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WM-Vergabe an Katar:Die Fifa nährt selbst den Korruptionsverdacht

FIFA Secretary General Jerome Valcke In Rio

2010 konnte Brasiliens Verbandschef Ricardo Teixeira (re.) noch blödeln - hier mit Ex-Fifa-Generalsekretär Valcke.

(Foto: Buda Mendes/Getty)
  • Im Ethik-Urteil der Fifa gegen den Funktionär Ricardo Teixeira versteckt sich Brisantes: Konkrete Details zu möglicher Bestechung bei der Vergabe der WM 2022 an Katar.
  • Angesprochen auf ein mögliches Ermittlungsverfahren, rudert der Weltverband vehement zurück.
  • Aber was passiert nun? Vermutlich mal wieder: nichts.

Die Aufregung hielt sich in Grenzen, als die Fifa vor einer Woche kundtat, dass ihr langjähriger Vorstand, Brasiliens Ex-Verbandschef Ricardo Teixeira, wegen Korruption lebenslang gesperrt worden sei. Teixeira war stets eine der größten Skandalnudeln im Weltfußball. Und das Gros der Branche dachte ohnehin, der Mann, nach dem die US-Justiz fahndet, sei längst für alle Fußballämter gesperrt. Nun also die verschämt nachgereichte Entscheidung des Ethikkomitees. Aber die hat es in sich. Sie bringt den Weltverband enorm in Bedrängnis - und die Ausrichter der WM 2022. Denn im Urteil dokumentiert die Fifa erstmals selbst einen konkreten, massiven Korruptionsverdacht gegen Katar.

Eine Reihe von Schweizer Strafexperten bestätigen der SZ, dass die Fifa-Ethiker dem eigenen Weltverband da ein gewaltiges Problem aufgeladen haben. Und ebenso der (ob ihrer Arbeitsweise ohnehin scharf kritisierten) Schweizer Bundesanwaltschaft, die seit 2015 offenbar reichlich fruchtlose Ermittlungen führt - auch zu der Frage, ob die WM 2022 über Stimmenkäufe nach Katar kam. Aber nun bezog das Fifa-Ethikkomitee in sein Teixeira-Urteil brisante Kernaussagen aus den Fifa-Prozessen der US-Bundesjustiz mit ein, die einen starken Bestechungsverdacht bei jener WM-Vergabe begründen. Ende 2017 hatte in New York der argentinische Kronzeuge Alejandro Burzaco dargelegt, wie er als enger Geschäftspartner seines Landsmannes Julio Grondona fortgesetzt mitbekommen habe, dass Katars Bewerber die drei mächtigsten Südamerika-Funktionäre Grondona, Teixeira und Nicolas Leoz (Paraguay) mit Dollarmillionen gewogen gestimmt hätten. Katar hingegen hat stets zurückgewiesen, die WM über Stimmkäufe akquiriert zu haben. Hinreichende Beweise gibt es bislang nicht - aber zahlreiche Verdachtsmomente. Und nun erhält insbesondere die Frage, ob und inwieweit hier bisher ernsthaft ermittelt wurde, neue Nahrung.

"Sie schüttelten ihn, sie fragten: Was machst du? Stimmst du nicht für Katar?"

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Burzaco war Chef der argentinischen Sportmarketingfirma Torneos y Competencias (TyC), die im korrupten Fußball Südamerikas eine Schlüsselrolle spielte. TyC zahlte viele Jahre Schmiergeld für TV-Rechte an Topleute im Südamerika-Verband Conmebol. Das schilderte Burzaco detailliert, und ebenso genau beschrieb der Kronzeuge auch Fifa-interne Vorgänge. Etwa, wie Grondona und Teixeira Ende 2010, in einer Abstimmungspause bei der WM-Doppelvergabe für 2018 und 2022, den Kollegen Leoz in der Toilette zur Rede gestellt hätten, weil der zunächst nicht für Katar votiert habe: "Sie schüttelten ihn, sie fragten: Was machst du? Stimmst du nicht für Katar?", sagte Burzaco unter Eid aus. Er legte auch dar, wie ihn Grondona und Teixeira angewiesen hätten, eine Bestechungs-Million aus seinem Budget, die eigentlich für Teixeira gedacht war, an Grondona auszuzahlen - weil Grondona im Zuge des WM-2022-Deals zu kurz gekommen sei.

Brisant ist, dass sich die Fifa-Ethiker nun diese von der US-Justiz als glaubwürdig eingeschätzte Kronzeugenaussage zu eigen machen. Im Beschluss schildern sie:

"Die Zahlung von einer Million US-Dollar an Herrn Teixeira für die Unterzeichnung des Agenturvertrags wurde auf 2011 verschoben. Tatsächlich erhielt (Burzaco) ,von Teixeira und Grondona den Auftrag, diese Million Dollar an Grondona statt an Teixeira zu zahlen'. Dann erläuterte (Burzaco) den Grund, warum diese Zahlung in Höhe von 1 Million US-Dollar an Grondona und nicht an Teixeira geleistet wurde: ,Ich wurde im Januar 2011 in Grondonas Wohnung in der Stadt Buenos Aires zitiert, er hatte dort gerade ein Telefongespräch mit Teixeira. Als er aufgelegt hatte, sagte er mir, dass die eine Million Dollar, die Teixeira geschuldet wurden, nun an ihn gezahlt werden sollten.

Frage: Und welchen Grund, wenn überhaupt, hat er Ihnen genannt?

Antwort: Er erklärte mir, dass Teixeira ihm eine Million Dollar schuldet, weil Grondona Katar 2022 als Gastgeberland der Weltmeisterschaft gewählt hat.

Frage: Basierend auf Ihren Gesprächen mit Grondona - welche Conmebol-Offizielle sollten im Zusammenhang mit der Wahl Katars Geld für ihre Stimmen erhalten?

Antwort: Teixeira, Nicolás Leoz und Julio Grondona selbst. Kurz gesagt, die eine Million US-Dollar waren Teil der Gesamtmittel, die Herrn Grondona zugesagt wurden, damit er für Katar 2022 stimmt'."

Und nun, da die Fifa erstmals in einem ihrer Verbandsurteile den Verdachtsfall benennt? Wird sie, wie im Ethikcode verfügt, auch den nächsten Schritt tun und ein Ermittlungsverfahren wegen Korruptionsverdachts bei der 2022-Vergabe anstoßen? Eher nicht. Auf SZ-Anfrage am Dienstag ruderte sie vehement zurück. Teixeira sei wegen Bestechung im Kontext mit lateinamerikanischen Rechtevergaben verurteilt worden, teilt sie mit, nicht wegen der Katar-Vorwürfe: "Der Bezug zur WM 2022 wurde von dritter Seite vorgenommen."

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Die Fachjuristen widersprechen. "Relevant ist allein, dass die Fifa diesen Verdacht jetzt in ihrem eigenen Verfahren benutzt hat", sagt der Basler Strafrechtsexperte Mark Pieth. "Sie hat also selbst einen hinreichenden Korruptionsverdacht dokumentiert, und das müsste zur Einleitung eines Verfahrens gegen Katar führen."

Die Hintergründe lassen wenig Spielraum für Fantasie

Umso entlarvender, wie die Fifa nun jeder Frage nach Ermittlungen auszuweichen versucht. Ständig wiederholt sie, im Urteil sei "keine Bestätigung impliziert, dass Teixeira im Kontext der WM-Vergabe an Katar Bestechungsgelder erhalten hat". Stimmt: Die verheimlichte Million soll ja an Grondona geflossen sein. Aber wäre Bestechung nicht Bestechung? Und: Zur Aufnahme von Ermittlungen reicht ein begründeter Anfangsverdacht; auch laut Fifa-Ethikcode. Und dieser Anfangsverdacht aus Burzacos Zeugenaussage ist ja so erheblich, dass die Fifa damit ihr eigenes Urteil zementiert. Oder binden die Fifa-Ethiker in lebenslange Funktionärs-Ausschlüsse etwa Verdachtslagen mit ein, die sie selbst für unzureichend belegt halten? Auf wiederholte Nachfrage schweigt die Fifa.

Jede Antwort wäre wohl falsch. Das macht die Bredouille einmal mehr evident: Offenbar soll um keinen Preis einer Sache auf den Grund gegangen werden, deren Hintergründe wenig Spielraum für Fantasie lassen: Wie kam die Fußball-WM in einen winzigen Wüstenstaat, der im Fußball nie eine Rolle gespielt hat? Wobei zu beachten ist, dass von den 22 Fifa-Vorständen, die damals abgestimmt hatten, nur noch zwei übrig sind, die nicht mit der Justiz in Berührung kamen.

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Auch für die Schweizer Bundesanwaltschaft (BA) ist der Vorgang heikel. Wenn nun die Fifa selbst die harten Verdachtsmomente, vorgetragen von einem glaubwürdigen US-Kronzeugen, in ein Urteil einbaut - wie muss die Behörde damit verfahren? Die BA ist aufgrund schleppender, teils absurder Verfahrensweisen im sogenannten Fifa-Komplex (der auch diverse Katar-Ermittlungen enthält) international in die Kritik geraten. Behördenchef Michael Lauber traf sich wiederholt mit Fifa-Boss Gianni Infantino zu diskreten, unprotokollierten Gesprächen, sein Aufsichtsorgan hat ihn daraufhin von den Fußballverfahren ausgeschlossen. Lauber hatte sich sogar, trotz laufender Katar-Verfahren, zweimal mit Infantino Wand an Wand zur katarischen Botschaft getroffen - offenbar fand sich kein diskreterer Ort als das Besprechungszimmer in einem Berner Hotel- und Gebäudekomplex, der Katar gehört.

Auf SZ-Anfrage, ob sie zu Burzacos Aussagen ermittle und wie sie vor dem Hintergrund die stillen Dates des Bundesanwalts mit dem Fifa-Boss beurteile, zieht sich die BA aufs übliche Antwortprotokoll zurück: Verfahren seien "hängig", Details würden nicht kommentiert, zeitliche Prognosen nicht gestellt. Nur ein winziger Nebensatz bietet Interpretationsmöglichkeiten an: Es handle sich in Strafverfahren "um dynamische Prozesse, die nicht von der BA alleine beeinflusst werden".

In der Tat. Die Dynamik entsteht nun durch die Einbindung des Katar-Verdachts in ein Fifa-Urteil. An diesem Fakt wird künftig auch die BA nicht vorbeikommen, auch nicht bei der Bewertung der Kooperationsbereitschaft der Fifa, die interessanterweise keine Beschuldigte in den Verfahren ist. Hängt an diesem Halbsatz die Hoffnung, dass das Votum für Katar noch ernsthaft untersucht werden könnte? Bisher war der Eindruck eher, dass Beteiligte und Betroffene hinter den Kulissen nicht nur fragwürdige Geheimtreffen abhalten - sondern auch dahingehend kooperierten, dass kein Verdacht den großen Winter-Kick 2022 gefährden kann.

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