Sportler in Russland:"Ich habe große Angst, dass ich für immer hier bleiben muss"

Lesezeit: 4 min

Sportler in Russland: Zwei Sportler, beide sind auf unterschiedliche Art und Weise in der Gewalt von Russland: Ivan Fedotow und Brittney Griner.

Zwei Sportler, beide sind auf unterschiedliche Art und Weise in der Gewalt von Russland: Ivan Fedotow und Brittney Griner.

(Foto: Imago(2)/Imago(2))

Die amerikanische Basketballspielerin Brittney Griner und der russische Eishockey-Torwart Ivan Fedotow sind in Russland verhaftet worden. Beide Fälle haben mehr miteinander zu tun, als es auf den ersten Blick scheint.

Von Jürgen Schmieder, Los Angeles

Es sind dramatische Worte, die Brittney Griner in ihrem Brief wählt. Sie hat ihn per Hand geschrieben, und der Empfänger ist nicht irgendwer, sondern der Präsident der Vereinigten Staaten. "Ich sitze hier in einem russischen Gefängnis, alleine mit meinen Gedanken und ohne den Schutz meiner Frau, meiner Familie, meiner Freunde", schreibt die amerikanische Basketballspielerin. Sie endet mit einer Bitte an Joe Biden: "Ich bin dankbar für alles, was Sie derzeit tun können, um mich nach Hause zu holen. Ich habe große Angst, dass ich für immer hier bleiben muss."

Griner, 31, ist nicht irgendwer, sie ist eine der besten Basketballspielerinnen der Geschichte. Sie ist eine von nur elf Frauen, die in ihrer Laufbahn eine olympische Goldmedaille (in Rio und Tokio), den WM-Titel (2014 und 2018), die Meisterschaft in der US-Profiliga WNBA (2014 mit Phoenix Mercury) sowie die amerikanische Uni-Meisterschaft (2012 mit der Baylor University) gewonnen haben. Sie ist darüber hinaus auch dreimalige russische Meisterin (2015-17); in der Winterpause der WNBA spielt sie seit acht Jahren für den russischen Verein UMMC Jekaterinburg.

Am 17. Februar war Griner am Scheremetjewo-Flughafen von Moskau verhaftet worden, Beamte hatten in ihrem Gepäck Kartuschen mit Haschisch-Öl gefunden. Seit vergangenen Freitag muss sie sich wegen Drogenschmuggels vor Gericht verantworten, bei einer Verurteilung drohen ihr zehn Jahre Haft. Am Montag hat sie diesen Brief an den US-Präsidenten geschickt; am 4. Juli also, Independence Day in den USA, Griner schreibt darin: "Es tut mir weh, auch nur daran zu denken, wie ich diesen Tag normal feiern würde. Freiheit bedeutet derzeit was komplett anderes für mich."

Sportler in Russland: Bringt sie zurück! Cherelle Griner, Gattin der Inhaftierten, bei einer Kundgebung in Phoenix, wo Brittney Griner gewöhnlich spielt.

Bringt sie zurück! Cherelle Griner, Gattin der Inhaftierten, bei einer Kundgebung in Phoenix, wo Brittney Griner gewöhnlich spielt.

(Foto: Christian Petersen/AFP)

Biden hat diesen Brief von Griner gelesen. Er hat am Mittwoch mit Griners Ehefrau Cherelle telefoniert, und er hat auf diesen Brief geantwortet. "Der Präsident hat Cherelle versichert, dass er daran arbeitet, ihre Entlassung so schnell wie möglich herbeizuführen", heißt es in einem Statement. Biden habe Cherelle den Entwurf seiner Antwort vorgelesen, in der er versichere, "jede Möglichkeit auszuloten, sie nach Hause zu holen".

Die US-Regierung hatte erst zwei Monate nach der Verhaftung, offiziell von einer "unrechtmäßigen Inhaftierung" gesprochen

Diese Worte sind mit Bedacht gewählt, denn: Welche Möglichkeiten gibt es? Russland nämlich beruft sich auf die Gesetzgebung im eigenen Land; Griner sei nun mal mit illegalen Drogen erwischt worden, jetzt werde ihr der Prozess gemacht. Die US-Regierung hatte erst am 4. Mai, fast zwei Monate nach der Verhaftung, offiziell von einer "unrechtmäßigen Inhaftierung" gesprochen - eine Einschätzung, die das Weiße Haus am Mittwoch bekräftigte und von "inakzeptablen Umständen" sprach, ohne konkret zu sagen, was sie für ungerechtfertigt und inakzeptabel hält und was sie dagegen zu tun gedenkt.

Und das führt direkt zu einem anderen Sportler.

Sportler in Russland: So ändert sich die Perspektive: Im Februar war Iwan Fedotow noch tief enttäuscht über olympisches Silber - aber er war frei.

So ändert sich die Perspektive: Im Februar war Iwan Fedotow noch tief enttäuscht über olympisches Silber - aber er war frei.

(Foto: Matt Slocum/AP)

Am vergangenen Freitag ist der russische Eishockey-Torwart Iwan Fedotow nach dem Training in einer Arena in St. Petersburg verhaftet worden. Auf dem Video einer Sicherheitskamera ist zu sehen, wie Fedotow von Leuten in Skimasken zu einem Kleinlaster geführt und abtransportiert wird. Er habe den Militärdienst verweigert, heißt es, deshalb werde er auf eine Militärbasis auf der Insel Nowaja Semlja im Nordpolarmeer strafversetzt. "Es gibt in unserem Gesetz eine Militärpflicht, daher sind emotionale Kommentare unangebracht", sagte Kremlsprecher Dmitrij Peskow.

Fedotow, 25, ist auch nicht irgendwer. Bis Ende Juni stand er bei ZSKA Moskau unter Vertrag, gewann dort die Meisterschaft, zudem Silber mit der russischen Auswahl bei den Olympischen Spielen in Peking. Er gilt als eines der größten Torhüter-Talente der Welt, und er sollte in diesem Sommer zu den Philadelphia Flyers wechseln. Russische Torhüter sind begehrt in der NHL, gerade erst wurde Igor Schestjorkin (New York Rangers) zum besten Goalie der abgelaufenen Saison gewählt. Fedotow hatte eine Saison lang bei ZSKA Moskau gespielt; Akteure des Vereins sind automatisch Angehörige der russischen Streitkräfte, das Kürzel ZSKA steht für "Zentraler Sport-Klub der Armee". Zahlreiche junge Profisportler absolvieren ihren einjährigen Militärdienst in der Sportkompanie des Vereins.

Sportler in Russland: Hinter selbstgewählten Gittern: Iwan Fedotow in einem russischen Ligaspiel in Moskau.

Hinter selbstgewählten Gittern: Iwan Fedotow in einem russischen Ligaspiel in Moskau.

(Foto: Anton Novoderezhkin/Itar/Tass/Imago)

Es heißt jetzt, dass Fedotow mit seinem geplanten Wechsel in die USA versucht habe, diesen Dienst zu verweigern. "Es gibt gewisse Gründe für einen Aufschub des Militärdienstes; es gibt verschiedene Möglichkeiten für Sportler, den Dienst zu leisten", sagt Kremlsprecher Peskow. Fedotows Manager J.P. Barry sagte, dass sein Klient zu einem Militärstützpunkt in Nordrussland gebracht worden sei und er seitdem keinen Kontakt zu ihm gehabt habe. Flyers-Manager Chuck Fletcher verschickte ein Statement, in dem es lediglich heißt, dass man informiert sei und eigene Nachforschungen anstellen wolle. Das sind, wie bei Griner, vorsichtige Formulierungen.

Es gibt den Verdacht, dass beide aus politischen Gründen verhaftet worden sind

Beide Fälle haben auf den ersten Blick wenig miteinander zu tun, bei näherer Betrachtung indes doch sehr viel. Es gibt den Verdacht, dass beide aus politischen Gründen verhaftet worden sind. Bei Griner könnte Russland den Tausch von Gefangenen anstreben, wie es im April einen mit dem ehemaligen US-Soldaten Trevor Reed (verurteilt wegen einer Schlägerei mit russischen Polizisten) und dem russischen Piloten Konstantin Jaroschenko (in US-Haft wegen Drogenschmuggels) gegeben hatte.

Dass sich Griner am Donnerstag vor Gericht schuldig bekannte ("Ich hatte nicht die Absicht, russisches Recht zu verletzen"), werteten Beobachter als Teil einer Strategie, um eben jenen Gefangenenaustausch vorzubereiten. Das deutete Sergej Ryabkow, Vize-Außenminister von Russland, bereits an: "Es gibt seit langer Zeit ein Mittel, über solche Dinge zu reden." An Fedotow wiederum will Russland offenbar ein Exempel statuieren, dass man derzeit selbst als Promi nicht mal einfach so in die USA umziehen könne.

Die Beziehungen zwischen beiden Ländern stehen natürlich unter dem Eindruck des Angriffskrieges Russlands in der Ukraine; auch deshalb sind die Formulierungen derart vorsichtig gewählt. Aus dem Umfeld der NHL ist zu hören, dass sie den russischen Spielern geraten habe, in dieser Sommerpause keinesfalls in die Heimat zu reisen; schon vor der Finalserie (Colorado gewann gegen Tampa Bay) sagte der stellvertretende NHL-Chef Bill Daly: "In diesem Sommer wird der Stanley Cup nicht nach Russland oder Belarus kommen." Gewöhnlich dürfen die Akteure des siegreichen Vereins mit der Trophäe ein paar Tage lang tun, was immer sie wollen.

"Ich werde nicht mehr ruhig sein", sagte Cherelle Griner am Dienstag: "Meiner Frau geht es nicht gut, wir müssen ihr helfen." Das ist eine sehr amerikanische, westliche Haltung; Experten dagegen mahnen zu Zurückhaltung und Diplomatie. Ryabkow hatte bereits angemerkt: "Es ist verständlich, dass die Amerikaner einen Hype kreieren und Lärm machen wollen - aber so löst man praktisch keine Probleme." Die russische Haltung verkörpert deshalb Alexander Owetschkin, der bekannteste russische NHL-Profi derzeit. Laut dem Portal sports.ru sei er am Sonntag gefragt worden, ob er denn was zum Fall Fedotow sagen wolle. Owetschkins Antwort: "Nein, warum?"

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