Süddeutsche Zeitung

Fifa: Skandal bei WM-Vergabe:Blatter greift durch - provisorisch

Im Verfahren gegen offenbar korrupte Funktionäre scheint die Fifa entschlossen zu handeln. Doch selbst das Pathos des Chefs Sepp Blatter nutzt nichts: Bislang ist es nur ein Schauspiel.

Thomas Hummel

Diesmal, so scheint es, hat der Fußball-Weltverband Fifa schnell reagiert. Er hat die beiden unter schwerem Korruptionsverdacht stehenden Mitglieder des Exekutivkomitees, Reynald Tamarii aus Tahiti und Amos Amadu aus Nigeria, suspendiert. Fifa-Chef Joseph Blatter sah nicht glücklich aus, als er die Nachricht während einer Pressekonferenz in Zürich der Öffentlichkeit mitteilte. "Das ist ein trauriger Tag für den Fußball. Fußball ist ein Spiel, und in einem Spiel hat man gute und schlechte Spieler", sagte er.

Tamarii und Amadu waren von zwei verdeckt recherchierenden Reportern der britischen Sunday Times reingelegt worden. Die Fifa-Funktionäre haben dabei ihre Bereitschaft signalisiert, ihre Stimme bei der WM-Vergabe zu verkaufen. Weil das Ganze auf Video festgehalten wurde, wusste es bald die ganze Welt. Amadu verlangte 570.000 Euro, Tamarii gar 1,6 Millionen Euro.

Die Beweislage, die Empörung der Öffentlichkeit und der mögliche Imageschaden waren zu bedrohlich, die Fifa sah sich gezwungen zu reagieren. Gleichzeitig suspendierte sie vier weitere Funktionäre, die ebenfalls in die Korruptionsaffäre um die Vergabe der Endrunden 2018 und 2022 verstrickt sein und Verstöße gegen den Ethik- und Disziplinarkodex begangen haben sollen. Dabei handelt es sich um die ehemaligen Exekutiv-Mitglieder Slim Aloulou (Tunesien/Vorsitzender der Fifa-Kammer zur Beilegung von Streitigkeiten), Amadou Diakite (Mali/Schiedsrichterkommission), Ahongalu Fusimalohi (Verbandspräsident von Tonga) und Ismael Bhamjee (Botswana).

"Das Komitee steht für null Toleranz, was Verstöße gegen den Ethikkodex betrifft", sagte Claudio Sulser, Vorsitzender der Ethik-Kommission, und ergänzte: "Wo Menschen sind, ist auch die Versuchung. Unsere Aufgabe ist es aber, die Werte des Fußballs zu schützen."

Doch was sind diese mit Pathos beladenen Worte wert? Greift der affärenreiche Fußballverband plötzlich durch und schickt seine schwarzen Schafe in die Wüste? Und das ausgerechnet vor dem 2. Dezember, an dem die 24 Mitglieder der Exekutive erstmals in der Geschichte zwei Weltmeisterschaften (2018, 2022) gleichzeitig vergeben? Obwohl inzwischen alle Welt weiß, dass bei vergangenen WM-Vergaben keineswegs allein eine schöne Präsentation und warme Worte ausreichten, um genug Stimmen zu erhalten.

Sulser betonte denn auch, dass die Fifa um jeden Preis vermeiden wolle, dass der Vorgang "zu einem öffentlichen Tribunal" gegen die zwei Beschuldigten werde. Und dass die Suspendierung nur vorläufig gelte, erst mal 30 Tage, sie könne aber auch um 20 Tage verlängert werden. Man müsse weitere Untersuchungen anstellen, um zu einer endgültigen Entscheidung zu kommen, erklärte Sulser.

Wer stimmt ab am 2. Dezember?

Und so wird es spannend sein, zu beobachten, ob Tamarii und Amadu tatsächlich am 2. Dezember der Abstimmung fernbleiben müssen. Es tut sich da ja ein verfahrenstechnisches Problem auf: Die Mitglieder der Exekutive werden keineswegs von der Fifa gewählt oder bestellt, sondern von den Kontinentalverbänden gesandt. Was wohl bedeutet, dass die Fifa ein Mitglied gar nicht rauswerfen kann. Selbst wenn ihm ein Fehlverhalten einwandfrei nachgewiesen ist. So hatte die Fifa gegen den Nigerianer Amadu bislang nichts einzuwenden, obwohl der vor zwei Jahren schon wegen Korruption aus seinen nationalen Ämtern geflogen war.

Die ebenfalls suspendierten Aloulou, Diakite, Fusimalohi und Bhamjee spielen bei der WM-Vergabe überhaupt keine Rolle mehr, weil sie gar nicht mehr Mitglieder der Exekutive sind. Worin ihr Fehlverhalten im Hinblick auf die Endrunden 2018 und 2022 besteht, ist bislang nicht bekannt. Ausdrücklich verweist die Fifa aber auch hier, dass es sich um eine "provisorische Suspendierung" handle.

Zumindest bei Bhamjee hatte der Weltverband aber schon früher gewusst, mit wem er es zu tun hat: Während der WM 2006 in Deutschland war er nach Botswana heimgeschickt worden, weil er beim Verticken von WM-Karten gefilmt worden war. Zur Erinnerung: Wer bei der WM in Südafrika eine Eintrittskarte vor dem Stadion oder im Internet verkaufte, riskierte eine Haft von bis zu fünf Jahren. Unter anderem wegen dieses neuen Gesetzes hing den Gerichten in Südafrika der Ruf nach, ein Werkzeug der Fifa zu sein.

In Zürich mussten die Fifa-Funktionäre nun die Frage beantworten, ob man denn angesichts der neuen Entwicklungen nicht davon ausgehen müsse, dass der Verband als solches ein korruptes Unternehmen sei. Empörung regte sich daraufhin vorne am Pult: Das Vergehen Einzelner könne doch nicht auf das Ganze übertragen werden!

Dabei steht seit Juli dieses Jahres fest, dass Funktionäre Gelder kassiert haben, die für den Verband bestimmt waren. Das Strafgericht des Schweizer Kantons Zug teilte damals mit, dass Fifa-Funktionäre eingeräumt haben, offenkundige Schmiergelder in Millionenhöhe kassiert zu haben. Damit wendeten diese ein Verfahren ab und damit den Nebeneffekt, dass ihre Namen öffentlich gemacht worden wären. Dies war ihnen eine Strafzahlung von 5,5 Millionen Schweizer Franken wert.

Das Ganze spielte sich während des Strafprozesses rund um den Konkurs des Sportrechtevermarkters ISL ab. Darin flog auf, dass im Zuge von Großveranstaltungen Funktionäre der Fifa, des Internationalen Olympischen Komitees und anderer Sportverbände mit mindestens 138 Millionen Franken bestochen worden waren. Als Geldempfänger wurde unter anderem der Brasilianer Ricardo Teixeira bekannt, Schwiegersohn des ehemaligen Fifa-Chefs João Havelange, aktueller Fifa-Vizepräsident und Chef des brasilianischen Verbands. Teixeira spielt heute eine Schlüsselrolle bei der WM 2014 in Brasilien - und wird am 2. Dezember auch darüber abstimmen, wer die Endrunden 2018 und 2022 erhält.

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