bedeckt München 14°

Fifa-Boss Gianni Infantino:"Bitte beachte die Version von M."

Fifa-Präsident Gianni Infantino.

(Foto: Fabrice Coffrini/AFP)

Die Fifa leistet sich diverse Aufpasser und bezahlt sie fürstlich. Im Gegenzug schauen sie weg, wenn es um Präsident Infantino geht - oder sprechen ihn gar auf kuriose Weise frei. Eine Dokumentation aus gegebenem Anlass.

Von Thomas Kistner

Nächste Woche wartet der nächste heikle Termin auf Gianni Infantino: Der Jahreskongress der globalen Fußballfamilie steht an. Ursprünglich sollte er Anfang Juni in Addis Abeba stattfinden, wegen Corona wurde er auf September und in die digitale Welt verlegt. So oder so, diese Fußballfamilie ist, was das Wirken ihres Präsidenten angeht, tief gespalten. Vor allem die wichtigen Kräfte in Europa und Südamerika, aber auch viele Vertreter Afrikas und Asiens hat der Fifa-Boss Infantino mit seinem autokratischen Führungsstil gegen sich aufgebracht. Vor dem ursprünglichen Kongress-Termin machte gar das Szenario die Runde, dass es zum offenen Aufstand kommen könnte.

Das ist digital kaum umsetzbar. Aber auch nicht mehr nötig; die Kritiker haben längst genug Anlass zur Hoffnung auf eine baldige Wachablösung: Da sind die strafrechtlichen Ermittlungen gegen Infantino, die über allem schweben. Und da ist nun auch das Verhalten jener Fifa-Instanzen, die angeblich auf ethisch sauberes Verhalten im Weltverband zu achten haben.

Es liegt viel auf dem Tisch. Ende Juli eröffnete der Schweizer Sonderstaatsanwalt Stefan Keller ein Verfahren gegen den Fifa-Präsidenten wegen dessen rätselhaften Geheimtreffen mit dem Chefankläger der Schweizer Justiz, Bundesanwalt Michael Lauber. Diese Treffen haben den Bundesanwalt das Amt gekostet, Strafprozesse beschädigt - und nun Ermittlungen gegen Lauber wegen des Verdachts auf Amtsmissbrauch ausgelöst sowie gegen Infantino wegen Anstiftung dazu.

Zudem hatte die SZ im Mai enthüllt, dass sich Infantino einen rund 200 000 Dollar teuren Privatjet-Flug auf Kosten des Weltverbandes nach Aktenlage mit einer Lüge genehmigen ließ - auch dieser Fall liegt dem Sonderstaatsanwalt Keller vor. Vor drei Wochen trat Kellers Verfahren in die heiße Phase ein: Laubers Immunität wurde vom Parlament in Bern vollständig aufgehoben. Jetzt geht es um alles. Infantino spielt das Spiel um seine Zukunft.

Da wirkt es grotesk, aber auch logisch, dass diejenigen Personen im Fifa-Reich, die Infantino eigentlich kontrollieren sollten, ihm keineswegs scharf auf die Finger schauen. Im Gegenteil: Es festigt sich der Eindruck, dass all die "Ethik-", "Governance-" und "Compliance"-Instanzen vor allem einen Auftrag haben: dem Boss in diesem Spiel den Rücken zu stärken.

Die eine Schlüsselfigur ist María Claudia Rojas. 2017, ein Jahr nach seinem Amtsantritt, hatte Infantino das unabhängige Ethiker-Duo Cornel Borbély und Hans-Joachim Eckert abserviert, als neue Chefermittlerin installierte er die Kolumbianerin Rojas. Die hatten ihm fragwürdige latinische Sportskameraden als "Super-Amiga" angedient. Rojas' Berufung sagt alles über Infantinos neue Fifa: Sie ist eine Verwaltungsjuristin ohne Strafrechtsexpertise und ohne Kenntnis der Fifa-Verfahrenssprachen Deutsch, Englisch, Französisch. Gern verbrachte Rojas bei der WM 2018 rauschende Wochen mit Familienanhang im Moskauer Luxushotel der Fifa. Ab und an rasiert sie einen Sünder aus der Südsee, der Karibik oder Afrika; jüngst publizierte die Fifa hastig einen Tätigkeitsbericht, der gewisse Betriebsamkeit insinuiert. Aber die Leutnants rund um den Boss ließ Rojas stets in Ruhe. Vorneweg Ahmad Ahmad, den schwerbelasteten Chef des Afrika-Verbands CAF, der internationale Strafermittlungen am Hals hat, Infantino aber treu ergeben ist. Oder Ramón Jesurún, jenen Fifa-Vorstand aus Kolumbien, der Anfang Juli im Zuge einer millionenschweren Ticket-Affäre um seinen Nationalverband persönlich zu 83 000 Dollar Geldstrafe verurteilt wurde. Er ist der Landsmann, der Rojas als "Super-Amiga" empfahl. Urteil hin oder her, in Infantinos Vorstand darf der Mann weiter sitzen.

Lesen Sie mehr zum Thema

Zur SZ-Startseite