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Felix Neureuther:"Oh Gott, bitte lande nicht im Netz!"

SZ: Abfahrt ist in einem Punkt ja ähnlich wie Slalom: Es ist eine Frage der Selbsteinschätzung.

Neureuther: Und die Frage, mit welcher Ruhe man rangeht. Wenn man einen Didier Cuche sieht, mit welcher Gelassenheit der bei einem 70-Meter-Sprung in der Luft in die Hocke geht, wie der fliegt - da hast du nie Angst, dass dem was passieren könnte. Andere dagegen, die überschätzen sich vielleicht, sehen die Gefahr nicht, die machen Harakiri, da denkt man bei jedem Schwung: Oh Gott, bitte lande nicht im Netz!

SZ: Ist die Überwindung bei der Abfahrt ein Problem für Sie?

Neureuther: Überhaupt nicht. Ich bin eher der Typ, bei dem man denkt: Oh Gott, bitte lande nicht im Netz.

SZ: Sie haben Olympia angesprochen. Fühlen Sie vor solchen Ereignissen ausschließlich Vorfreude?

Neureuther: Es ist eine Mischung, man macht sich auch Gedanken, was ist, wenn's nicht funktioniert. Ich bin ein Typ, der sich vorm Einschlafen den positiven Fall ausmalt, aber dann kommen einfach ab und zu die negativen Gedanken. Ich versuche, gedanklich zu simulieren, wie es sein könnte, welcher Druck da sein wird, einfach, um besser vorbereitet zu sein. Nicht nur bei Olympia.

SZ: Haben Sie die Herangehensweise an ein Rennen nach der vergangenen Saison verändert?

Neureuther: Wesentlich sogar. Ich versuche, lockerer ranzugehen, nicht zu verkrampfen. Damit die Freude überwiegt.

SZ: Vergangenes Jahr hatte man das Gefühl, dass Sie alles mit Gewalt versucht haben.

Neureuther: Stimmt. Ich habe inzwischen eingesehen, dass ich den ersten Sieg nicht erzwingen kann. Man kann nur schnell Ski fahren, wenn man locker Ski fährt, wie das bei Leuten wie Grange oder Herbst ist. Schnell heißt locker.

SZ: Das sagen Sie jetzt so - aber wie bewahrt man sich die Lockerheit, wenn das Rennen kurz bevorsteht?

Neureuther: Das ist das große Geheimnis. Vor allem vor Großereignissen. Lasse Kjus und Kjetil-Andre Aamodt (ehemalige norwegische Skirennfahrer, d. Red.), die sind kurz vor Olympia eine Woche zum Golfen gefahren - das ist locker. Da braucht man ein brutales Selbstvertrauen, das ist es, glaube ich. Man darf nicht zweifeln, sondern muss vertrauen.

SZ: Wer ist für Sie im aktuellen Feld ein Vorbild in Sachen Lockerheit?

Neureuther: Zu Reinfried Herbst hab ich einen sehr guten Draht. Wie der die Rennen angeht, das ist unglaublich. Der Herbstl lässt sich durch nichts aus der Ruhe bringen. Ich red' mit ihm oft über's Skifahren, von dem kann ich was lernen.

SZ: Und was können andere von Ihnen lernen? Was ist Ihre Stärke?

Neureuther: Mein Schwung, eindeutig, ganz besonders mein Linksschwung. Den können nicht viele im Weltcup.

SZ: Und Ihre Schwäche?

Neureuther: Hm, wie soll ich das formulieren . . . es ist vielleicht so eine Art Überehrgeiz. Es ist dieses Gefühl, anderen Leuten etwas beweisen zu müssen. Dabei müsste mir das doch egal sein.

SZ: Das liegt wahrscheinlich auch am Namen . . .

Neureuther: Klar. Ich bin die letzten Jahre trotz allem auf Weltklasseniveau gefahren, aber der letzte Schritt fehlt, und dann gibt's viele, die sagen: Oh mei, der junge Neureuther. Irgendwo im Hinterkopf gibt es ein paar Leute, bei denen ich mich besonders freuen würde, wenn ich es ihnen gezeigt hab. Und das kommt schon noch, da bin ich ganz sicher. Ich muss nur locker bleiben.