FechtenUnd jetzt wieder mit russischen Mannschaften

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Die Farben der russischen Flagge kehren zunächst zwar nicht wieder zurück auf die Planche – eine russische Mannschaft gibt es dann aber gleichwohl.
Die Farben der russischen Flagge kehren zunächst zwar nicht wieder zurück auf die Planche – eine russische Mannschaft gibt es dann aber gleichwohl. Volker Danzer/HMB-Media/Imago

Die Rückkehr Russlands in den Weltsport schreitet voran: Als erster wichtiger olympischer Verband erlauben die Fechter wieder die Teilnahme von russischen Teams – obwohl dies formal einer Empfehlung des IOC widerspricht.

Von Johannes Aumüller

Als im Juli 2023 in Mailand die bisher letzte Fecht-WM über die Bühne ging, stand alles unter dem Eindruck eines großen Eklats in der Russland-Frage. Die viermalige Säbel-Weltmeisterin Olha Charlan aus der Ukraine musste gegen die Russin Anna Smirnowa antreten und verweigerte ihr nach dem Sieg den Handschlag. Die Folge: eine Disqualifikation für Charlan (und später eine Wildcard für die Olympischen Spiele in Paris, bei denen sie die Bronzemedaille holte).

Nun steht in zweieinhalb Monaten die nächste Fecht-WM an, diesmal in Tiflis – und wieder verursacht das Russland-Thema große Aufregung. Denn das Exekutivkomitee des Fecht-Weltverbandes (FIE) entschied in dieser Woche, dass russische Sportler von nun an auch wieder in Teamwettkämpfen antreten dürfen. Offiziell können sie dabei zwar nicht als russische Mannschaft firmieren, sondern lediglich als „neutrale Mannschaft“ aus „neutralen Athleten“, also ohne russische Flagge und ohne russische Hymne. Aber faktisch kann damit zum ersten Mal seit Beginn des Ukraine-Krieges im Februar 2022 in einer der wichtigen olympischen Sportarten wieder eine russische Mannschaft an den Start gehen.

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Bemerkenswerterweise verstößt der Fecht-Weltverband mit diesem Schritt formal gegen die Empfehlungen des Internationalen Olympischen Komitees (IOC). Das hatte vor den Sommerspielen in Paris erklärt, dass russische Athleten zwar als neutrale Einzelathleten starten können sollen, wenn sie bestimmte Bedingungen erfüllen – dass sie allerdings nicht an Mannschaftswettbewerben teilnehmen sollen. Das IOC reagierte auf eine Anfrage am Mittwoch zunächst nicht.

Mit wie vielen Sportlern nimmt Russland an den Winterspielen 2026 teil?

Somit zeigt sich an dieser Entscheidung, wie Russlands Rückkehr in den Weltsport immer weiter voranschreitet. Seit Beginn der Ukraine-Invasion im Februar 2022 ist Russland offiziell gesperrt, und aktuell herrscht noch ein ziemliches Durcheinander. In den meisten Verbänden dürfen Russen (und Belarussen) zwar als neutrale Athleten starten, in anderen Sportarten wie etwa in der Leichtathletik oder beim Biathlon nicht. Hinter den Kulissen laufen aber schon seit Monaten Gespräche darüber, wie sich die komplette Integration in die Sportfamilie möglichst bald bewerkstelligen lässt. Moskaus Einfluss im Weltsport war traditionell und insbesondere seit Beginn der Präsidentschaft von Wladimir Putin im Jahr 2000 immens; in vielen Sportarten ist er es trotz der Sperre bis heute.

Eine Kernfrage ist, in welcher Form und mit welchem Kontingent Russland an den Winterspielen in Mailand und Cortina im nächsten Winter teilnimmt (bei den Sommerspielen in Paris waren es zuletzt nur 15 Athleten). Zwischen Moskau und Sankt Petersburg hofft manch einer sogar noch darauf, dass die russische Fußball-Nationalmannschaft nachträglich in die Qualifikation für die WM 2026 in den USA integriert wird. Sobald sich Putin und US-Präsident Donald Trump im Ukraine-Krieg auf einen Deal verständigen, dürfte sich das Sanktionsthema im Sport ohnehin rasch erledigt haben. In manchen Sportarten aber soll es offenkundig besonders schnell gehen; der Weg der Fechter dürfte der Vorbote mehrerer vergleichbarer Entscheidungen in anderen Sportarten sein.

Dass ausgerechnet die Fechter vorpreschen, überrascht dabei kaum. Dort ist das Verhältnis zu Russland traditionell ein besonderes. Seit den Nullerjahren war der entscheidende Mann im Weltverband FIE der russische Milliardär Alischer Usmanow, der seit Beginn des Angriffskrieges unter anderem auf der Sanktionsliste der Europäischen Union steht (und das für ungerechtfertigt hält). 2022 erklärte er sich als Präsident selbst für suspendiert, im November 2024 ließ er sich erneut zum FIE-Chef wählen – und teilte bald darauf mit, sein Amt nicht auszuüben. Aktuell firmiert offiziell der Ägypter Abdelmoneim El Husseiny als Interimspräsident.

Schon Anfang April ließen die Fechter bei der Junioren-WM in Wuxi eine russische Mannschaft aus neutralen Athleten zu, nun dehnte die FIE-Exekutive dies auf die Erwachsenen aus. Bereits bei der Europameisterschaft in Genua (14. bis 19. Juni) können laut dem Vorstandsbeschluss russische Sportler im Teamwettkampf mitmachen. Der ukrainische Verband kündigte bereits an, rechtliche Schritte dagegen zu prüfen.

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