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Fifa:Der Sonderermittler, den Infantino verhindern wollte

Gianni Infantino

Fifa-Präsident Gianni Infantino.

(Foto: dpa)

Der Kantonsrichter Stefan Keller darf die Strafermittlungen gegen den Fifa-Präsidenten leiten. Für Infantino sind das düstere Aussichten.

Von Thomas Kistner

Tiefschlag für Gianni Infantino: Am Mittwoch setzte das Schweizer Parlament den Kantonsrichter Stefan Keller als außerordentlichen Bundesanwalt für jene Strafermittlungen ein, die gegen den Fifa-Präsidenten, dessen privaten Rechtsberater Rinaldo Arnold sowie den im Zuge dieser Affäre bereits aus dem Amt geschiedenen Ex-Chefankläger des Landes, Michael Lauber, angestoßen wurden.

Bis zuletzt hatten Juristen des Fußball-Weltverbandes mit massiver Assistenz einiger Medien versucht, Stefan Kellers Ernennung zu sabotieren. Deshalb platzte kurz vor der Abstimmung Andrea Caroni, dem Chef der Gerichtskommission, der bisher eher Infantino zugeneigt zu sein schien, der Kragen. Per flammendem Statement an die Bundesversammlung empfahl er Kellers Wahl, die dann auch mit eindrucksvollen 220 von 241 Stimmen erfolgte.

Richtungsweisend für die Arbeit des Sonderermittlers dürfte sein, was Caroni den Schweizer Parlamentariern aus der schattigen Fußballwelt und deren medialen Förderern mitzuteilen hatte. Die Verteidigung ziehe "medial so einige Register, um Herrn Keller in ein schiefes Licht zu rücken", schimpfte er und beklagte, ein vertrauliches Protokoll der Gerichtskommission sei "sogar im Original" bei einem Boulevardblatt gelandet.

Erkennbar wurde aus Fifa-Kreisen Stimmung gegen Keller gemacht, den "Teilzeit-Richter" aus Obwalden, wie es hieß. Der habe sogar im Urlaub gearbeitet, er habe Briefe an Infantino in Militärkuverts gesteckt und mit "deutschen Briefmarken und Poststempeln" versehen. Ein Anwalt Infantinos soll gar darauf gedrängt haben, Keller zu ersetzen: Es brauche jemanden mit mehr Erfahrung in "komplexeren und exponierten Fällen".

Der Sonderermittler wird mit einem stattlichen Budget ausgestattet

Das wirkt wie reines Justiz-Kabarett: Ein Strafverteidiger, der nach einem härteren, gewiefteren Ankläger verlangt? Caronis Antwort auch darauf erfolgte am Mittwoch: "Wäre Herr Keller ein so schlechter Staatsanwalt, wie das die Verteidigung darzustellen versucht, müsste sie sich darüber freuen, da sie ihn während des Prozesses aufgrund irgendwelcher Fehlhandlungen ja prozedural bekämpfen könnte." Daher sei die ohnehin unangemessene Einmischung der Verteidigung in die Wahl eines Bundesanwalts sogar "als Wahlempfehlung für Herrn Keller zu lesen".

Das sieht auch die überwältigende Mehrheit des Parlaments so. Ausgestattet wurde der Sonderermittler jetzt nicht nur mit einem äußerst starken Votum, sondern auch mit einem stattlichen Budget: 200 000 Franken fürs laufende Jahr sowie weitere 300 000 Franken fürs Jahr 2021 wurden laut Caroni bereits genehmigt.

Das sind düstere Aussichten für Infantino, dem Anstiftung zum Amtsmissbrauch im Kontext der Lauber-Treffen vorgeworfen wird; und Kellers Dossier enthält noch weitere anrüchige Aspekte, auch zu Fifa-internen Vorgängen. Infantino erzählt indes, zuletzt beim Fifa-Kongress am Freitag und in Einklang mit seinen PR-Leuten und Anwälten, Keller habe keine Grundlage für seine Ermittlungen. Treffen mit Staatsanwälten seien normal für einen Fifa-Chef. Es liefe eine Verschwörung gegen ihn.

Nur: Die Geheimtreffen mit Lauber wurden nicht offiziell über die Fifa eingefädelt, sondern diskret von Infantinos Freund Arnold, der einmal sogar bei Laubers Behörde auf einen Pressetext pro Infantino drängte. Lauber hatte keines der Treffen protokolliert, ein langes Meeting 2017 in Bern wollen alle Beteiligten sogar kollektiv vergessen haben. Dazu passt, dass Laubers Behörde damals auch zu einem von Infantino selbst (zu dessen Zeit bei der Uefa) signierten TV-Vertrag mit korrupten Rechtehändlern ermittelte. Damals schrieb Infantino sogar in einer Mail an Arnold, er wolle den Ermittlern bei einem anstehenden Treffen mit Lauber seine Sicht auf die heikle Sache darlegen.

© SZ vom 24.09.2020/ebc

Fifa-Boss Gianni Infantino
:"Bitte beachte die Version von M."

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