Eine Pressekonferenz des Tabellen-Elften der Fußball-Bundesliga vor dem Spiel gegen den Siebzehnten ist in der Regel kein weltbewegendes Ereignis. Ein paar Fragen zum Gegner, zum Personal, die Nachrichtenagenturen haben bei einem solchen Anlass normalerweise nicht viel zu vermelden. Aber es sind gerade keine gewöhnlichen Tage beim 1. FC Union Berlin, seit der Verein am vergangenen Wochenende entschied, Marie-Louise Eta für die verbleibenden fünf Partien der Saison zur Cheftrainerin zu befördern.
Sosehr sich mit gutem Recht seitdem auch viele Beteiligte und Kommentatoren wünschen, dass eine Frau als Coach von Männern längst normal sein müsste: Alles, was in Köpenick gerade geschieht, sind Premieren im europäischen Spitzenfußball, dieser Männerdomäne. Und sei es auch noch so banal.
Die erste Groteske ergab sich beim ersten Training, das Eta, 34, am Dienstag leitete: Fans waren keine zugelassen, Journalisten für die erste halbe Stunde aber schon, rund 40 kamen. Die Bild-Zeitung tickerte live. 11.25 Uhr: „Die 1. Eta-Ansage“. 11.27 Uhr: „Eta ganz anders als Baumgart“ (angeblich lauter als ihr entlassener Vorgänger). 11.33 Uhr: „Eta sehr positiv!“
Zwei Tage später und zwei Tage vor ihrem ersten Spiel gegen den VfL Wolfsburg stand Eta dann zum ersten Mal vor den Kameras und Mikrofonen im Presseraum des Stadions An der Alten Försterei. Augenzeugen zufolge war er so gut gefüllt wie noch nie. Sie habe „volles Verständnis, dass es in der Öffentlichkeit eine Rolle spielt, das ganze Thema“, sagte Eta, ohne dieses Thema zu benennen, also: dass sie als erste Trainerin in den europäischen Top-Ligen der Männer arbeitet. Von einem „Schlüsselmoment“ hatte Vincent Kompany vom FC Bayern gesprochen: „Sie kann kleinen Mädchen als Vorbild dienen, damit sie sehen: Ich kann überall coachen und eine erfolgreiche Karriere haben. Diese Geschichten sind wirklich wichtig.“
Es sei ihr wichtig, dass es Inspiration für Mädchen gebe, dass sich „Wege und Türen öffnen“
Eta, die vor zweieinhalb Jahren bereits als Assistenztrainerin der Berliner Männer gearbeitet und das mediale Interesse auf sich gezogen hatte, die bis zur vergangenen Woche noch Unions männliche U19 trainierte und von der kommenden Saison an die Profi-Frauen trainieren soll, sagte nun: „Mir geht’s schon immer um Fußball, um die Zusammenarbeit mit Menschen.“ Wann immer die Fragen in Richtung der gesellschaftlichen Bedeutung ihrer Arbeit abbogen, versuchte sie, den Fokus in schnellen Sätzen wieder in Richtung Rasen zu lenken: „Es geht um Leistung, es geht um Inhalte“, sagte sie, oder: „Es wäre schön, wenn es irgendwann diese Fragen gar nicht mehr gibt, wenn es das Thema nicht mehr gibt.“ Wenn „nur noch der Fußball entscheidend ist“, nicht das Geschlecht.
Solange es die Fragen gibt, solange sind ihre Antworten aber natürlich von Belang. Es sei ihr wichtig, dass es Inspiration für Mädchen gebe, dass sich „Wege und Türen öffnen“. Sie wies darauf hin, dass sie keineswegs die erste Fußballtrainerin von Männern sei, nannte Sabrina Wittmann vom Drittligisten FC Ingolstadt und Imke Wübbenhorst, die in der vierten und fünften Liga arbeitete. Einen französischen Korrespondenten sprach sie auf Corinne Diacre an, die einst den Zweitligisten Clermont Foot trainierte. Die Hasskommentare in den sozialen Medien? Lese sie nicht, aber: „Es sagt mehr über die aus, die das ins Netz stellen.“
Im Verein selbst scheint all das kein Thema zu sein. Von den Fans an der Alten Försterei, die jeden Spieler als „Fußballgott“ feiern, wurde Eta bereits in ihrer Rolle als Co-Trainerin als „Fußballgöttin“ begrüßt. Mit der U19 spielte sie eine starke Vorrunde in der neu eingeführten DFB-Nachwuchsliga und verlor von 14 Partien keine (bevor die Mannschaft in der anschließenden Hauptrunde dann allerdings bislang nur einmal gewann). Steffen Baumgart habe ihr zum Einstand eine Sprachnachricht geschickt, erzählte sie.
Über die Andeutung von Geschäftsführer Horst Heldt, Eta könne auch über die Saison hinaus bei den Männern bleiben, wollte Eta genauso wenig sagen, wie sie Konkretes über ihre Spielidee verriet. Sie könnte etwas offensiver sein als jene von Baumgart. Allerdings werde Union „nicht auf einmal Tiki-Taka-Fußball spielen“.
Um den nächsten Gegner, den VfL Wolfsburg, ging es natürlich auch ein wenig. Die obligatorische Frage nach den Verletzten allerdings, die musste Unions Pressesprecher am Ende selbst stellen und beantworten.

