Süddeutsche Zeitung

FC St. Pauli:Hamburg hat einen neuen Stadtmeister

  • Zum ersten Mal seit 53/54 hat der FC St. Pauli in einer Saison beide Derbys gegen den Hamburger SV gewonnen.
  • HSV-Trainer Dieter Hecking äußert sich selbstkritisch. Er habe keine Lösung gefunden.
  • Der FC St. Pauli überzeugt dagegen mit ungewohnter Effektivität.

Welche Farbe Hamburg künftig regiert, das wird an diesem Sonntag bei der Bürgerschaftswahl geklärt, ob Rot, Grün oder voraussichtlich weiter Rot-Grün. Aber auf dem Fußballplatz ist die Frage für diese Saison beantwortet: "Hamburg ist braun-weiß", stand am frühen Samstagnachmittag auf einem Transparent im Fanblock des FC St. Pauli im Hamburger Volksparkstadion. Man darf den Spruch im eigenen Haus als Höchststrafe für den Hamburger SV bezeichnen, und der HSV musste ihn sich gefallen lassen, denn er hat schon wieder gegen den Nachbarn aus dem berühmten Stadtteil St. Pauli verloren. Wieder 0:2, diesmal daheim.

Schon das Hinspiel am Millerntor ein paar Kilometer entfernt hatte St. Pauli 2:0 gewonnen. Der Sieg in beiden Derbys gab es im Hamburger Fußballkosmos seit 1954 nicht mehr - der FC St. Pauli hat dem HSV nicht mal ein Tor gegönnt. "Der Frust ist groß", sagte Dieter Hecking, der Trainer des einstmals so glorreichen HSV. Zweimal das Derby zu verlieren sei ja nie so gut. Das illustrierte das Hamburger Publikum nach dem Schlusspfiff: Im heimischen Fanblock wurde schrill gepfiffen, als sich die HSV-Profis beim Büßergang näherten, obwohl die Anhänger ja seit Jahren einiges gewohnt sind. St. Pauli dagegen feierte gegenüber seine braun-weiße Party, die sich bei den Spielern in der Kabine und anschließend auf dem Kiez fortgesetzt haben dürfte.

Vor dem Spiel gab es erst mal Randale, Ultras des FC St. Pauli wollten ihre Pendants im HSV-Block besuchen. Polizisten wussten das zu verhindern, die Polizei war nicht umsonst mit einem Aufgebot wie bei G20 in Stellung gegangen, es standen unter anderem Wasserwerfer bereit.

Auf dem Spielfeld bestürmte der HSV eine Viertelstunde lang das Tor und hätte rasch führen können, 1:0 oder 2:0. Doch Louis Schaub traf nur die Latte, Sonny Kittel schoss knapp übers Ziel, ein Schuss von Jordan Beyer strich links vorbei, Kittel scheiterte an Torwart Robin Himmelmann. "Wir müssen in Führung gehen", sagte Hecking. "Der HSV hat in der Anfangsphase mehr oder weniger das Spiel verloren", meinte Jos Luhukay, der Trainer des FC St. Pauli. Keine schlechte Analyse. Danach machte es sein Ensemble besser als der HSV und verwandelte zwei Chancen: Henk Veerman setzte sich nach einem unverhofften Konter im Strafraum durch und besorgte nach 20 Minuten das 1:0, Matt Penney ließ mit einem für jedermann verblüffenden Linksschuss aus gut 20 Metern neun Minuten später das2:0 folgen. Die HSV-Defensive sah zweimal gebannt zu.

"Hohn und Spott nehmen wir hin"

"Ein Knacks zu viel", sei das gewesen, sagte Hecking. Luhukay war dagegen angenehm überrascht, so effektiv sei seine Mannschaft ganz selten. Man habe sich "rein gekämpft ins Spiel", erläuterte St. Paulis Kapitän Daniel Buballa, vom Verlauf seien wohl der eigene und der gegnerische Anhang überrascht gewesen. Dem HSV fiel nichts mehr ein, auch Hecking nicht, das gab er zu: "Ich habe nicht die Lösung gefunden, den Schuh muss ich mir anziehen." Er äußerte den Verdacht, dass man noch länger hätte spielen können, ohne die Partie zu drehen.

In einem waren die Klubs an diesem Nachmittag aber vereint: Beiden Teams wurde ein Tor vom Videoschiedsrichter in Köln aberkannt, der Unparteiische Manuel Gräfe hatte beide erst gegeben, das 3:0 durch Rico Benatelli eventuell zu Recht. Außerdem verhinderte Daniel Heuer Fernandes mit einer sagenhaften Parade den dritten Treffer der Gäste durch Marvin Knolls Kopfball.

St. Pauli will aus der Abstiegszone, der HSV nicht schon wieder den Aufstieg verpassen

Was soll man sagen? Der HSV hat talentierte junge Spieler wie Rick van Drongelen, Jordan Beyer, Louis Schaub, Tim Leibold oder den finnischen Stürmer Joel Pohjanpalo, aber mit Jeremy Dudziak (den Aaron Hunt schwach vertrat) und Adrian Fein auch zwei wichtige Spieler, die verletzt sind. Auch die Konstanz im Spiel ist zu wenig. Der Widersacher aus dem unteren Tabellenteil hat Heckings Truppe mit robusten Zweikämpfern wie Buballa und Knoll und den jederzeit anspielbaren Angreifern Dimitrios Diamantakos und Henk Veerman am Ende ziemlich souverän beherrscht.

Was das für die restliche Spielzeit bedeutet? "Die Stadtmeisterschaft haben wir schon mal geschafft", sagte Buballa, nach der vorerst gelungenen Flucht aus der Misere, "viel geiler geht's ja nicht". Jetzt müsste sich der FC St. Pauli nur noch dauerhaft von der Abstiegszone fernhalten. Der HSV wiederum will sich nicht entmutigen lassen von der Derby-Niederlage: "Hohn und Spott nehmen wir hin", berichtete Hecking, dann wende man sich wieder "unserem Ziel zu, und das heißt Aufstieg".

Anmerkung: In einer früheren Version dieses Artikels wurde behauptet, der FC St. Pauli habe noch nie beide Derbys in einer Saison gegen den HSV gewonnen. Tatsächlich war das in der Saison 1953/54 der Fall. Wir bitten, den Fehler zu entschuldigen.

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SZ vom 23.02.2020/tbr
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