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Fifa-Kandidat Infantino:Kahl, loyal - und mächtig

UEFA general secretary Infantino pauses during a news conference following a meeting of UEFA's executive committee in Nyon

Mit im Rennen: Gianni Infantino

(Foto: REUTERS)
  • Acht Kandidaten wollen Fifa-Chef werden, die Bewerbungsfrist ist nun abgelaufen.
  • Drei haben eine reelle Chance: der Schweizer Infantino, der Südafrikaner Sexwale sowie Scheich Salman aus Bahrain.

Von Johannes Aumüller und Thomas Kistner

Zuweilen sind die Regularien sogar beim Fußball-Weltverband Fifa eindeutig. Wer für das Präsidentenamt kandidieren will, muss schriftlich vorweisen, dass ihn mindestens fünf Nationalverbände unterstützen. Weil die Fifa insgesamt 209 Mitgliedsländer zählt, könnten sich maximal 41 Personen die erforderliche Unterstützung sichern und am 26. Februar zur Wahl antreten. Das zu wissen war hilfreich im Laufe des Montags, als sich zwischenzeitlich der Verdacht aufdrängte, es würden sich kurz vor Ende der Meldefrist mehr Personen um den Fifa-Thron bewerben, als Profis an einem üblichen Schlusstag der Transferfrist noch den Klub wechseln. Ständig stieg jemand in den Ring, am Ende sind es sieben offizielle und ein halboffizieller Kandidat.

Bei letzterem handelt es sich um Michel Platini, derzeit suspendierter Chef von Europas Fußball-Union Uefa. Weil mit seiner Rückkehr realistisch nicht mehr zu rechnen ist, reichte in letzter Sekunde sein Generalsekretär Gianni Infantino eine eigene Kandidatur ein. Dazu gesellten sich Asiens Verbandschef Scheich Salman bin Ibrahim Al Khalifa, Prinz Ali von Jordanien, der Südafrikaner Tokyo Sexwale, der einstige stellvertretende Fifa-Generalsekretär Jérôme Champagne, Liberias Verbandsboss Musa Bility sowie David Nakhid (Trinidad & Tobago). Zudem wurde der 2002 als Fifa-General geschasste Michel Zen-Ruffinen am Montag beim Versuch beobachtet, die fünfte und letzte Stimme aufzutreiben.

Manche Bewerbungen haben nur strategische Funktion

Es wirkt unübersichtlich. Doch manche dieser Bewerbungen um die Nachfolge von Joseph Blatter, 79, haben nur strategische Funktion: um abzulenken, Stimmenpakete zu sammeln oder der eigenen Person Aufmerksamkeit zu verleihen. Auch ist ob der Erschütterungen im Weltfußball die künftige Rolle des Präsidenten noch unklar: Eine Reformgruppe will dessen Einfluss und Amtszeit beschränken. Und wo es langgeht in der Fifa, bestimmen derzeit die Anwälte einer großen US-Kanzlei mit.

In dieser Gemengelage verdienen drei Figuren erhöhte Aufmerksamkeit, sie repräsentieren drei große Blöcke. Für Europa ist das Uefa-Generalsekretär Infantino. Ihn nominierte seine Exekutive am Montagmittag einstimmig. Der Schweizer Jurist mit der markanten Glatze ist Fußballfans von den Auslosungen der Europapokal-Wettbewerbe vertraut und einer der wenigen Geschäftsprofis im Verband. Er steht dank seiner Funktion integrativ für die ganze Uefa und könnte auf eine umfassende Unterstützung der Europa-Verbände zählen. Weil er selbst keine Einzelnation vertritt und die Verbandsfürsten in seiner Föderation wissen, dass Infantino als einflussreicher (und dank Platinis Suspendierung noch mächtigerer) Generalsekretär im Misserfolgsfalle Abtrünnige zur Rechenschaft ziehen könnte. Zudem wäre er im unwahrscheinlichen Szenario, dass sich Platini doch irgendwie zum Kongress mogelt, loyal genug, zurückzuziehen.

Infantino trifft auf zwei chancenreiche Kontrahenten, mit denen Sepp Blatter gut leben könnte. Der scheidende Fifa-Chef versucht hinter den Kulissen - angeblich operiert er aus einer Art Notbüro in einem Hotel nahe an der Zürcher Fifa-Zentrale -, einen genehmen Nachfolger zu installieren. Er dürfte subtil gegen einen Sieg Europas agitieren und die Topleute aus Asien und Afrika puschen.

Gemeinsam im Sportpromi-Treff Camp Beckenbauer

Fifa

Die acht Bewerber um die Fifa-Präsidentschaft (von links oben im Uhrzeigersinn): Jérôme Champagne (Frankreich), Prinz Ali bin Al Hussein (Jordanien), Michel Platini (Frankreich), Tokyo Sexwale (Südafrika), David Nakhid (Trinidad&Tobago), Scheich Salman bin Ibrahim al-Khalifa (Bahrain), Musa Bility (Liberia) und Gianni Infantino (Schweiz).

(Foto: dpa (5), Xinhua/Imago, Reuters, AFP)

Für den Afrika-Block steht Tokyo Sexwale. Am Kap hat er einst an Nelson Mandelas Seite gekämpft, später Millionen im Diamantengeschäft verdient. Seine Befürworter versuchen ihn als Seiteneinsteiger zu promoten, was er nicht wirklich ist. Zwar hat er keine Erfahrung in Fußball-Spitzenämtern, aber er saß schon in Südafrikas Organisationskomitee für die WM 2010. Gewiss sein kann er sich wohl auch der Unterstützung des früheren Blatter-Vertrauten Champagne, obwohl dieser offiziell erst einmal selbst kandidiert. Eng beisammen sind sie nicht nur im Palästina/Israel-Komitee der Fifa, das erst jüngst geschaffen wurde und Sexwale erstmals den Kommissionsvorsitz in einem Fifa-Gremium verschaffte. Das Duo weilte im September auch beim Sportpromi-Treff Camp Beckenbauer, wo das eingesessene internationale Funktionärstum den Südafrikaner plötzlich auf sein Schild hob.

So besehen vermeldet die Presseagentur Bloomberg nun zur Unzeit, dass Sexwale die Verstrickung in eine US-Korruptionsermittlung zum Minengeschäft in Südafrika drohe. Das dritte Schwerkaliber ist Scheich Salman. Seit 2013 regiert der Mann aus Bahrain den Asienverband AFC, er genießt überdies die Unterstützung des Strippenziehers Scheich Al-Sabah aus Kuwait. Am Montag meldete Salman seine Kandidatur an. Er hat aber ein enormes Manko: Menschenrechtsorganisationen heben immer wieder Salmans dubiosen Part bei der blutigen Niederschlagung der Demokratie-Bewegung in Bahrain 2011 hervor.

Als Mitglied der Herrscherfamilie soll er mitgeholfen haben, Sportler und Trainer zu identifizieren, die unter den Protestierern waren; einige mussten ins Gefängnis, manche wurden gefoltert. Salman bestritt das stets, wurde aber ebenso wenig konkret wie bei anderen Vorwürfen, die ein intransparentes Geschäftsgebaren des AFC nahelegen. Die düsteren Fragen um den Mann aus Manama dürften wohl vom Fifa-Ethikkomitee abzuklären sein: Das nimmt einen Integritätscheck aller Kandidaten vor. Sollten am Ende die drei Blockvertreter im Ring stehen, wird es eng für Europa. Die Verbände Asiens und Afrikas stehen oft beieinander und dürften zu einer Bündnisform finden - sofern die Fifa-Ethiker das zulassen.

© SZ vom 27.10.2015
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