Fifa-Regel für Flüchtlinge:Mitspielen verboten

  • Der 14-jährige Hassan flieht aus Somalia nach Würzburg, sucht Anschluss - und schließt sich deswegen den Kickers an. Doch Flüchtling sein und Fußball spielen - das ist in Deutschland nicht so einfach.
  • Eine Fifa-Regel, die zum Schutz gedacht ist, erschwert minderjährigen Flüchtlingen, einem Verein beizutreten

Von Christoph Leischwitz

Hassan war als 14-Jähriger aus Somalia geflohen, allein, ohne Eltern und Geschwister. Er hatte sich über den Sudan ins Bürgerkriegsland Syrien durchgeschlagen, irgendwann kam er mit einem Boot in Italien an, im November 2013 schließlich erreichte er mit dem Zug Würzburg. Hassan ist ein sogenannter unbegleiteter minderjähriger Flüchtling, im vorigen Jahr lebten über 5000 solcher Minderjähriger in Bayern, und eine niedrige einstellige Zahl von ihnen beschäftigt auch den Bayerischen Fußball-Verband (BFV). Denn Flüchtling sein und Fußball spielen, das ist nicht so einfach.

Hassan etwa hat in Würzburg eine Aufenthaltsgenehmigung bekommen, ein gesetzlich bestellter Vormund hilft ihm bei den bürokratischen und alltäglichen Herausforderungen in Deutschland. Der junge Somali besucht inzwischen eine Schule und spricht auch schon recht gut Deutsch.

Das Land, in dem er nun lebt, hatte er sich immer recht kalt vorgestellt, mit viel Regen und Schnee, und voll mit guten Fußballern. Klischees wie diese entpuppten sich auch als Wahrheit. Doch bei aller Dankbarkeit dafür, dass es ihm in Würzburg nun recht gut geht, kann er nicht verstehen, warum es ihm verboten wurde, einem Fußballverein beizutreten.

In Wirklichkeit hat Hassan einen anderen Namen, doch sein Würzburger Vormund hat darum gebeten, den nunmehr 16-Jährigen nicht zu sehr in die Öffentlichkeit zu drängen. Das erlebte Leid und die Gewalt, die er in Somalia und auf der Flucht mitansehen musste, sollen hinter ihm bleiben und ihn nicht einholen. Doch Hassans Geschichte erzählt etwas darüber, wie Integration in Deutschland abläuft, wie wichtig Sport dabei sein kann - und wo dem Sport manchmal Grenzen gesetzt sind. Dabei wäre ein Spielerpass für Hassan keine unwichtige Sache, sondern umgekehrt etwas ganz Besonderes, ein Stück neue Identität.

"In einem Trikot ein Tor zu schießen, das ist ein großer Traum"

Im Frühjahr 2014 wurde Hassan auf einem Bolzplatz in der Nähe der Würzburger Innenstadt von ein paar Jungs angesprochen. Er spiele doch ganz gut, ob er nicht zu ihnen in den Verein kommen wolle, zu den Würzburger Kickers. Für Hassan war das eine Riesenchance. "In einem Trikot ein Tor zu schießen, das ist ein großer Traum", sagt er. Er liebt Fußball. Darüber hinaus bedeutet eine Vereinszugehörigkeit neue soziale Kontakte und die Möglichkeit, Freundschaften zu schließen - eine Chance auf Integration eben, und das auch noch mit seiner liebsten Freizeitbeschäftigung.

Daraufhin trainierte er mehrere Monate mit der U17 der Kickers. Dann aber bekam Kickers-Jugendleiter Andreas Kraft die Mitteilung, dass er Hassan keinen Spielerpass aushändigen dürfe, ein offizieller Einsatz für die Würzburger Kickers widerspräche dem Reglement des Weltverbands Fifa. Und zwar deshalb, weil die erste Mannschaft der Kickers in der Regionalliga Bayern spielt.

Achtes Buch Sozialgesetzbuch, § 1:

"Jeder junge Mensch hat ein Recht auf Förderung seiner Entwicklung und auf Erziehung zu einer eigenverantwortlichen und gemeinschaftsfähigen Persönlichkeit."

Die Fifa macht in Fällen wie Hassan keine Ausnahme: Wenn die Mannschaft der Erwachsenen im Klub in einer der vier höchsten Ligen spielt, darf ein minderjähriger Nicht-EU-Ausländer ohne Zustimmung seiner Eltern nicht in diesen Verein eintreten. Die Regel gilt momentan für 12- bis 18-Jährige und wird ab dem 1. März auf 10- bis 18-Jährige ausgeweitet. So soll es dubiosen Spielervermittlern oder gar Schleusern erschwert werden, jugendliche Talente mit dem Traum vom Profifußball aus ihrer Heimat zu locken und an ihnen Geld zu verdienen.

Es ist auch sinnvoll, die Regionalliga in diese Regelung einzubeziehen. Bei dieser handelt es sich zwar um eine Amateurliga, aber auch hier werden schon Gehälter gezahlt. Ein Sprung dorthin ist womöglich sogar für sehr skeptische afrikanische Jugendliche sehr verlockend. Hassan aber erschwert die Regel das Fußballspielen. Auch der BFV musste im Fall Hassans abwinken, weil sonst Verband wie Verein mit Strafen zu rechnen hätten.

Wenn Fußball nicht verbinden darf

Beim Würzburger FV zum Beispiel könnte er spielen, obwohl dessen U17 in der Landesliga spielt, viel höherklassiger also als die U17 des Lokalrivalen. Das würde aber auch bedeuten, dass Hassan zu einem Verein müsste, in dem er bislang niemanden kennt. Ein Mitarbeiter des betreuten Wohnheims, in dem Hassan untergebracht ist, sagt dazu: "Dabei war das ohnehin schon ein mutiger Schritt von dem Jungen. Die meisten trauen sich gar nicht, einem Verein beizutreten." Kickers-Jugendleiter Kraft hadert mit der Regelung: "Wenn ein junger Mensch zu uns kommt, um Fußball zu spielen - und wir haben Bedarf -, dann darf das nichts mit der ersten Mannschaft zu tun haben, ob er hier spielen darf oder nicht."

Letztlich ist die Regelung für so genannte unbegleitete Minderjährige, wie Hassan einer ist, nicht der Realität entsprechend. Erstens wird in Deutschland grundsätzlich ein vom Gericht bestellter Vormund zugewiesen. Man darf davon ausgehen, dass es sich bei diesen Personen nicht um dubiose Spielervermittler handelt. Zweitens wird so dem Breitensport die integrative Funktion genommen, und das nur, weil es im Profifußball schwarze Schafe gibt. Die Kickers sind von dem Fifa-Reglement in besonderem Maße betroffen, denn der Regionalligist hat sich mit dem Projekt "Kickers hilft" das Ziel gesetzt, Kindern und Jugendlichen mit Migrationshintergrund die Integration in Deutschland zu erleichtern.

Keine Ambitionen, Profi zu werden

Hassan selbst hat gar keine Ambitionen, Profi zu werden, im Verein glaubt auch niemand, dass er es jemals in die erste Mannschaft schaffen könnte. Der 16-Jährige, der in Wohnheim und Schule als sehr aufgeschlossen und positiv beurteilt wird, hat noch eineinhalb Jahre Schulzeit vor sich, dann hofft er auf einen Ausbildungsplatz.

Kickers-Jugendleiter Kraft hat Verständnis dafür, dass Hassan nun ein Probetraining beim Würzburger FV absolviert hat. Der Junge selbst glaubt, wenn er dort erst einmal ein paar Mitspieler kennengelernt und Vertrauen gefasst hat, dann werde er sicherlich dem Verein beitreten. Und bald auch schon mit einem Trikot spielen können.

Bisher hat Hassan sich schließlich weder von Bürgerkriegen noch von bürokratischen Hürden aufhalten lassen. Er geht weiter davon aus, dass der Fußball verbindet.

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