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Fehlentscheidungen bei der EM:Und der Torrichter tat nichts

Nicht gegebene Elfmeter, nicht gegebene Tore: Die zahlreichen Fehlentscheidungen der Schiedsrichter bei der EM sind ärgerlich - und werfen Fragen auf. Peinliche Zufälle oder steckt viel mehr dahinter? Ein Turnier mit Spaniern, Engländern und Deutschen im Viertelfinale ist schließlich viel attraktiver als eines mit Dänen, Ukrainern und Kroaten.

Thomas Kistner

Ein besseres Schulbeispiel für Schiedsrichteranfänger lässt sich ja gar nicht finden, als jene Szene nach 28 Minuten: Florian Meyer, der Torrichter, schaut pflichtgemäß ganz genau hin, als der Kroate Mandzukic auf ihn zustürmt. Fast direkt vor ihm tritt der Spanier Ramos gegen Mandzukic' Fuß, im Strafraum - die Szene hat alles, was das Reglement für einen Elfmeter verlangt. Meyer signalisiert anders: auf Ecke.

Das ist ärgerlich, und es wirft Fragen auf. Die deutschen Referees verweigerten den Kroaten ja noch einen weiteren Elfmeterpfiff. Damit erhöht sich die Anzahl nicht gegebener Strafstöße bei der EM, beispielsweise den Dänen gegen die Deutschen, den Iren gegen die Kroaten oder den Griechen gegen die Russen blieben klar wirkende Strafstöße versagt.

Daneben gab es noch eine Fehlleistung in einem anderen, äußerst sensiblen Bereich: Der Schuss, den der Ukrainer Marko Devic am Dienstagabend in der 63. Minute aufs Tor der Engländer abgab und den John Terry artistisch aus der Gefahrenzone beförderte, hatte die Torlinie klar überquert - und das noch nicht einmal in einem besonders hohen Tempo. Der unmittelbar in der Nähe weilende Torrichter aber - er tat nichts. Der reguläre Treffer, der die Gastgeber beim Stand von 0:1 zurück ins Spiel geholt hätte: Er wurde nicht gegeben.

Auf den ersten Blick ist dies eine flammende Anklage gegen die Politik der Uefa, deren Chef schärfster Gegner von Kameraüberwachungen ist. Dabei argumentiert Michel Platini so unsinnig, wie es sein Ziehvater Sepp Blatter an der Fifa-Spitze über Jahrzehnte tat: Er schwärmt für den menschlichen Makel.

Doch was ist toll daran, wenn Millionen vor den Fernsehern sehen können, was die Spielleiter nicht sehen dürfen, weil ihnen das Kameraauge verweigert wird? Diese Haltung ist schizophren - zumal Kamerahilfe enorme Lasten von den Schultern der Referees nähme. Zum Thema Ergebnisgerechtigkeit pflegt der reiche Fußball seltsamerweise eine andere Philosophie als Sportarten von Tennis bis Eishockey, die mit der Technik arbeiten.

Peinliche Zufälle? Gewiss, mag sein

Diese Feststellung führt ins politische Innenleben des Fußballs. Der steht ja unter schärfster Beobachtung: Bestechung in höchsten Ämtern, heikle Vorwürfe, Spielmanipulation in europäischen Topligen. Sollte der Fußballbetrieb nicht alles tun, um über jedem Verdacht zu stehen?

England Ukraine Terry Euro em 2012 Schiedsrichter Tor Linie

Der Engländer John Terry ist hinter der Linie. Der Ball auch. Trotzdem verweigert der Schiedsrichter der Ukraine das Tor. Ganz links im Bild - von einem Zuschauer oder anderen Fotografen verdeckt - sieht man gerade noch den Fuß des Torrichters, der eigentlich hätte erkennen müssen, dass der Ball im Tor war.

(Foto: Getty Images)

Stattdessen pflegt die Uefa neben ihrer fragwürdigen Bildregie auch reichlich unsensible Schiedsrichter-Ansetzungen. Ihr Kommissionschef ist (wie in der Fifa) der Spanier Villar. Als dieser jüngst seine siebte Amtszeit als nationaler Fußballboss antrat, zog gar eine Antikorruptionsorganisation dagegen vor Gericht.

Unter Beschuss geriet Villar auch 2010, vor der WM in Südafrika. Da raunte Englands Verbandschef Lord Triesman in einem abgehörten Gespräch über Spaniens angeblichen Schiedsrichterpakt mit Russland: Zugunsten eines WM-Siegs für Spanien und einer WM-Vergabe 2018 an Russland. Unfug oder nicht: Die Prophezeiungen traten ein. Man hätte es also gern genau untersucht gesehen.

Nun ist das Bild leider so: Schwere Fehlleistungen von spanischen und deutschen Referees begünstigen die Turnierfavoriten Deutschland und Spanien im Gruppenfinale. Carlos Velasco verweigerte Dänemark einen Strafstoß beim Stand von 1:1. Eine Niederlage hätte die deutsche Elf ebenso aus dem Turnier expediert wie ein Sieg der Kroaten die Spanier; dort leistete sich Wolfgang Stark zwei abenteuerliche Fehlpfiffe. Peinliche Zufälle? Gewiss, mag sein.

Doch wenn so viele Zufälle zusammenpassen, fällt der Blick rasch auf die Organisation dahinter. Die manipuliert fleißig am telegenen Gesamtbild herum, nun hat der Uefa-Chef offiziell Hunderte "Arschlöcher" in Kroatiens rüden Fankreisen lokalisiert. Bei so robustem Umgang mit Europas größtem TV-Spektakel läge auch ein Motiv für diskrete Regieassistenz von oben nicht fern. Ein Turnier mit Spaniern und Deutschen ist viel attraktiver für Fans, Sponsoren und TV-Quoten als eines mit Dänen und Kroaten. So kam's ja auch.

© SZ vom 20.06.2012/jüsc

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