Fechten:Einer für einen

Athletenvertreter, Topfechter, Student: Max Hartung hatte zuletzt viele Jobs. Aber nun dreht sich fast alles um ein Ziel - endlich eine Olympiamedaille.

Von Volker Kreisl

Praktisch geht das nicht. Ein Mensch kann sich nicht in drei Personen teilen oder sich statt eines 24- einen 30-Stunden-Tag verpassen. Er kann's versuchen, aber irgendwann geht das schief. Auch der Säbelfechter Max Hartung, ein Vorzeige-Athlet in Deutschland, der lange erfolgreich auf drei Hochzeiten tanzte, stimmt zu: "Es geht tatsächlich nicht." Irgendwann, sagt er, "kamen die Verluste. Und sie haben weh getan".

In den vergangenen fünf Jahren war Max Hartung der Soziologie-Wirtschaft-Politik-Student, das Gründungsmitglied im Verein Athleten Deutschland und zudem auch der beste deutsche Fechter. Student war er in Friedrichshafen, Fechter in Dormagen und junger Sportpolitiker in Köln, Berlin und sonstwo. Er hat viel dazu beigetragen, dass Athleten ernst genommen werden; zuletzt wurde er auch zwei Mal Europameister. Und weil er nun, zu Beginn der Qualifikationsphase für Olympia 2020, so gut ist wie nie, scheint ihn Stress nie zu bremsen. Aber das wirkt nur so.

Gefochten wird von nun an alle zwei, drei Wochen auf einem anderen Kontinent, um in einem Jahr auf dem nötigen Weltranglisten-Platz zu stehen. An diesem Wochenende beginnen die Florettfechterinnen mit der deutschen Hoffnung Leonie Ebert beim Weltcup in Tauberbischofsheim, die Säbler hatten ihren Start am vergangenen Sonntag in Seoul. Dritter wurde Hartung da, den Weltcup davor in Budapest hatte er gewonnen, aktuell steht er auf Platz drei der Weltrangliste. So einer hat doch einen genauen Plan, oder?

Tatsächlich hatte sich Hartung auch übernommen, er sagt: "Ich mache penible Pläne und reiße sie spontan wieder ein."

Damit muss jetzt Schluss sein. Gut möglich, dass es für Hartung, 29, die letzte Olympiachance wird, und deshalb muss er seinen Trainingsplan befolgen. Er kann sich nicht mehr plötzlich am anderen Ende der Republik zum Studium einschreiben, und er will auch nie wieder so etwas erleben wie bei der WM in Leipzig.

Die Heim-WM 2017: Weil der Rest der jungen deutschen Fechter noch in der Entwicklung steckte, waren alle Augen auf die Säbler gerichtet, deren Hochform seit einem Jahrzehnt andauert, und die auch in Leipzig Mitfavoriten auf Gold waren. Die Tür zum Viertelfinale stand weit offen, das Team hatte gegen Frankreich stark gefochten. Bis 45 geht es im Teamfechten, 40:27 stand es für die Deutschen. Hartung musste den Spaziergang als letzter Fechter gegen Vincent Anstett nur vollenden. Doch am Ende hieß es 45:44 für Frankreich.

Fechten: Schmerzen in der Achillessehne, aber Dritter der Weltrangliste: Säbelfechter Max Hartung.

Schmerzen in der Achillessehne, aber Dritter der Weltrangliste: Säbelfechter Max Hartung.

(Foto: Fabrice Coffrini/AFP)

Hartung hatte sich damals in drei Teile geteilt und sein Training vernachlässigt. Er hatte seinen Bachelor gemacht, und weil für die Athletenvertretung ein neuer Vorsitzender gesucht wurde, hatte er sich auch dafür spontan bereit erklärt. Es ging darum, den Verein und dessen Ziele abzusichern, gegenüber den Instanzen aus der Politik hartnäckig zu bleiben. "Ständig bin ich nach Berlin gegurkt", sagt Hartung, und dann hatte sich dieser Gedanke eingenistet: Nur noch diese eine WM, "dann hab' ich mir meinen Urlaub verdient".

Der Gedanke führte ihn auf eine Einbahnstraße. Will man etwas nur hinter sich bringen, geht der Blick für den Moment verloren, gerade im Fechten, mit seinen Taktikwechseln. Hartung versuchte Anstett mit den vertrauten Tricks niederzuringen und wurde unflexibel. Er hatte bis zu dieser WM einen Haufen Arbeit auf einmal erledigt, selbstlos und vorbildlich. Und was hat's gebracht? "Am Ende", sagt er, "habe ich meinem Team geschadet."

Über das Team führt aber der beste Weg zu Olympia. Qualifiziert es sich, dann ist das mehr als eine zusätzliche Medaillenchance. Von den drei Teamfechtern sind automatisch drei im olympischen Einzel dabei - mit einem mentalen Vorteil. In olympischen Fechthallen am anderen Ende der Welt sitzen kaum eigene Fans, da ist man um jeden Kollegen auf der Tribüne froh, der Treffer bejubelt und beschreit. Und in einem Einzelsport, in dem man sich allein unter seine Maske zurückzieht, sind spätere Gespräche, Ausflüge oder das gemeinsame Bier umso wichtiger.

Für alle Waffen gilt nun dasselbe Prinzip. Verschaffen sich die Mannschaften bis Juli ein Punktepolster, so können sie bis April 2020 immer befreiter antreten. Erreichen die Säbler in der kommenden Woche in Madrid das Halbfinale, zudem bei der EM im Juni und der WM Ende Juli, wo es viele Punkte gibt, dann wären sie den größten Druck los. Geht das aber schief, sagt Hartung, "dann wird es hart für den Kopf".

So wie vor vier Jahren, als die Gruppen-Dynamik ins Negative kippte, im Januar immer noch kein Team unter den bereinigten besten Acht und so gut wie qualifiziert war, und am Ende nur vier recht einsame deutsche Einzelfechter in Rio früh ausschieden. Inzwischen ficht aber eine neue Generation, und die Frage ist, wie schnell sie sich entwickelt. Florett- und Degenfrauen suchen noch nach Stabilität, letztere gewannen aber gerade überraschend in Chengdu in China den Weltcup.

4 Athleten

hatten die deutschen Fechter 2016 zu Olympia nach Rio geschickt (Peter Joppich, Caroline Golubitzkyi, Matyas Szabo, Max Hartung). Alle blieben ohne Medaille - der Tiefpunkt für den Verband. Für Tokio 2020 hofft man auf neuen Erfolg, ob der Aufbau schon fruchtet, ist ungewiss.

Fechter pendeln wie fast alle Olympiasportler zwischen Ausbildung und Sport hin und her, in den kommenden Monaten kann sich jedoch keiner Ablenkung leisten. Hartung hat seinen Master-Abschluss erst mal verschoben, auch die Arbeit als Vorsitzender der unabhängigen Athletenvertretung darf die Konzentration nicht stören. Beruhigend könnte wirken, dass Athleten Deutschland in Hartungs Stressphase 2017 ganz schön vorangekommen war, unter anderem erhält der Verein nun Bundesmittel für seine Arbeit und kann Ziele wie den Kampf für eigene Werbemöglichkeiten der Sportler bei Olympia oder für eine sinnvolle Sportreform angehen.

Hartung, der Vorsitzende, hat aber gerade andere Sorgen, seine Achillessehne soll sich nicht weiter entzünden. "Die tut weh", sagt er. Fechter müssen ja fortwährend nach vorne schnellen, das belastet die Sehne im Absprungbein. Und der Druck und Stress aus drei Jobs gleichzeitig - der tut ihr sicher auch nicht gut.

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