Roger Federer Er fliegt Richtung Wimbledon

Trophäen-Jubiläum: So oft wie in Halle hat Roger Federer bei keinem anderen Turnier gewonnen - nicht einmal in Wimbledon.

(Foto: Thomas F. Starke/Getty Images)
  • Roger Federer gewinnt das Turnier in Halle und zeigt sich vor Wimbledon in sehr guter Form.
  • Mit 37 Jahren zählt er erneut zu den Favoriten und könnte seinen 21. Grand-Slam-Titel gewinnen.
  • Ein Grund: Dieses Jahr verzichtete er nicht auf die Sandplatz-Saison.
Von Max Ferstl

Natürlich zählen im Tennis alle Punkt gleich viel, doch manchmal erzählt ein Punkt mehr als alle anderen. Zum Beispiel der fünfte Punkt im Tiebreak des ersten Finalsatzes von Halle.

Roger Federer führte 3:1 gegen seinen Endspiel-Kontrahenten, den Belgier David Goffin. Er schlug einen gefährlichen Aufschlag, trieb Ball und Gegner weit aus dem Feld. Goffin antwortete mit einem exzellenten Return, hart und flach zischte die Vorhand über das Netz, landete direkt auf dem Rasen vor Federers Füßen. Schwerer kann ein Halbvolley kaum sein. Die meisten Spieler wären an der Aufgabe wohl gescheitert - doch Federer blockte den Ball mit der Rückhand diagonal ins freie Feld. Natürlich sah er dabei sehr lässig aus. Es war das Bild, das die Welt von Federer kennt: Ein Spieler in absolutem Einklang mit dem Platz, dem Ball und dem Schläger.

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Er gewann den Tiebreak, nahm seinem Gegner kurz darauf den Aufschlag ab (Goffin warf den Schläger), spielte wenig später einen unerreichbaren Stopp (Goffin hob ratlos die Arme) und verwandelte seinen ersten Matchball (Goffin gratulierte).

7:6 (2) und 6:1 hat der Federer am Sonntagnachmittag das Finale von Halle/Westfalen gewonnen. Es ist sein zehnter Titel bei dem ATP-Turnier, das sogar eine Straße nach dem Schweizer Ausnahmespieler benannt hat: Das Tennisstadion steht in der Roger-Federer-Allee. "Das ist ein Riesenmoment in meiner Karriere. Ich kann es kaum fassen, dass ich das wirklich geschafft habe", sagte Federer anschließend in die Mikrofone.

Der Titel, sein 102. insgesamt, ist ein weiterer Beleg dafür, wie klug Federer diesmal seine Saison geplant hat. Anders als in den vergangenen drei Jahren hat der 37-Jährige nicht auf die Sandplatzsaison verzichtet. Der langsame Belag kommt seinem Spiel am wenigsten entgegen. Die zähen Ballwechsel, die zermürbenden Matches - all das hatte Federer in den letzten Jahren seinem Körper nicht mehr zumuten wollen. Doch inzwischen hat er erkannt, dass die lange Pause seinem Spiel nicht uneingeschränkt gut tut. Deshalb ist er 2019 bei drei Turniere auf Sand angetreten und hat gutes Tennis gezeigt. Bei den French Open schaffte er es ins Halbfinale, wo er, wie sooft in Paris, Rafael Nadal unterlag. "Ich habe gegen den besten Sandplatzspieler überhaupt verloren, das ist keine Schande", hat Federer in Halle erklärt. Er habe Paris mit einem positiven Gefühl verlassen. Denn sein Spiel funktionierte.

Federer weiß, dass die Wahrscheinlichkeit, einen 21 Grand Slam-Titel zu gewinnen bei dem nächste Woche beginnenden Turnier von Wimbledon am höchsten ist. Der Rasenplatz, sagt er, "betont meine Stärken und kaschiert vielleicht meine Schwächen". Seine Gegner können ihn nicht mit hohen Topspinbällen auf der Rückhand angreifen, wie es Nadal auf Sand seit mehr als einem Jahrzehnt erfolgreich praktiziert. Auf dem Rasen springen die Bälle zu flach ab, und Federer kann "so spielen, wie ich will" - also attackieren, die Bälle mit schnellen Vorhandschlägen am Gegner vorbeischießen oder den Platz mit scharfen Slice-Bällen aufschlitzen, immer wieder vor ans Netz rücken, oft direkt nach dem Aufschlag. Er weiß, dass er auf Rasen manchmal nicht einmal perfekt spielen muss, um besser zu sein als die Gegner.

Auch in Halle war Federers Spiel keineswegs frei von Fehlern. In der zweiten Runde hätte er durchaus gegen Jo-Wilfried Tsonga verlieren können: Der Franzose hatte im dritten Satz viele Chancen. Auch im Viertelfinale gegen den Spanier Roberto Bautista-Agut gab Federer einen Durchgang ab. Doch am Ende gewann er eben. Federer sagte: "Man hat das Gefühl, wenn es wichtig wird, geht es so ein bisschen abwärts, also im guten Sinne wie beim Fahrrad fahren, und beim Gegner so ein bisschen aufwärts."

Zu Beginn des Finals hatte Federer ebenfalls Probleme mit dem mutig auftretenden Goffin, der im Viertelfinale den besten deutschen Tennisspieler, Alexander Zverev, bezwungen hatte und in den Tagen von Halle wieder an jenen Spieler erinnerte, der vor einigen Jahren sogar unter den Top Ten der Weltrangliste stand. Goffin baute viel Druck auf. Und Federer leistete sich ein paar Unsauberkeiten, gerade bei den Duellen von der Grundlinie. Beim Stand von 3:2 für Goffin im ersten Satz musste er drei Breakbälle abwehren. "Er hatte seine Chancen, er war die ersten zehn Spiele besser als ich", gab Federer zu: "Es tut mir leid, dass ich ihm den ersten Satz ein bisschen gestohlen habe."

Doch als das Match in die entscheidende Phase einbog, zeigte Federer jenen Halbvolley, den vermutlich nur Roger Federer spielt. Im zweiten Satz, sagte Goffin, "ist er einfach weggeflogen". Und, weil es über Federer nicht oft genug gesagt werden kann: "Der spielt so gut auf Gras."

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