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Formel 1:Am Ferrari-Boss zehren die Kräfte

Formel 1: Ferrari-Teamchef Mattia Binotto

Mattia Binotto: Stressige Zeiten bei Ferrari

(Foto: REUTERS)

Mattia Binotto ist Ferraris Technikchef und zusätzlich Teamchef - nach dem schlimmen Saisonstart dürfte sich sehr bald die Frage stellen: Ist das ein Mann zu wenig an der Spitze?

Von Philipp Schneider

Es ist ein sonniger Frühlingstag im März 2019, als Toto Wolff darüber nachdenkt, was passieren müsste, damit er endlich einmal verlöre. Oder anders: Was ein anderes Formel-1-Team ändern müsste an seiner Strategie, um den endlosen Siegeszug von Wolffs Mercedes-Mannschaft in der Formel 1 zu stoppen? Und sei es nur für eine Saison?

Toto Wolff sitzt in seinem Büro in Brackley, er ist gut drauf vor dem Saisonstart in Melbourne. Bei den Testfahrten in Barcelona waren die Konkurrenten von Ferrari zwar überraschend schnell, seine Silberpfeile erstaunlich langsam. Aber Wolff lässt durchblicken, dass sie bei den Probeläufen ein bisschen getäuscht und getarnt hatten. Es gebe andere Teams, "die pumpen nur zehn Liter Sprit rein und sagen: volles Granatenrohr! Motor aufdrehen!"

An diesem Tag, vor dem Auftakt einer Saison, in der Mercedes zum sechsten Mal nacheinander die Weltmeisterpokale für Fahrer und Team gewinnen würde, erzählt Wolff viel davon, wie schwierig es sei, die Motivation in einer vom Erfolg gesättigten Belegschaft hochzuhalten. "Energie zu schicken" durch 1500 Mitarbeiter, wie er sagt. Das sei eine Herausforderung, genau wie Red Bull und Ferrari.

Wolff spricht auch über Mattia Binotto, den damals neuen Teamchef der Scuderia.

Binotto sei "hochintelligent", sagt Wolff. Allerdings vereine er bei Ferrari die Aufgaben von ihm als Teamchef, die des Technischen Direktors Chassis James Allison - und die von Andy Cowell als Chef der Motorabteilung, der inzwischen fort ist.

Ob das ein bisschen viel sei?

Wolff sagt: "Das kann einige Zeit lang funktionieren. Aber da brennst du aus."

Einige Zeit später. Genauer: 16 Monate später. Es ist der Samstag vor dem zweiten Rennen in Spielberg. Tag eins des schwärzesten Wochenendes, das die Scuderia erlebte, seit Binotto im Amt ist. Binotto, 50, tritt vor die Kamera. Er sieht aus wie immer. Auch das ist ja eine Kunst: Sich ein paar dominante optische Merkmale zulegen, die dem Beobachter das Gefühl geben, dass immer alles wie immer ist. Bei Binotto lädt seine Brille zur Ablenkung ein, die ihn wie einen Verwandten von Harry Potter erscheinen lässt. Doch die Brille täuscht. An Binotto zehren realere Kräfte als an dem Zauberlehrling aus Hogwarts. Sie lassen Binotto sagen: "Die Stoppuhr lügt nicht. Was wir abliefern, entspricht nicht dem Anspruch der Marke Ferrari."

Camilleri sagt: "Wir stellen uns der Situation und heulen nicht"

Da haben sie Recht, Binotto und die Kräfte. Ein Ferrari kommt im Qualifying nicht 2,4 Sekunden nach einem Silberpfeil ins Ziel. Auch nicht, wenn es regnet wie am Samstag. Um das zu verhindern, war Louis Camilleri, Binottos Chef bei Ferrari, eigens an die Strecke in Spielberg gereist. Mit dabei hatte er die neuen Anbauteile, die eigentlich erst eine Woche später, beim Rennen in Budapest an diesem Sonntag, verbaut werden sollten. Camilleri machte Druck, versprach: "Bei Ferrari werden die Ärmel hochgekrempelt. Wir stellen uns der Situation und heulen nicht." Geheult wird erstaunlicherweise wirklich nicht. Auch nicht, als als nächstes die Teile die erhoffte Wirkung verfehlen. Nicht einmal am Rennsonntag wird geheult, als der größtmögliche Unfall für Ferrari eintritt: Charles Leclerc räumt Sebastian Vettel ab. In der ersten Runde, Kurve drei. Haarnadel. Wahnsinnig unnötig.

Binotto muss wieder vor die Kamera. Eine gemeinsame Gesprächsrunde mit beiden Fahrern bekommt er offenbar nicht mehr organisiert. Wie auch? Den einen, Vettel, der heute das Opfer ist, kann Binotto nur noch erreichen, wenn Vettel höflich ist. Vettels Vertrag läuft Ende der Saison aus, es geht für ihn längst nur noch ums Schadensbegrenzung. Wie hat Binotto die Trennung moderiert? Eigentlich gar nicht. Nach dem Crash steht Binotto also alleine vor der Kamera. Er sagt, es gehe "nicht darum, jemandem Vorwürfe zu machen, sondern nach vorne zu schauen." Ferrari habe "die richtigen Leute, um Fortschritte zu machen." Die Frage, die sie sich sehr bald in Maranello stellen dürften: Hat Ferrari den richtigen Mann an der Spitze, der die richtigen Leute in die richtigen Bahnen leitet? Oder zumindest: Vielleicht einen Mann zu wenig an der Spitze?

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