passiert, gerät er in einen Hinterhalt: Diebe reißen die Fahrräder an sich. Aber von hinten naht die vermeintliche Rettung, in einem grauen Jeep Cherokee - Lagos wird ja, wie so viele in der gefährlichen Drogen-Kapitale, von einer bewaffneten Eskorte begleitet. Dann schießt der eigene Sicherheitsmann. Er trifft Lagos in den Bauch. Kurz darauf wird in der Notfall-Klinik in Coacalco der Tod des Medien-Managers festgestellt. Der Vorgang irritiert. Es kommt nicht oft vor, dass ein Leibwächter seinen Auftraggeber erschießt und den Dieb laufen lässt. Tragischer Zufall? Ein tödlicher Raubüberfall, wie zunächst berichtet, fand nach Stand der Ermittlungen nicht statt. Wenn Fahrraddiebe sogar beim Anblick einer begleitenden Sicherheitseskorte so entschlossen und erfolgreich sind, könnte der Vorgang nun einiges Augenmerk auf Lagos' Berufsumfeld richten. Hatte die Firma Televisa doch auch in den Tagen zuvor Schlagzeilen produziert - in Mexiko und weltweit.

Seit Alejandro Burzaco auspackt, gab es schon zwei mysteriöse Todesfälle im Prozess-Umfeld

72 Stunden vor dem Schuss im Kaktusfeld war der Konzern im New Yorker Korruptionsprozess um den Fußball-Weltverband Fifa belastet worden. Televisa soll im März 2013 mit den Sendern Fox (USA) und O Globo (Brasilien) insgesamt 15 Millionen Dollar Schmiergeld an die damalige Nummer Zwei der Fifa, Julio Grondona, ausgereicht haben. Erhoben wird diese Anschuldigung von einem Zeugen, der den Transfer selbst ausgeführt haben will: Alejandro Burzaco, ein Landsmann des 2014 verstorbenen argentinischen Fifa-Vizes Grondona, hielt über seine Firma Torneos y Competencias WM-Rechte für 2026/30. Die angebliche Korruptionszahlung der Sender, denen er die Rechte verkaufte, will er über die Schweizer Julius-Bär-Bank abgewickelt haben. Im Juni 2017 bekannte sich ein Ex-Mitarbeiter der Bank schuldig: Er habe Burzaco geholfen, Zahlungen an den in der Branche als "Don Julio" bekannten Grondona zu verschleiern. Die drei Sender bestreiten die Korruptionsvorwürfe.

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Lagos, viele Jahre im Bankengeschäft tätig, heuerte 2013 bei Televisa an. Als Vizepräsident leitete er das Kabelgeschäft. Im Oktober teilte der Konzern mit, Lagos werde 2018 abtreten. Ob die Strafermittler in Mexiko nun Lagos' letzte Aktivitäten bei Televisa untersuchen - wo er nicht ins Sportgeschäft involviert war, jedoch über viel Vorstandswissen verfügte -, ist offen. Im New Yorker Verfahren aber, so Prozessbeobachter, werde dieses merkwürdige Parallel-Ereignis eine Rolle spielen.

Denn es ist, seit Burzaco auspackte, immerhin der zweite rätselhafte Todesfall. Der erste ereignete sich fünf Tage zuvor. Der argentinische Jurist Jorge Delhon hatte in Buenos Aires Selbstmord verübt, Stunden, nachdem ihn Burzaco der Korruption im Fußballgeschäft bezichtigt hatte. Im Abschiedsbrief nahm Delhon darauf Bezug.

Seit zwei Wochen wird getagt im New Yorker Verhandlungssaal von Richterin Pamela Chen. Dort, wo viele legendäre Mafia-Prozesse abliefen, sind jetzt drei frühere Fußball-Bosse angeklagt. Und auch hier ist das Thema Todesdrohungen aktuell, Richterin Chen hat deshalb den Hausarrest des Angeklagten Manuel Burga, 60, massiv verschärft. Der Peruaner war sich im Gerichtssaal wiederholt scharf mit der Hand über die Kehle gefahren, was als Drohung gegen den Zeugen Burzaco interpretiert wurde. Burga behauptet - ebenso wie die einstigen Funktionärskollegen Jose Maria Marin (Brasilien) und Juan Angel Napout (Paraguay) - alle Vorwürfe gegen ihn seien substanzlos. Er tut dies trotz der klaren Darlegungen in der US-Klageschrift darüber, wie in Lateinamerika bis zu 150 Millionen Dollar als Gegenleistung für TV-Rechte an Turnieren und Spielen geflossen sein sollen. Angeblich auch an Televisa.

Am Montag trat nun der nächste Rechtehändler in den Zeugenstand, Santiago Pena. Der Argentinier verteilte Schmiergelder einer Agentur namens "Full Play". Nachdem 2015 das FBI ins Stammhotel der Fifa in Zürich eingerückt war, kopierte Pena sicherheitshalber Dokumente seiner Agentur; den Stick übergab er erst 2017 der Staatsanwaltschaft. Nun enthüllte er, wie zwecks Verschleierung der Zahlungen hohe Funktionäre mit Decknamen aus der Welt der Automobile bedacht wurden. Im schwarzen Kassenbuch firmierten sie als "Benz", "VW", "Toyota", als "Fiat", "Honda", "Kia" oder "Peugeot".

Full Play vergab Fernsehrechte an der WM-Qualifikation in Südamerika und der Copa America. Und auch im Pena-Protokoll findet sich einer der Angeklagten: Juan Angel Napout, Markenname "Honda" und einst Fifa-Vorstandsmitglied, schlägt mit einer Million Dollar zu Buche; angeblich bar ausgezahlt. Spannender noch erscheinen die für die Ex-Bosse aus Venezuela (Rafael Esquivel) und Ecuador (Luis Chiriboga) - alias "Benz" und "Toyota" - gelisteten Schmiergelder. Demnach wurden 750 000 bzw. 500 000 Dollar gezahlt, unter dem beziehungsreichen Kürzel "Q2022". Das könnte für Katar (engl. Qatar) stehen, das für 2022 den WM-Zuschlag bekam. Es wäre der zweite im Prozess erteilte Hinweis auf verdeckte Zahlungen im Kontext zum Emirat, das seit der WM-Vergabe Anno 2010 im Fokus von Verdächtigungen steht.

Interessanterweise wollen die US-Staatsanwälte das Thema auch jetzt nicht vertiefen. Beobachter vermuten deshalb, dass im Prozess mit noch mehr Vorwürfen zu rechnen sei. Zeuge Pena selbst trug gestern dazu bei. Er berichtete von Geheimverhandlungen über einen Teilverkauf der Schmiergeld-Agentur Full Play - mit Nasser Al-Khelaifi. Gegen den Chef des Spitzenklubs Paris St. Germain und des Sportsenders BeIn in Katar wird in der Schweiz im Fifa-Kontext ermittelt. Laut Pena wurden die Gespräche wegen der FBI-Ermittlungen beendet. Sollte am Ende ein Bild der Korruption um die WM-Vergabe 2022 entstehen, könnte dies aus Sicht der US-Justiz zu einer Lösung führen, die all die diplomatischen Probleme am Golf umginge. Denn falls der Prozess ausreichend Belastungsmaterial ergibt, müsste gar nicht explizit und gezielt gegen Katar ermittelt werden. Das Emirat weist bisher alle Vorwürfe zurück.

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