Fernsehübertragung Das Drama findet nicht statt

"Für mich ist der Ball noch nicht im Wohnzimmer angekommen" - Regisseur Volker Weicker über die Live-Übertragungen bei der WM.

Von Interview: Christopher Keil

Bei Zuschauern und Journalisten, aber auch innerhalb der TV-Sender stehen nach der ersten WM-Woche die Fernsehbilder in der Kritik.Volker Weicker, freier Regisseur und Professor an der Kunsthochschule für Medien in Köln, war für die Bildregie beim WM-Finale 2002 verantwortlich, setzte die deutschen Kanzlerduelle ins Bild und macht regelmäßig Studioregie für alle großen deutschen Sender (u.a. Stern TV bei RTL, Kerner im ZDF, Live- Fußball bei Premiere, Skispringen).

SZ: Es gibt Kritik an den WM-Fernsehübertragungen. Wie haben Sie die Spiele bisher erlebt?

Volker Weicker: Für mich ist der Ball noch nicht im Wohnzimmer angekommen. Es ist mir insgesamt ein wenig zu statisch und zu emotionslos fotografiert. Als nicht beteiligter Regisseur erlebe ich, entweder zu Hause oder in der Öffentlichkeit, eine unheimlich dichte Atmosphäre und gute Stimmung. Beides kommt während der Übertragungen zu kurz.

SZ: ARD-Teamchef Heribert Fassbender oder ZDF-Chefredakteur Nikolaus Brender haben sich ungewohnt deutlich beim Produzenten der Bilder, dem Unternehmen HBS (Host Broadcasting Services, siehe Artikel auf dieser Seite), beschwert. Sie kritisieren verspätete Zeitlupen und ein Übermaß an totalen Einstellungen. Ist denkbar, dass die Fifa mit den totalen Einstellungen den Werbebanden und damit ihren Sponsoren mehr Geltung verschaffen möchte?

Weicker: Das halte ich für eine Spekulation. Es liegt wohl an etwas anderem. Mein Eindruck ist erstens, dass HBS mehrere ,Feats', also Bildangebote, verkauft hat. So war es jedenfalls bei der WM 2002. Es gibt ein reines Spiel-Feat, also ein Spielbildangebot, dann einen Highlight Kanal, auch ein Technical Feat, das ist eine hohe Supertotale, und dann gibt es so genannte Bench Feats, gemeint sind die Trainerbänke. Zweitens wurde nicht eindeutig für die Formate 16:9 und HDTV entschieden. Es wird nach wie vor ein Zwitter produziert, das bedeutet, weder ein richtiges 16:9-Bild noch ein richtiges 4:3-Bild. Man versucht, allen Nationen mit einer Art Mittelbild gerecht zu werden. Das halte ich prinzipiell für schwierig. Das mit der Totalen im Sinne der Werbebanden kann ich auch deshalb nicht glauben, weil die Werbebanden im Verhältnis zu einem normalen Bundesligaspiel relativ klein sind. Wollte man mehr Präsenz haben, hätte man die Banden grundsätzlich größer platziert.

SZ: Abgesehen davon, dass das Spiel durch die vielen Totalen emotionsloser wird, werden auffällig oft spielentscheidende Szenen - Fouls, Abseitssituationen, Elfmetersituationen - entweder gar nicht oder sehr spät nachgereicht und häufig nicht so ausführlich wie die Tore selbst. Ist es denkbar, dass eine Zensur der Bilder stattfindet, und sei es, um die Entscheidungen des Referees und seiner Linienrichter zu schützen?

Weicker: Technisch ist es heute so, dass man jede der 20, 25 Kameras, die während eines WM-Spieles eingesetzt werden, auf Slowmotion, also Zeitlupe legen kann. Man müsste folglich von jeder Perspektive im Stadion jedes Bild in jeder Situation bekommen, und ich behaupte mal, das ist auch so. Man sieht ja, wenn Tore nachgereicht werden, wie viele verschiedene Perspektiven angeboten werden. Ich weiß, dass es extra Slowmotion-Regisseure gibt, und ich weiß, dass das gute Leute sind, sofern es die zwei deutschen Regie-Teams betrifft. Und meines Wissens sind die zwei französischen und englischen Teams identisch mit den Teams, die auch 2002 in Japan und Südkorea dabei waren ...

SZ: ... wo Sie während des Finales Regie führten.

Weicker: Richtig. Dass da jetzt jemand sitzt, der einen Schiedsrichter und damit die Fifa schützen will und deshalb auf eine bestimmte Slowmotion, auf eine Halbtotale oder ein Close-up, eine Nahaufnahme, verzichtet, halte ich für Quatsch. Wenn man so arbeiten würde, nähme man dem ganzen Spiel, was es hat. Außerdem müsste man sich ständig darüber verständigen, welche Bilder in welcher Einstellung gezeigt werden dürfen: das ginge praktisch und logistisch kaum. Ich glaube eher, es liegt daran, dass die Bildregisseure die Sorge haben, während einer Slowmotion etwas vom Spiel zu verpassen und keine Fehler zu machen.

SZ: Die Zeitlupenwiederholungen kommen häufig zur Unzeit - manchmal, während das Spiel läuft.

Weicker: Ich glaube nicht an die Regel, dass man nur Slowmotion fahren kann, wenn der Ball nicht im Spiel ist. Dafür sind mittlerweile viel zu viele Bälle um das Spielfeld verteilt, was dazu führt, dass die Unterbrechungen immer kürzer werden. Warum die Zeitlupen so spät kommen und so verhalten eingesetzt werden, weiß ich nicht.

SZ: Kommt denn inzwischen das gesamte Bildangebot vom so genannten Host Broadcaster, dem "gastgebenden Produzenten", also der HBS - ohne dass die Sendeanstalten darauf Einfluss nehmen können?

Weicker: So ist es, aber die Sender dürfen noch zusätzlich vier, fünf eigene Kameras benutzen, im Wesentlichen, um nationale Prominenz zu zeigen. HBS hat sechs Regisseure engagiert, zwei deutsche, zwei französische, zwei englische. Es gibt sicher ein Maßgabenpapier, das genau ausführt, was in welcher Spielsituation zu machen ist. Darin ist alles geregelt: wie viele Slowmotions kommen, welche zuerst kommt, wie viele Zeitlupenwiederholungen am Stück gesendet werden. In diesem Katalog steckt gewissermaßen der Geist des Auftraggebers. Die Frage, die man sich bei HBS stellt, lautet: Wie sieht ein Feat, ein Bildangebot, aus, das den Japaner, den Iraner, den Australier und den Brasilianer gleichermaßen begeistert? Es gibt international einfach unterschiedliche Standards, Fußball zu übertragen.

SZ: Zum Beispiel?

Weicker: Die Franzosen halten es anders als die Engländer. Letztere inszenieren unheimlich emotional, was, wie ich glaube, an der Stadion-Architektur liegt. In England sitzen die Menschen ganz dicht an der Außenlinie. In Deutschland muss man für jeden Applaus einen Umschnitt machen, in England ist der Jubel immer mit im Bild. Vielleicht überlegt man sich als HBS-Regisseur auch, die leicht bekleideten brasilianischen Damen nicht so oft zu zeigen, um die moslemischen Zuschauer nicht zu verärgern. So ein Maßgabenpapier soll allen gerecht werden. Ich habe allerdings den Eindruck, dass diese WM vor allem davon lebt, wie großartig die Menschen sie annehmen: sowohl diejenigen, die hier leben, als auch diejenigen, die angereist sind. Und diese Begeisterung würde ich mir auch auf dem Bildschirm wünschen. Man muss doch Geschichten nebenher erzählen können: Wie die Trainer reagieren, was die Ersatzspieler treiben, wie der Gefoulte oder der Gescheiterte oder der vom Schiedsrichter Bestrafte reagiert. Das alles vermisse ich.

SZ: Warum hat Sie Francis Tellier, der Chef von HBS, nicht wieder als Regisseur engagiert?

Weicker: Ich weiß es nicht. Ich habe aber neulich gelesen, man wirft mir vor, ich hätte beim Endspiel 2002 die Ehefrau von Oliver Kahn gezeigt, und das sei ein zu nationales Bild gewesen. Ich meine: Kahn war eine wichtige Figur der WM 2002 und eine wichtige tragische Figur im Endspiel.