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Fußball:Vier neue Säulen für die Liga

Pressekonferenz nach DFL-Mitgliederversammlung

Christian Seifert: "Wir hätten sicherlich mehr Applaus bekommen für radikale Lösungen"

(Foto: Arne Dedert/dpa)

Die DFL-Spitze verkündet einen neuen Schlüssel für die Verteilung der TV-Gelder. Es gibt Anpassungen - aber die große Revolution bleibt aus. DFL-Boss Seifert glaubt dennoch an einen versöhnenden Effekt.

Von Johannes Aumüller, Frankfurt

Ungewöhnlich lange dauerte die virtuelle Mitgliederversammlung, zu der sich am Montag die 36 Profiklubs der Deutschen Fußball-Liga (DFL) zusammenschlossen. Dreieinhalb Stunden lang tagten sie zur künftigen Verteilung der TV-Gelder, und wenn die DFL-Vertreter hinterher zu verstehen gaben, dass die Dauer nicht an einem neuerlichen Streit zwischen den verschiedenen Klub-Fraktionen lag, gab es durchaus ein plausibles Argument, dies zu glauben. Das neue Verteilungsmodell ist so komplex, dass es einige Zeit in Anspruch nimmt, es in seinen Einzelheiten zu erläutern.

Nach harten Diskussionen innerhalb der Liga hat das neunköpfige Präsidium um Geschäftsführer Christian Seifert das Verteilungssystem zwar ordentlich umgestaltet, aber im Ergebnis bleiben die Korrekturen moderat. Dabei gab Seifert zu verstehen, dass das verabschiedete Modell insbesondere vor dem Hintergrund der aktuellen Corona-Situation zu bewerten sei. Seifert rechnet damit, dass der Gesamtumsatz der Liga zwischen März 2020 und Sommer 2022 um insgesamt zirka zwei Milliarden Euro zurückgeht. "Die vergangene Saison war nur ein laues Lüftchen. Jetzt kommt der Sturm", sagte er. Daher sei es darum gegangen, drei Dinge zu kombinieren: finanzielle Stabilität zu gewährleisten, das Leistungsprinzip zu bewahren und gleichzeitig gewisse neue Impulse zu setzen.

"Er ist nicht spektakulär. Wir hätten sicherlich mehr Applaus bekommen für radikale Lösungen", sagte Seifert. Aber es sei nicht die Zeit für radikale Lösungen: "Ich denke, dieser Verteilerbeschluss hat das Potenzial, die Liga zusammenzuhalten."

Die DFL wird in den vier Spielzeiten zwischen 2021/22 und 2024/25 insgesamt 4,6 Milliarden Euro aus dem nationalen Topf sowie zirka 800 Millionen Euro aus dem internationalen Topf verteilen. Aufgrund einer Staffelung geht es in der kommenden Saison erst einmal um 1,25 Miliarden Euro - zirka 200 Millionen Euro weniger als in der laufenden.

Die Gelder aus der nationalen Vermarktung werden künftig anhand von vier Säulen verteilt. Die erste Kategorie heißt "Gleichverteilung". Zunächst 53 Prozent, von 2023/24 an 50 Prozent aller nationalen Einnahmen sollen so verteilt werden. In der kommenden Saison erhalten demnach alle Klubs der Bundesliga sicher 24,7 Millionen Euro, die Zweitligisten mindestens 6,9 Millionen Euro.

Die zweite große Säule heißt "Leistung" (Anteil: 42 Prozent bis 2022/23, dann 43 Prozent), die auf einer Fünf-Jahres-Wertung basiert. Dazu kommen die Kategorie "Nachwuchs" (zunächst 3, danach 4 Prozent), die stärker gewichtet wird als bisher, sowie die erstmals eingeführte Kategorie "Interesse" (2 Prozent/3 Prozent). Damit will die DFL honorieren, welche Bedeutung die einzelnen Klub-Marken haben. Dies will die DFL aber nicht anhand von Einschaltquoten tun, sondern auf Basis einer Markenumfrage.

Im internationalen Bereich wiederum kam es nur zu einer kleineren Modifizierung der bisherigen Regel. Bisher wurde ein Sockelbetrag von 25 Prozent unter allen Klubs aufgeteilt, der Rest richtete sich nach dem Abschneiden der Klubs im Europapokal in den vergangenen Jahren. Künftig beträgt der Sockelbetrag 35 Prozent. Zugleich gab die DFL bekannt, dass sie im Bereich der internationalen Medienrechte den Einstieg von Investoren prüft; im Februar sollen die Gespräche beginnen.

Wie genau sich die Reformen auf die einzelnen Klubs auswirken, ist noch ungewiss. Die Kritiker der jetzigen Verteilung hatten stets gefordert, die sogenannte Spreizung anzupassen. Der FC Bayern erhielt in den vergangenen Jahren bis zu 3,8 Mal so viele TV-Gelder wie das Bundesliga-Schlusslicht, in der laufenden Saison sind es aufgrund der Corona-Umstände laut Plan drei Mal so viele. Künftig soll sich dieser Unterschied reduzieren. Im nationalen Bereich, so rechnete Seifert hoch, dürfte sich die Spreizung auf ungefähr 2,2:1 belaufen, im internationalen auf acht zu eins statt wie bisher 13:1. Insgesamt käme dann eine Spreizung von zirka 2,9:1 heraus.

Seifert bezweifelte aber generell, dass ein Blick auf die Spreizung eine sinnvolle Herangehensweise sei. "Eine Spreizung zwischen Bayern und Bielefeld zu reduzieren, indem man den Bayern fünf Millionen weniger gibt und Bielefeld fünf Millionen mehr, macht die Meisterschaft nicht spannender."

In den vergangenen Wochen hatten diverse Erst- und Zweitligisten auf eine größere Umverteilung gedrängt, Großklubs wie der FC Bayern sich dagegen gewehrt. In den Sitzungen des Präsidiums, in dem die kleineren und mittleren Klubs erstmals die Mehrheit hatten, seien auch schon mal "die Fetzen geflogen", berichtete Geschäftsführer Seifert. Doch am Ende sei das neue Konzept mit acht Ja-Stimmen und einer Enthaltung angenommen worden.

Nun ist die Frage, wie die Liga das neue Modell annimmt. "Es ist ein erster Schritt in die richtige Richtung, aber eine Revolution ist es bei genauem Betrachten nicht. Um den von vielen angekündigten und auch notwendigen Veränderungen im Profifußball Rechnung zu tragen müssen weitere Schritte folgen", sagte Augsburgs Geschäftsführer Michael Ströll. BVB-Boss Hans-Joachim Watzke wiederum erklärte, die Entscheidung stelle "für die Spitzenklubs einen schmerzhaften Kompromiss dar". Die Fan-Organisation "Unsere Kurve" kritisierte das Ergebnis: "Wir können keine substantiellen Veränderungen erkennen."

Aber ganz am Schluss der Pressekonferenz gab es von Seifert dann noch eine Botschaft, die sich nicht an die 36 Profiklubs richtete, sondern an den Deutschen Fußball-Bund (DFB), in dem er auch als Vize-Präsident amtiert. Seit Wochen herrscht dort Unruhe wegen eines Machtkampfes zwischen Präsident Fritz Keller und Generalsekretär Friedrich Curtius und dem Hickhack um Bundestrainer Joachim Löw. "Generell wünsche ich dem DFB, dass er aus sich heraus zur Ruhe kommt und das teilweise sehr unwürdige Schauspiel an Illoyalität langsam sein Ende findet", sagte Seifert.

© SZ/cca/schm
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