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Fifa:Die Ex-US-Justizministerin wechselt die Seiten

Die Ex-US-Justizministerin Loretta Lynch (r.) und der Schweizer Bundesanwalt Michael Lauber gingen früher gemeinsam gegen Korruption vor

(Foto: Fabrice Coffrini/AFP)

Loretta Lynch kündigte als Justizministerin der USA der Korruption im Weltfußball den Kampf an. Nun ist sie Stargast bei der Fifa - und gerät über einen neuen Anwaltsjob in den Dunstkreis des Weltverbandes.

Von Johannes Aumüller und Thomas Kistner

Es war die Sternstunde des Sports in der internationalen Kriminalhistorie, Mitte September 2015 im Züricher Renaissance-Hotel. Auf dem Podium saßen zwei Juristen von Weltrang und drohten dem korrupten Fußball ein gnadenloses Durchgreifen und härteste Strafen an. Man werde die sündigen Funktionäre "überall auf der Welt finden", rief Loretta Lynch, die US-amerikanische Justizministerin, der Schweizer Bundesanwalt Michael Lauber neben ihr warf finstere Blicke. Klarer konnte die Kampfansage im Sumpf um den Weltverband Fifa nicht sein.

Zig Bankkonten und Liegenschaften waren im Visier im Ermittler, ein Dutzend Terabyte sichergestellter Daten aus der Fifa-Zentrale in Bearbeitung. Unbarmherzig drohte Lynch weitere Verhaftungen von Funktionären an - nach der ersten Runde im Mai 2015, mit der die Fußballwelt quasi implodiert war. Lynch und Lauber: Hier trat ein transatlantisches Paar an, um alle Fußball-Kriminellen dieser Welt das Fürchten zu lehren.

Genau fünf Jahre später hat sich die Lage dramatisch gewandelt. Lauber, 54, hat wegen seiner Verhaltensweise im Fußball-Komplex den größten Justizskandal der jüngeren Schweizer Geschichte ausgelöst, er musste abdanken und wurde selbst Ziel einer Strafermittlung. Und jetzt gerät auch Loretta Lynch, 61, in den Fokus: Die damalige US-Justizministerin, die 2015 die als "Fifa-Gate" bekannten Strafermittlungen angeschoben hatte - sie hat mittlerweile den Standort gewechselt. Heute steht sie ganz eng an der Seite der Fifa. Der Weltverband hat im Vorjahr in aller Stille seine Rechtsvertretung im Kontext der Fifa-Gate-Prozesse gewechselt: Von den seit Ende 2014 tätigen US-Anwälten der Firma "Quinn Emanuel" stieg sie um auf "Paul Weiss" - eine andere Großkanzlei, die fast gleichzeitig mit der Mandatsübernahme, im Mai 2019, eine neue, prominente Partnerin begrüßte: Loretta Lynch.

Zufälle gibt's. Und zwar Zufälle, über die der Weltverband nicht gerne redet.

Den Wechsel zu Paul Weiss behielt die Fifa für sich. Interessanterweise auch noch, als sie vergangene Woche einen wichtigen Auftritt ihres Präsidenten ankündigte: Gianni Infantino - ausgerechnet Infantino - eröffnet im Oktober den dritten Compliance-Gipfel der Fifa, einen Kongress zu Themen der Geschäftsethik im Fußball. Als Schlüsselrednerin sei bestätigt: Loretta Lynch. Angekündigt wird sie vom Weltverband als ehemalige US-Justizministerin. Auf ihre neue Rolle als Partnerin einer Fifa-Kanzlei in den USA gibt es keinen Hinweis.

Infantino hat Unterstützung gerade bitter nötig. Denn gegen ihn läuft, wie auch gegen Ex-Bundesanwalt Lauber, eine Strafermittlung - wegen ihrer mysteriösen Geheimtreffen, die mehrere Strafprozesse beschädigt haben. Aber das Dossier des mit der Affäre beauftragten Sonderstaatsanwalts Stefan Keller beinhaltet nicht nur die Frage, ob bei diesen Dates Amtsmissbrauch und Begünstigung sowie die Anstiftung dazu vorliegen; es enthält auch einen Compliance-Fall, der die Fifa und Infantino intern betrifft. Es geht um eine Dienstreise Infantinos mit einem Privatjet im Jahr 2017, die nach eindeutiger Aktenlage beim Fifa-Governance-Chef Tomaz Vesel mit einer glatten Lüge begründet wurde.

Unabhängige Fachbeobachter nicht nur in der Schweiz halten es für einen Affront, dass Infantino nicht suspendiert ist. Aber die neuen, gut bezahlten Fifa-Kontrollinstanzen erteilten ihrem Verbandsboss auch ohne Kenntnis des Ermittlungsdossiers einen Freifahrtschein. Die Irritation unter Infantinos Gegnern im Fußball, die es ob seines autokratischen Führungsstils in großer Zahl gibt, wächst ständig; auch wenn es unwahrscheinlich ist, dass es deshalb schon am Freitag, beim digitalen Fifa-Kongress, zu einer Revolte kommt.

Infantino selbst bestreitet jedes Fehlverhalten bei den Lauber-Dates und in der Flug-Affäre. Trotzdem versetzt die Arbeit des Sonderstaatsanwalts ihn und sein Umfeld in hellen Alarm. Gegen den Schweizer Sonderermittler Keller wird mit allen Mitteln geschossen. Teure Anwälte trommeln öffentlich für den Fifa-Patron. Berater schleichen durch die Flure der Justiz. Händeringend werden für den Boss Auftritte mit Personen und Institutionen von politischem und gesellschaftlichem Rang gesucht. Gerade erst besuchte Infantino Italiens Premier Giuseppe Conte, in London soll vorgefühlt worden sein für ein weiteres Treffen auf Topebene. Am Montag verschickte die Fifa Bilder ihres Bosses im Wiener UN-Büro für Drogen- und Verbrechensbekämpfung: Dort hat er rasch eine Absichtserklärung zur Kooperation gegen Bedrohungen des Sports unterzeichnet. In diese Fassadenarbeiten passt der Compliance-Gipfel, auf dem Infantino das erste "Fifa Compliance-Handbuch" präsentieren will - mit Lynch an seiner Seite.

Aber was sagt nun die Frau, die 2015 mit Lauber aufgebrochen war, die Fußball-Korruptis in aller Welt zu jagen, und die dafür größte Anerkennung im seriösen Teil der Sportwelt erhalten hatte, zu all den Tumulten in der angeblich neuen Fifa? Sie sagt: nichts. Einen umfassenden Fragenkatalog der SZ lässt sie unbeantwortet, ebenso ein Kollege, dem der Sachverhalt schon seit vergangener Woche vorliegt. Wusste sie bei ihrer Zusage, mit Infantino ausgerechnet über Compliance zu referieren, etwa nicht, dass eine Strafermittlung gegen den Chef des Kanzlei-Klienten Fifa läuft? Sind ihr die Compliance-Kapriolen um einen 200 000 Dollar teuren Privatjet-Flug Infantinos nicht bekannt? Und auch nicht, dass die vom Fifa-Boss installierte Ethik-Ermittlerin Maria Claudia Rojas trotz des Ermittlungsverfahrens keinen Anlass für Sanktionen gegen Infantino sieht - und der Vorgang so auch um Fragen zur Geschäftstreue bereichert wird? Weil sich ja der Verdacht aufdrängt, dass in die Kontrollinstanzen so viel Geld fließt, damit sie eben nicht so genau hinsehen?

Zu alldem: keine Antwort.

Da zeigt sich das Problem: Wenn Lynch Mitte Oktober auftritt, spricht dort eben nicht die Ex-Justizministerin, die für ihre harte Linie und klare Ansagen geschätzt wurde, sondern eine Frau mit einem diskreten neuen Job. Seit 2010 war sie im Staatsdienst, zunächst als Oberstaatsanwältin am Bundesgericht in New York, Schauplatz vieler Fifa-Prozesse, später als Justizministerin. Von 2015 bis zum Amtsantritt Donald Trumps Anfang 2017 blieb sie auf dem Posten. Es folgte eine Pause, Mitte 2019 wurde sie Partnerin bei Paul Weiss. Aufgabenprofil laut Homepage: Sie berät Mandanten bei behördlichen und internen Ermittlungen sowie in Rechtsstreitigkeiten. Jüngst berichteten Fachportale, sie gehöre zum Team, das McDonald's gegen den Vorwurf vertritt, schwarze Franchise-Nehmer diskriminiert zu haben.

Nur erhielt die Kanzlei ganz kurz vor Lynchs Eintritt als Partnerin eben noch einen weiteren berühmten Mandanten: den Fußball-Weltverband. Und auch wenn Lynch formal nicht mit Fifa-Themen befasst sein mag: Sie hat Kenntnis von den Justizermittlungen, sie dürfte unschätzbares Wissen darüber haben, was zur globalen Fußballgemeinde in den Giftschränken des vormals von ihr geleiteten Justizministeriums (DOJ) lagert.

Dieses hat nun im April eine neue Anklageschrift vorgelegt. Formal geht es um Fernsehrechte, doch zu einem heiklen Thema lehnen sich die Ermittler sehr weit aus dem Fenster: Sie sehen es als erwiesen an, dass drei Mitglieder der Fifa-Exekutive vor der Wahl Katars zum WM-Gastgeber 2022 Schmiergelder erhalten hätten. Drei Stimmen: Die hätten seinerzeit das 14:8- Votum zugunsten des Emirats sicherstellen können. Denn bei einem 11:11-Patt hätte Blatters Präsidentenvotum doppelt gezählt: Er wählte die USA. Auch in einem aktuellen Prozess in der Schweiz gegen den früheren Fifa-Generalsekretär Jérôme Valcke sowie Katars Topfunktionär Nasser Al-Khelaifi geht es um das Treiben rund um WM-Rechte. Eine ethisch saubere Institution hätte Katar das Turnier womöglich längst entzogen, Infantinos Fifa aber lässt das Emirat gewähren. Die WM ist die überragende Einnahmequelle der Fifa, der es finanziell nicht sonderlich gut geht.

Liegt also bei Lynch nicht viel auf dem Tisch zum Thema Interessenskonflikt? Auch dazu schweigt sie. Doch wenn alles problemlos sein soll: Warum gibt die Fifa dann nicht Auskunft über den Hintergrund ihrer Keynote-Speakerin? Warum teilt sie nicht mit, dass sie seit dem Vorjahr einen neuen Rechtsberater hat, und warum erwähnt sie nicht, dass Lynch Partnerin dieses Rechtsberaters ist?

Lynch sagt auch dazu nichts. Die Fifa wiederum bestätigt nun auf Anfrage, dass sie im Vorjahr den Rechtsberater gewechselt habe. Es sei für viele Organisationen üblich, den Rechtsberater zu wechseln. "Es gab für die Fifa zu dem Zeitpunkt keine Anforderung (oder keinen Grund), dies öffentlich bekannt zu geben." Lynch spreche beim Compliance-Gipfel in ihrer Funktion als frühere US-Justizministerin. Und Paul Weiss: Ja, das sei die Kanzlei, die die Fifa bei der Rückforderung von Millionen Dollar berate, "die während der Jahrzehnte der Korruption unter der vorherigen Regierung illegal von der Fifa und vom Fußball gestohlen wurden". Da kann nicht schaden, intimstes Wissen über die bösen Fifa-Buben zu besitzen - die bösen Fifa-Buben von damals natürlich. Heute ist alles gut.

FIFA President Infantino waits for a signing ceremony in Vienna

Gianni Infantino ist seit Februar 2016 Präsident der Fifa – und nahezu durchgehend umgeben ihn fragwürdige Vorgänge.

(Foto: Leonhard Foeger/Reuters)

Infantino und sein Verhältnis zu den einst mächtigen Strafermittlern der Sportwelt, das Thema nimmt Fahrt auf. Bundesanwalt Lauber brachte diese Nähe zu Fall. Umso interessanter wäre nun zu wissen, wie lange die Bande zwischen Infantino und Lynch existieren; und wie eng sie sind.

Zur Erinnerung: Sommer und Herbst 2015, das war der Zeitraum, in dem die Weichen im Weltfußball neu gestellt wurden. Anfang Juni hatte der langjährige Fifa-Patron Sepp Blatter im Angesicht der Enthüllungen und auf Druck von Lynchs Leuten den Rückzug von der Fifa-Spitze ankündigen müssen. Zu der Zeit war Infantino Generalsekretär von Europas Fußball-Union Uefa, und an zwei Dingen gab es keinen Zweifel: dass Infantinos Chef, Uefa-Präsident Michel Platini, als Blatters Nachfolger auf den Fifa-Thron rücken würde - und dass der neue Uefa-Chef, wer immer es sein mochte, gewiss seine eigenen Leute installieren würde. Infantino stand offenkundig an einem Scheideweg der Karriere.

Und dann? Plötzlich tauchten im Herbst 2015 Hinweise auf eine ominöse Zahlung auf: 2011 waren zwei Millionen Franken aus der Fifa-Kasse an Platini gezahlt worden - angeblich als verspätetes Beraterhonorar, nach Verdachtslage aber als sportpolitische Landschaftspflege. Laubers Bundesanwaltschaft (BA) nahm Ermittlungen auf. Blatter und Platini waren erledigt, weil sie von den damals auch faktisch unabhängigen Fifa-Ethikern suspendiert wurden. Plötzlich stand ein Quereinsteiger im Ring: Infantino. Er wolle, erzählte er, doch nur den Platz für seinen Boss Platini warmhalten. Aber der blieb gesperrt. Und Infantino wurde der neue Fifa-Häuptling.

Jahre später flog auf, dass es nicht nur in den Jahren 2016 und 2017 mindestens drei Geheimtreffen Infantinos mit Lauber gab, sondern dass schon in der Frühphase der Fifa-Gate-Ermittlungen Anknüpfungspunkte zwischen den beiden vorlagen. Bereits am 8. Juli 2015 war der Walliser Oberstaatsanwalt Rinaldo Arnold bei Lauber aufgetaucht, Infantinos Jugendfreund und juristischer Kontaktvermittler. Man habe da nur juristische Fachfragen erörtert, sagte Lauber bei einer Disziplinaruntersuchung zu dem mysteriösen Besuch des Kantonsjuristen. Das wäre eine extreme Seltenheit gewesen - und das nur sechs Wochen, nachdem die globale Fifa-Affäre ausgebrochen und Lauber in ganz anderen Feldern gefordert war. Arnold hingegen erzählte der Presse, sein Besuch damals sei ein Vorstellungsgespräch gewesen. Was denn nun?

Die Aufsichtsbehörde über die Bundesanwaltschaft fand diese Erzählungen unglaubwürdig. Im Untersuchungsbericht ging sie vom Nächstliegenden aus: Dass der Fußball-Komplex Thema war - womöglich sei es um die Belastungslage gegen Blatter, Platini und vielleicht auch gegen Infantino selbst gegangen. Eine weitere Merkwürdigkeit kommt hinzu: Der entscheidende Hinweis auf jenen Zwei-Millionen-Vertrag, der am 8. Oktober zu Sperren für Platini und Blatter führte und ihre Karrieren beendete, soll aus den USA gekommen und über einen Hinweisgeber bei der Berner BA gelandet sein: anlässlich eines Treffens in einer Züricher Parkanlage. Die BA hat das auf Anfrage nie dementiert.

Vor dem Hintergrund liegt die Frage nahe, ob es auch zwischen Infantino und der US-Justiz früh Anknüpfungspunkte gab, direkte oder indirekte. Lynch beantwortet auch die Frage, ob es in ihrer Zeit als Justizministerin zwischen ihr oder ihren Mitarbeitern und Infantinos Seite zu einem Kontakt gekommen sei, nicht. Und die Fifa gibt auf diese wichtige Frage, wann es zum ersten Kontakt zwischen Infantino und Lynch gekommen sei, keine Antwort.

Was immer den Fußballboss, dem der Staatsanwalt im Nacken sitzt, und das einstige Traumduo der Korruptionsaufklärung, Lynch und Lauber, verbindet: Sollte die frühere Justizministerin tatsächlich mit Infantino auf einem Fifa-Gipfel zum Thema Geschäftsethik im Fußball predigen, wäre das waschechtes Kabarett.

© SZ vom 16.09.2020

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