Süddeutsche Zeitung

Formel 1 in Singapur:Hat der richtige Ferrari gewonnen?

  • Nach dem Sieg von Sebastian Vettel beim Formel-1-Rennen in Singapur debattiert Ferrari über die Stallorder.
  • Dieser dritte Ferrari-Erfolg in Serie, den der Heppenheimer mit einem großen Comeback perfekt macht, wird den Rennstall noch länger beschäftigen.

Mit der linken Hand das Lenkrad fest umklammernd, stößt der rechte Zeigefinger von Sebastian Vettel genau in jenem Moment in den verhangenen Äquatorhimmel, als sich eine Feuerwerksrakete in einem roten Funkenregen ergießt. Das perfekte Timing, wie im Rennen, so scheint sogar die Nacht von Singapur Anteil zu nehmen an Vettels Glücksgefühlen im Ferrari. Nach 392 Tagen ohne Sieg in der Formel 1 ein so unerwarteter wie glücklicher Triumph - über alle Zweifler und über seinen direkten Widersacher Charles Leclerc. Dieser dritte Ferrari-Erfolg in Serie, den der Heppenheimer mit einem großen Comeback perfekt macht, wird den Rennstall aber noch länger beschäftigen.

Vielmehr geht es jetzt erst richtig los, nachdem die Italiener dank neuer Fahrzeugteile und einer besseren Balance Mercedes auch auf Strecken Paroli bieten können, bei denen es nicht so sehr auf den Motor ankommt. Die WM-Chancen bleiben bei 96 Punkten Rückstand von Leclerc und deren 102 von Vettel auf Lewis Hamilton bei nur noch sechs ausstehenden Rennen eher theoretisch. Doch das Rennen in Singapur ist der Auftakt zu einer verschärften internen Auseinandersetzung der beiden Rennfahrer, vor dem nächsten Rennen am Wochenende in Sotschi herrscht erhöhte Temperatur bei der Scuderia.

Für Vettel und Leclerc gilt es, sich jetzt schon in Position zu bringen für das kommende Jahr. Der Kampf um die Nummer eins ist neu entbrannt, seit Vettel am Sonntag im ganzen Chaos souverän zu seinem 53. Grand-Prix-Sieg raste. Danach erzählte er von der Energie, die ihm Briefe und Botschaften der Fans gegeben hätten: "Das hat mir Stärke und Glauben gegeben, all das habe ich in das Auto gepackt."

Intern wie extern wird weiter diskutiert, ob der richtige Ferrari gewonnen hat. Dass der Hesse in seiner eher sachlichen Funkbotschaft gleich nach der Zieldurchfahrt sagte, dass dies ein Sieg des Teams sei, geschah sicher in voller Absicht. Von dem minutenlangen Lamento des bei einem Boxenstopp zurückgesetzten Spitzenreiters Leclerc im Boxenfunk konnte Vettel da nichts wissen. Doch später, den frechen Lehrling bei der Interviewrunde neben sich, belehrte er ganz im Geiste Enzo Ferraris: "Man liegt weit daneben, wenn man denkt, man ist größer als dieser Rennstall."

Die pflichtschuldige Umarmung und ein ordentlicher Händedruck zeugen von dem Abstand, den der 32-jährige Deutsche und der elf Jahre jüngere Monegasse halten, zunächst war Leclerc grußlos vorbeigegangen, er verschwand auch nach dem Mannschaftsfoto sofort. Die herzlichsten Momente an der Marina Bay waren jene, als Vettel seinen Mechanikern vor Freude auf den Kopf klatschte und als der viertplatzierte Lewis Hamilton ein TV-Interview unterbrach, um Vettel fest an sich zu drücken. Der Brite selbst haderte mit seinen Mercedes-Strategen, diese hätten nicht schnell und aggressiv genug auf den Taktiktrick der Konkurrenz reagiert, der das Rennen am Ende des ersten Drittels entschieden hatte. "Vielleicht ist Ferrari hungriger", fragte er ketzerisch.

In dem riskanten taktischen Manöver, das zunächst keiner richtig verstand, Leclerc wohl immer noch nicht, sahen die Ferrari-Strategen die einzige Chance, den zwischen Leclerc und Vettel liegenden Hamilton zu blockieren. In der 20. Runde riefen sie zunächst den auf Position drei rollenden Vettel zum Reifentausch - den zu diesem Zeitpunkt an der Spitze fahrenden Leclerc erst eine Runde später. Üblicherweise wird der Führende immer zuerst in die Box geholt. Aber hätte man sich an diese Reihenfolge gehalten, hätte das nicht nur Mercedes in die Hände gespielt, die beiden roten Autos wären auch im Verkehr stecken geblieben.

Was zu diesem Zeitpunkt aber keiner kalkulieren konnte und siegentscheidend wurde, war die unglaubliche erste Runde, die Vettel auf frischen Reifen hinlegen konnte - sie brachte ihm einen Zeitgewinn von 3,9 Sekunden, womit er vor Leclerc lag, als dieser von seinem Stopp zurück auf die Piste kam. Damit begann die Tirade des sich um einen möglichen Sieg-Hattrick betrogen fühlenden Leclerc über Boxenfunk, die beste Abendunterhaltung der Formel 1 seit Langem.

Die Kontroverse gipfelte darin, dass der Renningenieur seinen Schützling dringlich auffordern musste, das Auto heil ins Ziel zu bringen. Zuvor hatte der Monegasse alle Schimpfabstufungen von "Was zur Hölle" bis zu dem vierbuchstabigen Standardfluch durchgespielt und immer wieder lamentiert, wie unfair ihm gerade mitgespielt würde. Der immer so nett wirkende Ferrari-Teamchef Mattia Binotto aber wollte davon nichts wissen: "Das Ergebnis bestätigt uns. Ich werde es ihm erklären, und er wird schnell kapieren." Abwarten. Tatsächlich hatte Binotto überlegt, die Plätze seiner Piloten per Stallorder wieder zu tauschen: "Aber wir fanden, es war richtiger so, es nicht zu tun. Darüber werden wir mit den Fahrern auch noch diskutieren."

Vettel blieb kurz angebunden auf die Frage, wie er reagiert hätte, wenn dieser Positionswechsel angeordnet worden wäre: "Es macht keinen Sinn, darüber nachzudenken, denn es ist ja nicht passiert." Ein Schutzmechanismus, dennoch mochte er richtige Erleichterung nach seinem Befreiungsschlag nicht verspüren: "Vielleicht kommt das noch. Es ist nicht so, als ob ich plötzlich wieder frei atmen könnte - sondern eher eine Bestätigung, weiter zu tun, was man tut."

Charles Leclerc zeigte sich außerhalb des Cockpits zwar in seiner Wortwahl sanfter, tief drinnen fühlt er sich immer noch beraubt: "Jeder an meiner Stelle wäre doch enttäuscht. Aber ich werde stärker zurückkommen." Eine Anleihe bei der Vettel-Taktik, die Wut in Energie zu kanalisieren. Den Haussegen schnell wieder in die richtige Balance zu bringen, erscheint angesichts der Temperamente von Leclerc und Vettel nicht gerade einfach, da trifft Überehrgeiz auf Dickköpfigkeit. "Ich habe keinen Zweifel, dass alle glücklich sind mit diesem Erfolg", behauptet Friedensrichter Binotto. Der eine mehr, der andere gar nicht.

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SZ vom 24.09.2019/jbe
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